Längere Geschichte

Nach Kennedy ging es bergab

Von Michael Zöller
19.08.2020
, 12:21
Die Idee des „Westens“ hat nicht erst unter Trump an Bedeutung in Amerika verloren.

Sollte Joe Biden im November zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden, steht er auch außenpolitisch vor einem Scherbenhaufen, doch er kann schon deshalb nicht einfach in die Zeit vor Trump zurück, weil die Republikaner wie auch seine Demokraten nicht mehr die Parteien von 2016 sind. Michael Kimmage, der bis zu diesem Wahljahr im State Department arbeitete, schildert in „The Abandonment of the West“, wie die Idee des Westens seit 1914 zum Leitstern der amerikanischen Außenpolitik aufstieg, gegen Ende des Jahrhunderts aber verblasste und unter dem jetzigen Präsidenten unsichtbar wurde.

Im langen 19. Jahrhundert, von der Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, symbolisierte Kolumbus den amerikanischen Anspruch, zugleich Fortsetzung der europäischen Zivilisation und Modell einer auf „Liberty and Self-government“ gegründeten Republik zu sein. Demonstrativer Ausdruck dieses Mythos waren die Umbenennung des New Yorker King’s College in „Columbia University“ (1794) oder die Bezeichnung „District of Columbia“ für das Gelände der geplanten Hauptstadt. Dort beschloss 1892 der Kongress, sich 400 Jahre nach Kolumbus durch eine „World’s Columbian Exposition“ in Chicago als aufstrebendes Land zu präsentieren. Wenn Amerikaner in dieser Zeit vom Westen sprachen, dann ging es um die Ausdehnung ihres Landes bis zum Pazifik. Erst durch den Eintritt des Landes in den Ersten Weltkrieg wurde der Westen zur Realität und zu einer geopolitischen Kategorie, was dazu führte, den Krieg als Verteidigung westlicher Kultur zu rechtfertigen, wie es andererseits in den Vereinigten Staaten die permanente Kritik an diesem Internationalismus erzeugte. In den Universitäten, beginnend mit Columbia und Chicago, setzte sich das Studienprogramm „Western Civilization“ durch, das – meist als Kanon der 100 wichtigsten Bücher der westlichen Tradition – mehreren Generationen amerikanischer Eliten Geschichte als Geschichte des Westens vermittelte, die dazu diente, zu verstehen, „wer wir sind“. Auch wenn Lehrangebote nur den prägen, der bereits ein Interesse an solcher Vergewisserung mitbringt, ist es doch beeindruckend, wie deutlich sich diejenigen an westlicher Kultur orientierten, die zwei Jahrzehnte später in führende Positionen rückten. Truman, der seine Karriere mit Kritik am vorherrschenden Isolationismus begonnen hatte, umgab sich als Präsident mit Beratern, die wie eine Auswahl der besten Western-Civ-Absolventen wirkten. Dazu gehörten neben George Kennan (Hitler habe jedes Gefühl der Verantwortung für die europäische Kultur gefehlt) und Dean Acheson („Europa war für uns die Welt“), John McCloy, George Marshall, Averell Harriman und Lucius Clay. Nicht anders Eisenhower, der im Wettbewerb um die republikanische Präsidentschaftskandidatur auf Robert Taft, Sohn des Präsidenten Taft, stieß, der mit Unterstützung des ehemaligen Präsidenten Hoover unter anderem gegen die Nato kämpfte, die dazu führen müsse, dass „die Russen“ sich eingekreist fühlten. Der Gleichklang zwischen westorientierten Präsidenten, dem außenpolitischen Establishment und den Universitäten erreichte nach Kimmage mit Kennedys Berliner Rede von 1962 seinen Höhepunkt und sein Ende, weshalb er die F.A.Z. („the German paper of record“) mit der Einschätzung zitiert, Kennedy sei als Student ein Europäer geworden.

Danach herrschte bald ein anderes Klima. Ging es schwarzen Bürgerrechtlern meist noch darum, Amerika und den Westen beim Wort zu nehmen, um Rechte einzufordern, so galt Unterdrückung aller Art bald als das Wesen des Westens, und „Orientalism“, das Buch des ausgerechnet an der Columbia University lehrenden Edward Said, wurde zur Bibel dieser grundsätzlichen Verdammung. Die westliche Ideologie verkünde die eigene Überlegenheit und entsprechende Unterlegenheit alles Anderen, weshalb die weiße Mittelkasse sich anmaße, den Rest der Welt zu managen und ihn zu besitzen. Kimmages spitze Anmerkung, besonders diese weiße Mittelklasse habe das Buch gelesen, unterstreicht, dass „Western Civ“ an den Universitäten fast nur noch als negative Schablone vorkam. So häuften sich nun die Bücher, in denen Kolumbus als Zerstörer eines Paradieses erschien, und 100 Jahre nach der „World’s Columbian Exposition“ erklärte 1990 das „National Council of Churches“, angesichts einer Geschichte von Rassismus und Ausbeutung bestehe kein Anlass zu einer 500-Jahr-Feier.

Dieser amerikanische „Culture War“ ist schon oft geschildert worden, weshalb Kimmage sich ausführlicher einer anderen, weniger beachteten Ursache schwindender West-Orientierung, nämlich der konservativen Kulturkritik, zuwendet. Er präsentiert einflussreiche Publizisten wie die bekehrten Exkommunisten Whittaker Chambers und James Burnham oder auch William F. Buckley, die Zeitschriften „National Review“ und „Commentary“, Professoren wie Eric Voegelin, Leo Strauss und Allan Bloom und betont den großen Einfluss Samuel Huntingtons. Bei aller Unterschiedlichkeit fällt dabei ein Kulturpessimismus auf, der die gemeinsame konservierende Absicht untergräbt. Und unser belesener Autor kämpft dennoch mit den Widrigkeiten des Deutschen, so dass jeweils „das Untergang des Abendlandes“ herauskommt, wenn er Spenglers berühmten Titel partout im Original zitiert. Nur einer fällt in jeder Hinsicht aus der Reihe der ebenso skeptischen wie differenzierten Autoren. Pat Buchanan, der 1992 als republikanischer Gegenkandidat zu George H. W. Bush auftrat, hat im Titel seines Buches den Westen bereits für tot erklärt und klingt auch sonst wie ein Vorläufer des jetzigen Ethnonationalismus. Hoffnung sei darauf zu setzen, dass arme Weiße nach rechts rückten. Kapitalismus und Konservatismus stünden ja wie Kain und Abel zueinander.

Bis zu Trump, der als Erster mit dem Konzept des Westens nichts anfangen kann, verstanden auch die Präsidenten nach Kennedy die Vereinigten Staaten als die Führungsmacht des Westens, auch wenn sie nicht mehr mit Unterstützung aus den Universitäten rechnen konnten und nur die in den 1940er Jahren groß Gewordenen wie Reagan oder Bush senior dabei ausdrücklich vom Westen sprachen, während andere wie Clinton und Obama blassere, aber erkennbar der westlichen Tradition entstammende Formeln wie „Internationale Liberale Ordnung“ benutzten oder sich auf Legalismus und Institutionalismus beriefen und George W. Bush einen an Wilson erinnernden Demokratie-Universalismus propagierte. Die amerikanische Außenpolitik könnte sowohl die westliche Tradition wie auch die Bedeutung von Regeln und Institutionen betonen, sobald sie sich nur wieder darauf besinnt, dass ihre Stärke in der Bündnisfähigkeit besteht, die dem russischen und chinesischen Autoritarismus fehlt. Dann wäre im State Department wohl auch wieder Platz für Michael Kimmage.

Michael Kimmage: The Abandonment of the West. The History of an Idea in American Foreign Policy. Basic Books, New York 2020. 373 S., 32 $.

Quelle: F.A.Z.
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