Klimawandel

Leidenschaftliche Leidenschaftslosigkeit

Von Jochen Buchsteiner
18.01.2021
, 14:06
Ist der Nationalstaat Teil der Lösung oder Teil des Problems? Anatol Lieven versucht, eine „realistische“ Antwort zu geben.

Der Klimawandel wurde lange Zeit von (eher linken) Aktivisten und (eher konservativen) Skeptikern in die Zange genommen. Erstere neigten dazu, die Gefahr absolut zu setzen, und forderten radikale, oft utopisch erscheinende Maßnahmen. Letztere relativierten die Risiken und setzten, wenn überhaupt, auf marktkonforme Steuerungsmechanismen oder auf den technologischen Fortschritt. In der Literatur zum Thema sind mittlerweile auch Hybride zu finden, aber niemand wirbelt die alte Schlachtordnung derart lustvoll durcheinander wie der britische Politikwissenschaftler Anatol Lieven.

Lieven, Professor an der Georgetown University, nähert sich dem Thema aus sicherheitspolitischer Sicht. Schon damit ist er eine Ausnahme. In der Welt der internationalen Politik zählt Lieven, der auch für die New America Foundation arbeitet und als Auslandskorrespondent in Russland und Asien tätig war, zu den „Realisten“. Umso überraschender ist seine Priorisierung des Klimawandels als der alles überragenden Herausforderung für die Sicherheit der Nationen. Zu Beginn ähnelt das Buch einer Aufrüttelungsrede an den eigenen „Tribe“. Fassungslos referiert Lieven das Desinteresse des außen- und sicherheitspolitischen Establishments am Klimawandel und wirft ihm – nicht ohne Ausnahmen zu zitieren – vor, sich schon deswegen auf den „Neuen Kalten Krieg“ (gegen Russland und China) zu konzentrieren, weil dies ihrem traditionellen Denken entspreche. Dabei seien die großen Mächte heute „viel bedrohter vom Klimawandel als voneinander“.

Lieven ist überzeugt, dass dem Westen kein gewöhnlicher, mit Waffen ausgetragener Krieg droht. Weder in Putins Moskau noch in Xis Peking macht er einen aggressiven globalen Machtanspruch aus – nur beschränkte Arrondierungen (wie in der Ukraine oder im Südchinesischen Meer), die niemanden außerhalb der betroffenen Gebiete stören müssten; sie sollten von uns „so leidenschaftslos behandelt werden, wie andere postimperiale Territorialdispute in der Welt“ und nicht als ernsthafte Bedrohung westlicher Interessen, rät er. Die völker- und menschenrechtliche Dimension ficht den Realisten Lieven nicht so sehr an. Lieber wägt er den fraglichen Nutzen einer moralischen Mission gegen diese Länder mit den Kosten ab, die daraus für den globalen Kampf gegen den Klimawandel entstehen.

Lieven sieht auf den Norden Europas und Amerikas weniger unmittelbare Konsequenzen zukommen als auf die südlichen Gebiete und vor allem auf die schwächer entwickelten Länder (hier besonders Südasien). Und doch beschreibt er eine Reihe von politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen, die am Ende die „Existenz der westlichen Demokratien“ gefährdeten. Bis zu diesem Punkt dürften ihm Klimaaktivisten zujubeln, stärkt er doch ihr Anliegen um ein weiteres, nämlich sicherheitspolitisches Argument. Außerdem verlangt Lieven „massive Einschränkungen des Kapitalismus“ und stellt sich hinter den „Green New Deal“ der amerikanischen Demokraten. Doch wo Lieven die Voraussetzungen für ein wirkungsmächtiges Handeln gegen den Klimawandel ausleuchtet, ist ihm harscher Widerspruch gewiss.

Als nachgerade zersetzend für unsere Gesellschaften und damit für die Effizienz jeder Klimapolitik betrachtet Lieven die Migration, die durch die Erderwärmung noch weiter zuzunehmen drohe. Lieven ist kein Einwanderungsgegner, aber er argumentiert mit dem britischen Ökonomen Paul Collier für eine konsequente Steuerung, weil Massenmigration, wie sie Europa zurzeit erlebe, die Gesellschaften in „erbitterte Polarisierung“ treibe. Dies wiederum stärke nicht nur klimaskeptische Rechtspopulisten, sondern verschiebe die politischen Prioritäten zu Lasten der Klimapolitik. Er wirft Linken und Grünen im Westen vor, nicht nur die kontraproduktive Wirkung einer Politik offener Grenzen nicht bedacht zu haben, sondern auch die der Anti-Atompolitik. Seinen wohl provokantesten Einspruch meldet er aber an der (nicht nur linken) Überzeugung an, dass dem Erderwärmungsproblem nur mit „global governance“ beizukommen sei und der Nationalstaat dabei eher im Wege stehe.

Lieven sieht, im Gegenteil, einen „zivilen Nationalismus“ – den Begriff Patriotismus hält er für euphemistisch – als zentrale Bedingung für ein effizientes Handeln gegen den Klimawandel. Nur wer die eigenen, nationalen Interessen bedroht sehe, sei zu radikalem Handeln bereit – und nur der Nationalstaat könne seinen Bürgern die nötigen „Opfer“ abverlangen. Auf vielen Seiten spürt Lieven den Missverständnissen über den Nationalismus nach und bescheinigt ihm, trotz der Ausflüge ins Kriegerische die Moderne entscheidend vorangetrieben zu haben. Er arbeitet die identitäts- und demokratiestiftende Dimension des Nationalismus heraus und bekennt sich zu dessen Frucht: dem (westlichen) Liberalismus. Allerdings sieht er den Versuch, diesen in die Welt zu exportieren, als gescheitert an. Ein „ethischer Realismus“ zwinge dazu, sich wieder weniger für ferne Regionen und Menschen einzusetzen, als für den eigenen Staat, argumentiert er.

Der Kampf gegen den Klimawandel müsse daher in „nationalistische Kategorien umgedeutet“ werden – die Verteidigung des Nationalstaats, seiner Interessen und seines künftigen Überlebens. Das Konzept eines solchen zivilen Nationalismus sei „defensiv, aber nicht chauvinistisch“, hebt er hervor und verweist darauf, dass strikte Migrationskontrolle mit der absoluten Verpflichtung zur Gleichheit aller Bürger, unabhängig von ihrer Herkunft, einhergehen müsse. Über weite Strecken gleicht Lievens Buch einem Plädoyer gegen linksliberale Glaubenssätze, und am Ende der Lektüre fragt man sich ein bisschen, ob er den Klimawandel nur als Rahmen benutzt hat, um darin seine konträren Gesellschaftstheorien besser zur Geltung kommen zu lassen. Eine Umkehrung des Titels in „Der Nationalstaat und der Klimawandel“ hätte seine Leidenschaften jedenfalls in die richtige Reihenfolge gerückt. Das ändert aber nichts daran, dass ihm ein anregendes und im besten Sinne originelles politisches Buch gelungen ist.

Anatol Lieven: Climate Change and the Nation State. The Realist Case.

Allan Lane/Penguin Random House, London 2020. 202 S., 16,99 .

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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