Kim Jong-un

Ungewollte Einblicke

Von Hanns Günther Hilpert
Aktualisiert am 05.10.2020
 - 10:54
Kim Jong-un ist der Gebieter Nordkoreas. Im Hintergrund die beiden ersten Kim-Herrscher.
Eine ehemalige CIA-Analytikerin schreibt über Nordkorea - viel Konventionelles, keine Sensationen.

Es ist verlockend, den jungen seit 2012 in Nordkorea herrschenden Machthaber Kim Jong-un als Witzfigur abzutun. Geradezu unwirklich kontrastieren Kim Jong-uns kindliche Gesichtszüge, seine Leibesfülle mit der von der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) ausgehenden aggressiven, nuklear und ballistisch unterlegten Außenpolitik. Leider ist Kim Jong-un aber keine Comicfigur. Die von Nordkorea ausgehende Bedrohung des Weltfriedens, die Beschädigung des nuklearen Nichtverbreitungsregimes, der totalitäre Terror und die schrecklichen Menschenrechtsverletzungen in dem Land sind traurige Wirklichkeit. Eine nüchterne Beschäftigung mit dem Mann, der an den Schalthebeln der Macht sitzt und den Finger am roten Nuklearknopf hat, ist daher mehr als überfällig. Es ist verdienstvoll, wenn die Autorin Jung H. Pak ein Porträt des „obersten Führers“ der DVRK zeichnet, seine Herkunft, seinen Werdegang und seine Persönlichkeit durchleuchtet, um auf dieser Grundlage die von Kim Jong-un verfolgten Ziele und seine Politik besser verstehen zu können.

Als langjährige stellvertretende Leiterin der Nordkorea-Abteilung des amerikanischen Geheimdienstes CIA scheint die Autorin geradezu prädestiniert für diese Aufgabe zu sein. Aber es ist wahrscheinlich genau dieser geheimdienstliche Hintergrund, weshalb die Analyse letztlich sehr im Konventionellen verhaftet bleibt. Den Korea-Spezialisten vermittelt das Buch keine neuen Informationen und keine neuen Erkenntnisse. Gleichwohl besitzen Paks Blick auf Nordkoreas Geschichte, welche mit der Kim-Dynastie eng verwoben ist, ihre Schilderungen der politisch relevanten Stationen in Kim Jong-uns Leben einen analytischen Mehrwert. Das Buch dürfte insbesondere für außenpolitisch interessierte Leser, die mehr über den Konflikt auf der koreanischen Halbinsel wissen wollen, durchaus interessant sein.

Jung H. Pak erzählt die Geschichte Nordkoreas im Kontext der Leben der drei aufeinanderfolgenden Kim-Machthaber. Sie beginnt den historischen Abriss mit den Ursprüngen des Regimes im Partisanenkampf gegen die japanische Kolonialmacht, fährt fort mit der von der Sowjetunion angeleiteten Staatsgründung und dem von Kim Il-sung, dem Dynastiebegründer und Großvater Kim Jong-uns, 1950 ausgelösten Koreakrieg, welcher über die nächsten drei Jahre etwa drei Millionen Koreanern, etwa einem Zehntel der Bevölkerung, das Leben kosten sollte und das Land dem Erdboden gleichmachte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelang Kim Jong-il, dem Vater Jong-uns, 1994 bis 2011 die politische Konsolidierung der DVRK. Er etablierte gegen massive äußere Widerstände und unter eklatantem Bruch völkerrechtlicher Verpflichtungen eine eigenständige nuklear-ballistische Rüstung. Kim Il-sung und Kim Jong-il sicherten ihre Macht im Innern mit Terror, einer effektiven Abschottung gegen regimekritische äußere Einflüsse, einer alle Bereiche des Lebens durchdringenden Propaganda und einem religiös anmutenden Personenkult.

Kim Jong-uns Herrschaft steht ganz in der Kontinuität der Politik seiner Vorgänger. In der unverhohlenen Entschlossenheit und Brutalität, mit der er seine Ziele verfolgt, stellt er seinen Vater und seinen Großvater aber in den Schatten. Spektakuläres Opfer seiner Säuberungen war sein Onkel Jang Song-thaek, der öffentlich aus der Sitzung des Politbüros des ZK der Partei der Arbeit heraus verhaftet, rasch in einem Schauprozess abgeurteilt und mit einem Flakgeschütz hingerichtet wurde. Auch die öffentliche Ermordung seines im Exil lebenden Halbbruders Kim Jong-nam auf dem Flughafen von Kuala Lumpur sendete eine klare Botschaft, was dem Regime Abtrünnigen widerfahren kann. Kim Jong-un setzte auch neue politische Akzente. Anders als sein Vater fördert er marktwirtschaftliche Initiativen, verspricht der jüngeren Generation wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstand und inszeniert diese Hoffnung durch die Errichtung von Freizeitparks, Spaßbädern und Skigebieten. Auch hat er die Chancen der Digitalisierung zur illegalen Devisenbeschaffung und für die Cyberkriegsführung erkannt und baut die heimischen Kapazitäten hierfür auf.

Die Entwicklung und der Ausbau des von seinem Vater geerbten Nuklearprogramms wurden das bestimmende strategische Ziel in Kim Jong-uns nationalistischer Außen- und Sicherheitspolitik, ungeachtet mehrerer Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates und der zahlreichen gegen Nordkorea verhängten Sanktionen. Faktisch haben die unter Kim Jong-uns Regie inszenierten Nuklear- und Raketentests die DVRK zu einer Nuklearmacht gemacht. Und es ist dieser international allerdings nicht anerkannte Status der DVRK, der es Kim Jong-un ermöglichte, im Zuge einer von ihm 2018 selbst eingeleiteten Schönwetterperiode propagandawirksam mehrere Gipfeltreffen mit den Präsidenten Südkoreas (Moon Jae-in), Chinas (Xi Jinping), Russlands (Wladimir Putin) und vor allem der Vereinigten Staaten (Donald Trump) abzuhalten. Einen derartigen Prestigeerfolg hatten weder sein Vater noch sein Großvater erzielen können.

Man darf berechtigte Zweifel daran haben, ob Kim Jong-un mit seiner Politik und seinem Politikstil auf Dauer Erfolg haben wird. Die Welt wird aber bis auf weiteres mit ihm und seiner Politik zu tun haben. Da kann Jung H. Paks Hinweis hilfreich sein, dass Kim Jong-uns Selbstgerechtigkeit, Rücksichtslosigkeit und Risikobereitschaft – Eigenschaften, die ihn von seinen Vorgängern unterscheiden – in der besonderen Sozialisation zum absoluten Herrscher der DVRK begründet sind. Anders als seine Vorgänger musste Kim Jong-un nicht Krieg, Entbehrungen und existentielle Krisen durchstehen. Er wuchs in privilegierten Verhältnissen auf, wo er von frühester Kindheit an seinen Willen durchsetzen konnte, ohne auf Widerstand zu stoßen. Diese Erfahrung sollte sich auf seinen Politikstil nach innen und nach außen nachhaltig auswirken.

Im Schlusskapitel stellt Jung H. Pak die Frage, wie angesichts des zentralen Stellenwerts der nuklearen Rüstung für das Überleben des Regimes Nordkorea zu einem atomaren Verzicht veranlasst werden kann. Pak hält wenig von positiven Anreizen, wie etwa diplomatischer Anerkennung, einem Friedensvertrag oder Wirtschaftshilfen. Vielmehr plädiert sie für einen noch stärkeren, international koordinierten politischen Druck, für härtere, wirkungsvollere Sanktionen und für Maßnahmen zur Destabilisierung des Regimes. Problematisch an diesen Empfehlungen ist nicht die wahrscheinlich richtige Antwort als vielmehr die falsche Frage. Denn Nordkorea ist weit mehr als ein amerikanisches Sicherheitsproblem. In der Korea-Frage geht es eben auch um den sino-amerikanischen Großmachtkonflikt, um die ungelöste Teilung der koreanischen Halbinsel, um die Stabilität des multilateralen Regelwerks zur Eindämmung der Proliferation von Massenvernichtungswaffen und um eine friedliche Systemtransformation der DVRK.

Eine Politik, die die zuletzt genannten Aspekte ausklammert, wird zwangsläufig auch in der Nuklearfrage mit Nordkorea keine Fortschritte erzielen können. Tatsächlich haben Amerikas Versuche, der nordkoreanischen Nuklearrüstung mit politischem Druck und wirtschaftlichen Sanktionen zu begegnen, über nun drei Dekaden wenig gefruchtet. Und es besteht kein Anlass für die Vermutung, dass eine solche Strategie in Zukunft erfolgreicher sein könnte. Zielführender sollte man daher die Frage stellen, was getan werden kann, um die DVRK von innen her zu verändern, so dass von Nordkorea keine Bedrohung von Frieden und Stabilität nach außen mehr ausgeht. Politischer Druck und Sanktionen werden dabei zweifellos eine Rolle spielen müssen, aber eben auch Diplomatie, die Stimulierung und Beförderung von Nordkoreas wirtschaftlicher Entwicklung sowie die Überwindung von Informationsblockaden, die Nordkoreas Bevölkerung von der Außenwelt isolieren.

Jung H. Paks Buch lässt derartige Überlegungen vermissen. Ihre Analyse ist in verstörender Form amerikazentriert, sie ist unterkomplex und bleibt oft oberflächlich. So wird die Rolle der IAEA bei der Aufdeckung der nordkoreanischen Nuklearrüstung Anfang der 1990er Jahre unterschlagen. Oder es wird von „Obamas neuen Maßnahmen“ gesprochen, wenn die Sanktionen des UN-Sicherheitsrates gemeint sein müssten. Dies sind nur zwei Beispiele von zahlreichen Ungenauigkeiten, die an vielen Stellen des Buches zu finden sind. So gehen auch die Bibliographie und das psychologische Profil Kim Jong-uns nicht über das aus Medienberichten Bekannte hinaus. Hier würde sich der/die Leser/in mehr Tiefe und Breite wünschen. Unverständlich ist auch, warum nichtamerikanische Quellen von der Autorin praktisch nicht wahrgenommen werden. Selbst den von der Autorin kolportierten internen Anspruch des CIA-Geheimdienstes, nämlich die eigenen Annahmen immer wieder rigoros in Frage zu stellen, kann die Autorin nicht erfüllen. Wäre das der Fall gewesen, hätte sie die Rolle Amerikas bei der Entstehung und der sukzessiven Verschärfung der nordkoreanischen Nuklearfrage beleuchten und in Frage stellen müssen. In ihrer Analyse spart Jung H. Pak zwar nicht mit (berechtigter) Kritik an Donald Trumps Nordkorea-Politik. Tatsächlich tragen für die Sozialisation von Kim Jong-un und der DVRK in der internationalen Politik die Vorgängeradministrationen Clinton, Obama und vor allem Bush Jr. eine erheblich größere Verantwortung. Die von Amerika in den vergangenen drei Dekaden gegenüber Nordkorea verfolgten außen- und sicherheitspolitischen Ansätze, die zugrunde gelegten konventionellen Annahmen sind aber nicht Gegenstand ihrer Erörterungen.

Trotz all dieser Schwächen handelt es sich um ein lesenswertes Porträt von Kim Jong-un. Ungewollt gibt die Autorin auch etwas über die Sichtweise und Herangehensweise des amerikanischen sicherheitspolitischen Establishments preis.

Jung H. Pak: Kim Jong-un. Eine CIA-Analystin über sein Leben, seine Ziele, seine Politik.

Dumont Buchverlag, Köln 2020. 415 S., 24,– .

Quelle: F.A.Z.
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