Manifest eines Aktivisten

Elend sehen und ändern

Von Theresa Weiss
25.08.2020
, 12:02
Wie kann man die Welt verändern? Vielleicht mit etwas mehr Realitätssinn als in diesem Buch zu lesen ist.

Ein junger Mann hat Politik entdeckt. So kann das Buch „See and Change“ von Leonard Hepermann ganz knapp zusammengefasst werden. Der 20 Jahre alte Student der Sozialwissenschaften aus dem Ruhrgebiet hat damit eine Art Manifest der „Fridays for Future“-Generation erstellt, in dem er zeigen will, „was im Moment nicht funktioniert, wo es drückt und wo Gefahren lauern“ – das ist die Situationsanalyse, der Teil „See“ aus dem Titel. Dazu will er Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, wie diese Missstände zu beheben sind – „Change“.

„See and Change“ kommt sehr niedrigschwellig daher. Der Autor selbst begreift den Zweck seines Buches als „Quelle der Inspiration“, die jeden motivieren soll, sich zu beteiligen und Schritte gegen Klimawandel, Hetze oder Ausgrenzung zu unternehmen. Das ist ein nobles Ziel, doch es wirkt manchmal etwas naiv. Auch durch die Komposition des Textes, etwa wenn Hepermann auf eineinhalb Seiten mittels einer rhetorischen Frage nach der anderen entwickelt, dass Politik im Kleinen anfängt und sich doch viele enttäuscht abwenden, weil sie keine Einflussmöglichkeiten sehen.

Wer „See and Change“ als Jugendbuch liest, mag in der einfachen Sprache und den Erkenntnissen, die der junge Autor versammelt, einen Mehrwert sehen. Hepermann erklärt verständlich, oft redundant, warum etwa nachhaltige Kleidung, regionales Gemüse und fahrradfreundliche Städte eine positive Wirkung auf das Klima haben können. Vieles, was in „See and Change“ steht, stimmt, auch wenn es weder neu noch originell ist. Der Kampf gegen den Klimawandel macht die erste Hälfte des Buches aus.

Hepermann schreibt persönlich, erzählt von seinen Anfängen als Dreizehnjähriger, der beginnt, sich für das Klima einzusetzen, sich fragt: „Was möchte ich mit meinem Leben erreichen?“, und feststellt, dass er in Frieden und Überfluss aufgewachsen ist, zu Lasten der Ärmsten auf der Welt. Diese Ungerechtigkeit will er beseitigen, es zumindest versuchen, denn: „Geben wir auf, haben wir schon verloren.“ Diese Klaviatur beherrscht er. Hin und wieder bringt er klare Forderungen vor: „Klimapolitik darf heutzutage kein eigener Politikzweig mehr sein“, alle Ressorts müssten klimaneutral agieren, oder: „Deshalb brauchen wir Gesetze, weil freiwillige Empfehlungen häufig nicht den gewünschten Erfolg erzielen.“ Doch viel Neues ist in dem dünnen Buch nicht zu finden. Seine Analyse der Lage der Welt reproduziert oft gehörte Gemeinplätze: „Keine Generation zuvor hatte es so leicht, ihre Stimme zu nutzen.“ Oder: „Um glücklich zu sein, braucht es vielleicht gar keine Flugmango, sondern vielleicht macht ein eigener Gemüsegarten auf dem Balkon, auf dem eigenen Grundstück oder der Fensterbank viel glücklicher.“

Trotzdem: Wenn eine junge Leserschaft durch dieses Buch blättert, wird sie mit der Möglichkeit konfrontiert, selbst Teil des politischen Prozesses zu werden. Angesichts der oft als unpolitisch bezeichneten Generation X ist das ein Verdienst. Nach jedem – wenn auch schmalen – Analysekapitel kommt ein „Change“-Block: die Geschichte eines Aktivisten, der zum Beispiel Müll vermeidet oder krummes Gemüse verkauft, sowie eine Sammlung von Tipps, wie der Leser selbst aktiv werden kann, wo er sich engagieren oder informieren kann.

Auch im zweiten Teil, der sich mit dem vereinten Europa und seiner Rolle in der Welt auseinandersetzt, liefert Hepermann viele Links zu Organisationen, die internationale Zusammenarbeit verbessern wollen und engagierte Unterstützer suchen, etwa das Global Public Policy Institute oder die Körber-Stiftung. Seine Analyse der Geburtsstunde des „Europabewusstseins“ junger Menschen nach dem Brexit und der schwierigen Gemengelage zwischen Großmächten mit Führern wie Donald Trump oder Victor Orbán bleibt jedoch wie zuvor im Bekannten. Ungerechtigkeit spielt für Hepermann auch beim Thema Europa eine Rolle. Er bewertet etwa die Migrationspolitik Europas als unfair: „Für wen gelten diese Werte überhaupt, wie exklusiv ist Europa (…)?“ Wenn Menschen, die vor Armut, Krieg, Hunger und Gewalt flöhen, im Mittelmeer in Seenot gerieten, „dann schaut ein ganzer Kontinent weg“. Er fordert, dass Solidarität wieder zum zentralen Prinzip Europas erhoben werde. Wie auch andere Spieler auf der geopolitischen Landkarte davon überzeugt werden sollen, klärt sich nicht.

Hepermann sagt, seine Generation wolle ein Europa, das wie ein großes Haus sei, „in dem alle Städte und Regionen ihr Zimmer haben, in dem alle zusammen kochen und zusammen essen, aber auch alle mal ihre Ruhe von den anderen haben können“. Dafür fordert er einen Ideenwettbewerb, bessere Kommunikation, Rücksichtnahme und Zusammenarbeit. Klingt schön und einfach, und genau das macht misstrauisch. Doch dieser etwas unbedarfte Aktionismus, die vielen Fallbeispiele der Menschen, die etwas anders machen, motivieren eine junge Leserschaft sicherlich. Und das will das Buch ja. Es will Mitstreiter für die Sache finden.

„See and Change. Warum weniger manchmal mehr und neu denken vielfach besser ist. Warum wir alle gewinnen, wenn wir die Zukunft nicht aufs Spiel setzen. Und warum wir Hoffnungen und Visionen brauchen und uns denjenigen entgegenstellen müssen, die hetzen und ausgrenzen.“

Leonard Hepermann: See and change. Warum weniger manchmal mehr ist und neu denken vielfach besser ist. Marix Verlag, Wiesbaden 2020. 152 S., 12,90 .

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot