Kairo 2011

Aus persönlicher Perspektive

Von Christian Meier
23.06.2020
, 14:55
Es waren Tage der Hoffnung. Ein Amerikaner erlebt den Umsturz in Ägypten.

Aus medialer Perspektive war Ägypten das Zentrum der Arabellion. Auf den dramatischen Geschehnissen rund um den Kairoer Tahrir-Platz lag von Januar 2011 an das Hauptaugenmerk der weltweiten Berichterstattung. Seit der damalige Verteidigungsminister Abd al Fattah al Sisi jedoch im Sommer 2013 den islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi gestürzt und die Proteste von dessen Anhängern blutig niedergeschlagen hat, ist es in den Medien ruhiger geworden um das bevölkerungsreichste arabische Land. Das hängt mit der derzeitigen bleiernen Stille in Ägypten zusammen, aber auch mit veränderten regionalen Rahmenbedingungen – der politische Schwerpunkt liegt mittlerweile weiter östlich, in der Golfregion.

Ungeachtet dessen, bleiben die Jahre der Tahrir-Revolution und ihres Scheiterns wichtig und prägend, und so verwundert es, dass es auf Deutsch bislang – anders als im englischen Sprachraum – keine große Darstellung dieser Zeit gibt. Nun liegt zumindest ein Werk in Übersetzung vor. Um es vorwegzunehmen: Auch Peter Hesslers „Die Stimmen vom Nil. Eine Archäologie der ägyptischen Revolution“ kann diese Lücke nicht schließen. Der Autor strebt das aber auch gar nicht an. Die Qualitäten seines Buchs liegen jenseits der Aufarbeitung des Tagesgeschehens: Es setzt auf einer fundamentaleren Ebene an, um die Entwicklungen in Ägypten zu schildern und zu verstehen.

Hessler lebte mehrere Jahre lang als Korrespondent des „New Yorker“ in Ägypten. In der Tradition dieser Zeitschrift nähert er sich auch dem Thema: in einer Mischung von Reportage und Analyse mit autobiographischen Elementen. Der 1969 geborene Journalist nimmt keine Vogelperspektive ein, sondern richtet die Erzählung zum großen Teil an selbst Erlebtem aus. Das beeinflusst und beschränkt natürlich die Perspektive, und tatsächlich unterläuft Hessler wiederholt die Erwartungen des Lesers. An allererster Stelle fehlt eine Darstellung der Revolution selbst, denn Hessler und seine Familie zogen erst im Herbst 2011 nach Kairo – gut ein halbes Jahr nach Mubaraks Sturz. Auch andere wichtige Ereignisse wie Sisis Putsch-Rede oder das Massaker auf dem Rabia-al-Adawiya-Platz im Sommer 2013 werden nur am Rande geschildert. Und anstelle etwa mit einer Szene vom Tahrir-Platz beginnt das Buch mit einem Kapitel darüber, wie die Revolutionstage Anfang 2011 in Abydos erlebt wurden – einer in der oberägyptischen Provinz gelegenen Ausgrabungsstätte.

Das alles ist natürlich weder Inkompetenz noch dem Zufall geschuldet, denn Hessler ist ein meisterlicher Reporter. Er betritt nur gewissermaßen gerne das Haus durch den Nebeneingang. Vor allem aber nutzt er seine selbstgewählte Beschränkung, um die Aufmerksamkeit auf andere Phänomene zu lenken: So bietet das Buch etwa eine eingehende Beschreibung des Kairoer Müllentsorgungssystems. Hessler geht es dabei aber nicht um die oft erzählte Leidensgeschichte der „Zabbalin“ – der christlichen Kopten, die den Müll in ihren Wohngebieten sammeln und händisch sortieren –, sondern um ein Beispiel dafür, wie Modernisierungsprojekte in Ägypten aufgrund von Inkompetenz und mangelnder Weitsicht scheitern. Das gilt für die gesamte Stadtentwicklungspolitik mit ihren Träumen von glitzernden Wüstenstädten und der weitaus tristeren Realität ungeplanter Viertel, in denen viele Millionen leben, streng genommen illegal. Das Mubarak-Regime „war autoritär, ohne viel Autorität zu besitzen, und zeigte überdies eine gewisse Neigung zur Fantasterei“, schreibt Hessler, was als Erklärung für das scheinbare Chaos in Kairo und das häufige Auseinanderklaffen von Wunsch und Wirklichkeit taugt.

