Kein „langer Frieden“

Viele regionale kalte Kriege

Von Stefan Fröhlich
29.07.2020
, 11:28
Der Kalte Krieg hatte viele Facetten. Manche spüren wir bis heute.

Lüthis gewichtiges Werk zu einer Neubewertung des Kalten Krieges verlangt dem Leser einiges ab. Quellen- und detailgesättigt, und nicht frei von einigen Redundanzen, tut man sich mit der Lektüre schwer. Dennoch lohnt sich der Band für historisch und politisch Interessierte allemal, nicht zuletzt, weil der Autor einen zwar nicht vollkommen neuen, aber doch originellen und plausiblen Ansatz für seine Interpretation liefert, dem bislang lediglich eine Minderheit von Wissenschaftlern folgte.

Gewöhnlich verbindet man auch hierzulande mit dem Kalten Krieg jene Phase zwischen 1945 und 1989, in der die Supermächte Vereinigte Staaten und Sowjetunion die Welt dominierten und entlang ihrer ideologischen Vorstellungen unter sich aufteilten. Berlin- und Kuba-Krise, Truppen entlang der norddeutschen Tiefebene, nukleares Wettrüsten bis hin zu Reagans „Krieg der Sterne“-Plänen in den 1980er Jahren sowie Stellvertreterkriege im Nahen und Mittleren Osten, Südostasien und Zentralamerika symbolisierten die Wegmarken eines Ideologiezeitalters, welches Ende der 1980er Jahre mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Triumph der Amerikaner als Anführer der „freien Welt“ endete.

Lüthi fordert diese traditionelle Sicht auf die Epoche heraus und bietet uns ein alternatives Narrativ – eines vom Kalten Krieg, der mehr war als nur eine binäre Konfrontation, bei der die Supermächte ihre Allianz- und strategischen Partner wie Marionetten instrumentalisierten. Korea, Deutschland und Afghanistan mögen solche Schauplätze gewesen sein, die ausschließlich zu Austragungsorten dieses globalen Machtkampfes wurden. Ansonsten aber handelte es sich um eine Phase paralleler „kalter Kriege“ bzw. eng miteinander verwobener Konflikte vor allem in Asien sowie im Nahen Osten, die bereits vor Ausbruch des Kalten Krieges schwelten und in dessen Verlauf mehr oder weniger stark auf den europäischen Kontinent ausstrahlten.

Das Verdienst des Autors ist es somit, unser Augenmerk auf ein Verhalten regionaler staatlicher Akteure zu richten, das viele Beobachter eigentlich erst in der multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts als Phänomen in den internationalen Beziehungen konstatieren: danach sind solche Akteure effektive Opportunisten, welche die Großmächte geschickt gegeneinander ausspiel(t)en und für ihre eigenen Zwecke manipulierten. „Hedging“ nennt man diese Strategie, wie sie heute vor allem in der asiatisch-pazifischen Region zu beobachten ist. Mit ihr üben Staaten zunehmend Druck auf die um die dortige Hegemonie ringenden beiden Supermächte China und Vereinigte Staaten aus.

Darüber hinaus wendet sich der Autor zugleich gegen eine weitere, seiner Meinung nach überkommene Idee, wonach der sowjetisch-amerikanische Machtkampf ursächlich war für den sogenannten „langen Frieden“, wie ihn zahlreiche Zeithistoriker für die Epoche ausmachen. Vielmehr seien Regionen außerhalb von Europa und Nordamerika in dieser Phase dauerhaft von Konflikten betroffen gewesen. Asien und der Nahe Osten waren bis in die 1970er Jahre strukturellen Veränderungen ausgesetzt, die schließlich auch auf Europa und den Ost-West-Konflikt ausstrahlten. Dies gilt für die innerstaatlichen Konflikte in China (seit 1927) und Vietnam (seit 1945), und es gilt für regionale Konflikte wie den Nahostkonflikt oder den sino-indischen Grenzkrieg Anfang der 1960er Jahre. In allen Fällen handelte es sich im Ergebnis um Kombinationen von Dekolonisations- und ideologischen (so in Asien) oder langwährenden lokalen Konflikten (so im Nahen Osten mit historischen Wurzeln in der Zeit des Zerfalls des Osmanischen Reichs), in denen die regionalen Akteure ihrerseits ihre eigenen Agenden entwickelten und so umgekehrt Einfluss auf die Supermächte ausübten. Und von dem Moment, da Amerika und die Sowjetunion Anfang der 1960er Jahre zu Supermächten avanciert waren, hatten sie die Welt mitnichten auch ökonomisch und politisch unter ihre Kontrolle gebracht. Vielmehr waren sie es, die sich in dieser Phase in jene Konflikte hineinziehen ließen und damit auch kontextspezifischen und alternativen ideologischen Entwicklungen ausgesetzt sahen – dem durch Indien angestoßenen Asiatisch-Afrikanischen Internationalismus und der Blockfreien-Bewegung; der anti-westlichen und antisowjetischen Agenda Chinas in den 1960er Jahren; oder den panislamischen Konzepten zwischen den 1930er und 1970er Jahren. Kurzum, die regionalen „kalten Kriege“ entwickelten sich in verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten, und die regionalen Akteure prägten sie parallel in miteinander verbundener Weise.

Konsequent ist daher auch das letzte Hauptargument des Verfassers: Da alle diese regionalen „kalten Kriege“ bereits vor dem „offiziellen“ Ende des großen Kalten Krieges – dem fast gleichzeitigen Zerfall des Sowjetreiches und der Berliner Mauer – vorbei waren, hat eigentlich auch dieser schon in den späten 1970er und frühen 1980er Jahre aufgehört zu existieren. Für Lüthi markieren die Auflösungstendenzen unter den kommunistischen Befreiungsbewegungen in Ostasien 1978/79, die Aufgabe der Breschnew-Doktrin durch die Sowjetunion 1981 und schließlich der gleichzeitige ökonomische Zerfall des sozialistischen Lagers in Europa während der Krise in Polen den ersten von drei strukturellen Endpunkten der regionalen „kalten Kriege“. Den zweiten sieht er in der vergleichsweise raschen Transformation langanhaltender Kalte-Krieg-Antagonismen in politische und ökonomische Partnerschaften (so die gegenseitige sino-amerikanische Anerkennung 1979; die sino-amerikanisch-südostasiatische Kooperation zur Eindämmung Vietnams im selben Jahr; oder die ökonomische Integration einiger osteuropäischer Staaten in die Weltwirtschaft). Das dritte Strukturelement markiert schließlich das den Kalten Krieg als Ordnungsprinzip in den internationalen Beziehungen allmählich transzendierende Phänomen des Aufstiegs islamistischer Bewegungen und der Errichtung der Islamischen Republik Iran.

Das Buch endet mit einem Ausblick auf die Auswirkungen des Kalten Kriegs in Europa. Lüthi sieht die Rückkehr eines Ethnonationalismus und national-konservativer Bewegungen und Parteien als eine langfristige davon und warnt vor allzu vorschnellen Aufkündigungen der großen Errungenschaften des europäischen Einigungsprozesses und der liberalen Ordnung. So nützten solche Bewegungen die unbestrittenen Schwächen des EU-Systems zum Zweck eigener kurzfristiger politischer Erfolge aus und forderten damit die Erfolge des Projekts heraus. Die unmissverständliche Botschaft ist einfach: Angesichts nationaler Feindschaften und wiederkehrender Kriege in den vergangenen 150 Jahren in Europa darf die politische Bühne und Debatte nicht jenen überlassen werden, die jenes Projekt gefährden wollen, das seit 1945 Frieden und Prosperität garantiert hat.

Stefan Fröhlich

Lorenz M. Lüthi: „Cold Wars. Asia, The Middle East, Europe.“

Verlag Cambridge University Press, Cambridge 2020, 784 Seiten, 26,99 £

Quelle: F.A.Z.
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