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Kriminelle Partner

Strategische Allianzen

Von Alexander Haneke
 - 11:21
Die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Berlin

Mit kaum einem Thema hat sich die geballte Kompetenz der westlichen Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren so intensiv beschäftigt wie mit dem internationalen Terrorismus. Und doch sind dessen Finanzierungswege bisher wenig erforscht. Ein Grund dafür ist schlicht: Bei der Terrorfinanzierung wirken zwei Bereiche zusammen, die zu oft getrennt voneinander behandelt werden, nämlich Terrorismus und organisierte Kriminalität.

Diese These haben die Autoren Arthur Hartmann, Trygve Ben Holland und Sarah Holland zum Titel ihres Buches über Geldwäsche in Europa gemacht. Der Titel führt zwar in die Irre, als es sich bei dem Werk nicht um eine allgemeine Auseinandersetzung mit dem Problemfeld handelt, sondern um eine spezifische Studie zu den Zusammenhängen auf dem Westbalkan, genauer gesagt in Albanien. Doch die These ist eine erste erstaunliche Erkenntnis des Buches, sind doch die Verflechtungen beider Bereiche spätestens seit dem Weiterleben vieler linksterroristischer Strukturen der siebziger Jahre im Untergrund bekannt, genau wie die Verflechtungen etwa der Farc mit dem Drogenhandel in Kolumbien. Und sowohl das Handwerkszeug und als auch das Geschäftsmodell bieten große Synergien: Beide Bereiche arbeiten aus dem Untergrund heraus mit Waffen sowie der Angst der Menschen.

Albanien wiederum ist praktisch prädestiniert für eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen organisierter Kriminalität und islamistischem Terrorismus unter Laborbedingungen. Ein Land am Rande der EU mit teils schwer zugänglichen Regionen, einem schwachen Staat, alten, ethnisch organisierten Mafiastrukturen und einer starken Exposition zur islamischen Welt. In Sachen religiöser Toleranz gilt Albanien, dessen Bevölkerung gut zur Hälfte muslimisch ist, zwar weiterhin als Vorbild und ist auch nach dem Urteil der Autoren keineswegs in Gefahr, von einem militanten Islamismus durchdrungen zu werden. Doch spielen mehrere Faktoren zusammen: Schon in den neunziger Jahren waren islamistische Akteure in den Balkan-Kriegen aktiv und rekrutierten in Albanien viele Kämpfer. Die folgten dem Ruf weniger aus ideologischer Überzeugung denn aus wirtschaftlicher Alternativlosigkeit, woran sich seitdem wenig verändert hat. Die gut 25 Jahre seit der Öffnung des Landes haben nicht zu einem breiten ökonomischen Aufschwung geführt, sondern vor allem zu Stagnation, in manchen Regionen sogar zu Verschlechterungen.

Hinzu kommt die Verflechtung durch die große albanische Auslandsgemeinde auch in nahöstlichen Ländern und die Investitionen islamistischer Geldgeber auf dem Balkan. Schon in den neunziger Jahren soll Al Qaida in Albanien vor allem im Drogen- und Waffenschmuggel sowie in der Geldwäsche aktiv gewesen sein. Deren Chef Usama bin Ladin hatte möglicherweise sogar ein Reisedokument der Republik Albanien. Dass sich trotz dieser Voraussetzungen der radikale Islamismus in der Bevölkerung Albaniens nicht weiter ausgebreitet hat, zählt zu einer der positiven Erkenntnisse dieses Buches.

Die weniger positiven betreffen die beinahe idealen Voraussetzungen für organisierte Kriminalität und Geldwäsche. In Albanien, das seit 2014 als Beitrittskandidat der EU gilt, sind weiterhin Bargeldkontrollen genauso ineffizient wie die Überwachung von Finanztransaktionen. Dokumente werden bei der Eröffnung von Bankkonten kaum überprüft, überall im Land sind gefälschte Ausweise im Umlauf. Dazu florieren das Glückspiel – Lizenzen sind von geneigten Beamten leicht zu bekommen – und das unüberschaubare Netz an Wechselstuben. Die haben oft Verbindungen zu „befreundeten“ Büros im Ausland, die auch größere Summen diskret transferieren. Gewinne aus illegalen Geschäften können so unbehelligt außer Landes gebracht oder in den regulären Geldmarkt aufgenommen werden. Anschaulich sind die Beispiele, die die Autoren von einer Rechtsanwaltskanzlei und Beratungsfirma bekommen haben, etwa die Anfrage eines Mittelsmannes, ob die Firma die Ladung von 15 Schiffen mit Rohöl an Abnehmer in der EU oder den Vereinigten Staaten vermitteln könne. Der Verdacht, dass es sich um Bestände des „Islamischen Staates“ handelte, liegt da mehr als auf der Hand. Auch der Drogenanbau ist – trotz tatsächlich erheblicher Bemühungen – bisher nicht eingedämmt. Gerade beim Schmuggel warten die Autoren mit einer Reihe von anschaulichen Beispielen auf, wie staatliche Strukturen mit großem Aufwand und internationaler Hilfe verbessert werden, lokale Kräfte aber schnell wieder eine Hintertür öffnen.

So anschaulich manche Beispiele sind, mit ihrem trockenen, teils bürokratischen Stil und dem Rückgriff auf unzählige ebenso offizielle wie sprachlich sperrige Dokumente verlangen die Autoren ihren Lesern einiges ab. Realsatirische Qualität bekommt das Buch an den Stellen, an denen die Autoren aus ihrer eigenen Feldforschung schöpfen und an verschiedenen Stellen einen Abgeordneten des albanischen Parlaments zitieren. Der hat von den Problemen, mit denen ihn die Autoren konfrontieren, wahlweise entweder noch nie gehört, streitet deren Existenz ab oder verweigert aufbrausend, sich mit dem Thema näher auseinanderzusetzen, da „der Westen“ an der jeweiligen Situation die maßgebliche Schuld trage.

Über die tatsächlichen Verbindungen zwischen der albanischen Mafia und internationalen Terrororganisationen können freilich auch die Autoren der Studie nicht allzu viel Neues sagen. Für Albanien speziell verweisen sie vor allem auf die Kontinuität der islamoterroristischen Geschäftsaktivitäten seit Al Qaida und der besonderen Neigung der albanischen Mafia, strategische Allianzen einzugehen. Gerade weil es bei diesen Beziehungen keineswegs um ideologische Nähe, sondern schlicht um persönliche Kontaktgeflechte geht, raten die Autoren am Ende ihres Buches dazu, den Fokus auf das Problemfeld zu verändern. Statt auf „Terrorismusfinanzierung“ zu schauen, sollten sich die Ermittler darüber klarwerden, dass es sich eher um „Terroristenfinanzierung“ handele, die man nicht verstehe, indem man allgemeingültige Handlungsmuster suche. Stattdessen würden die nur in ihrem lokalen Kontext begriffen und könnten dort bekämpft werden.

Arthur Hartmann, Trygve Ben Holland und Sarah Holland: Geldwäsche in Europa

Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt 2018. 242 S., 24,90 .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Haneke, Alexander
Alexander Haneke
Redakteur in der Politik.
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