Solche Spurensuchen machen das Buch aus: Oft von seinem persönlichen Umfeld ausgehend, beschreibt der Autor bestimmte gesellschaftliche Phänomene, um von dort zu einer Erörterung ihrer politischen Bedingungen und Konsequenzen zu gelangen. Die Schilderung von polizeilicher Willkür gegenüber Homosexuellen beispielsweise führt zu Überlegungen über das Wesen des Autoritarismus in Ägypten, der sich laut Hessler „eher in einem allgemeinen Klima manifestierte als in klar definierten Strukturen“. Autoritätspersonen, schreibt er, „taten das, was sie taten, weil sie die Macht dazu hatten, und handelten nicht etwa auf Befehl oder nach einer festgelegten Vorgehensweise“. Das macht den ägyptischen Polizeistaat allerdings zugleich höchst unberechenbar. So erklärt ein Politiker Hessler auch den Tod des italienischen Doktoranden Giulio Regeni, der Anfang 2016 mutmaßlich von Angehörigen der Sicherheitskräfte misshandelt wurde: mit einem „tragischen Zusammenbruch der Kommandostrukturen“. Unter früheren Regimes, so der Politiker, „wäre es unvorstellbar gewesen, einen Ausländer zu Tode zu foltern“.

Aber auch der im engeren Sinne politischen Entwicklung folgt Hessler. Er beschreibt den Zerfall der führerlosen Revolutionsbewegung, den Aufstieg der Muslimbrüder zur Regierungspartei und die Wahl Mursis 2012, ihre Inkompetenz an der Macht (Hessler vermutet früh, dass die Islamisten gar nicht so stark im Land verankert sind, wie sie immer behaupteten), die Polarisierung und die Zunahme von Gewalt und Chaos, die in Mursis Absetzung gipfelt; den Schauprozess gegen ihn nach dem Machtwechsel sowie schließlich Sisis Art, Ägypten zu führen: „wie ein Vater, der ein kleines Kind maßregelte“. Diese Vorgänge kontrastiert er immer wieder mit Eindrücken aus Provinzorten – wobei sich zeigt, dass bei aller Dynamik des nationalen politischen Geschehens sich in der Lokalpolitik oft gar nicht so viel verändert.

Manchmal folgt der Autor auch einfach seinen Neigungen, und daraus haben sich einige der ungewöhnlichsten, aber auch faszinierendsten Passagen ergeben: Als er auf dem Basar einer Kleinstadt zu seiner Überraschung auf einen Chinesen trifft, beginnt der ehemalige China-Korrespondent Hessler nachzuforschen und macht schließlich ein ganzes Netz chinesischer Dessoushändler (und -händlerinnen) aus, später auch noch eine chinesische Fabrikstadt. Der Erfolg der Arbeitsmigranten aus China in dem arabischen Land ist unterschiedlich, sie sind geschäftstüchtig, finden aber oft zu wenig geeignetes Personal. Hessler gelangt in diesem Zusammenhang zu dem Schluss, dass es vor allem die Auffassung von der Rolle der Frau im Erwerbsleben ist, die Chinesen von (traditionellen) Ägyptern unterscheidet: Ägypterinnen sollen nach Möglichkeit nur arbeiten, bis sie genug Geld verdient haben, um für eine Eheschließung in Frage zu kommen.

Problematischer ist ein anderer Vergleich, den Hessler implizit anbringt. Seine Faszination für das alte Ägypten äußert sich in Exkursen zu Ausgrabungen und den daraus resultierenden Erkenntnissen über die Lebens- und Vorstellungswelt der Pharaonenzeit. Dabei scheint er manche Parallele zur heutigen Situation zu entdecken. Aber selbst wenn es Ähnlichkeiten zwischen dem zweiten Jahrtausend vor Christus und heute geben sollte, was bestimmte politische Strukturen und Verhältnisse betrifft, so dürften die Unterschiede diese bei weitem überwiegen.

Zusammengehalten werden die Fäden der Erzählung durch eine Reihe von Protagonisten aus dem Umfeld des Autors: der Müllsammler, der Sprachlehrer, der schwule Dolmetscher. Ihren Geschichten und denen ihrer Familien widmet Hessler sich mit Hingabe. Was dieses bunte Figurenensemble erlebt, ist skurril, dramatisch und tragisch, es reicht von der Ehekrise über die Flucht nach Deutschland bis hin zum frühen Tod. Wäre der „Jakubijan-Bau“, Alaa al-Aswanis berühmter Kairo-Roman, ein Sachbuch – er wäre wohl ungefähr so wie Peter Hesslers Buch.

Ähnlich wie im „Jakubijan-Bau“ könnte man als Fazit der „Stimmen vom Nil“ festhalten, dass es in Ägypten nicht gelungen ist, die grundlegenden sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu reformieren, in denen viele Menschen gefangen sind. An einer Stelle schreibt Hessler über demographische Strukturen: „Wahre Macht entspringt aus dem Mangel.“ Daher glaube er auch nicht, dass es die vielbeschworene Revolution der Jugend in Ägypten geben werde: Jugend sei in dem Land einfach eine zu billige Ressource.

Peter Hessler: „Die Stimmen vom Nil“. Eine Archäologie der ägyptischen Revolution. Aus dem Englischen von Thomas Pfeiffer und Andreas Thomsen. Carl Hanser Verlag, München 2020. 544 S., 26,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Meier, Christian
Christian Meier
Redakteur in der Politik.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot