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Mauergesellschaft

Wider die Ratlosigkeit

Von Daniela Münkel
 - 11:58
Einsamer Protest: Eine Mutter 1986 am Checkpoint Charlie in Berlin. Sie wartet auf ihre Tochter

30 Jahre nach dem Mauerfall scheint die „Mauer in den Köpfen“ noch immer nicht verschwunden – im Gegenteil. Nicht das Gemeinsame zwischen Ost und West nach fast drei Jahrzehnten deutscher Wiedervereinigung wird beschworen, sondern das Trennende betont. Viele Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, die immer noch weniger verdienen als ihre Landsleute im Westen der Republik, die in Führungspositionen stark unterrepräsentiert sind, deren DDR-Biographien und damit ihre Lebensleistung nicht genügend gewürdigt wird. Hier geht es um Befindlichkeiten genauso wie um reale Missstände und Versäumnisse. Die politischen Folgen dieser Gemengelage sind durch die hohen Wahlergebnisse für die AfD in den ostdeutschen Bundesländern bereits jetzt deutlich spürbar. In der alten Bundesrepublik scheint man all dem mehr oder weniger ratlos gegenüberzustehen. Da werden Untersuchungen und Umfragen in Auftrag gegeben, um sich selbst zu vergewissern und zeigen zu können, dass es in Wirklichkeit doch gar nicht so schlimm sei, wie viele Ostdeutsche meinen.

Vor diesem Hintergrund könnte ein Blick in die Vergangenheit unter Umständen helfen, die deutsch-deutschen Gefühlslagen besser zu verstehen. Frank Wolff legt mit seiner fast tausendseitigen Habilitation über die Mauergesellschaft ein Buch vor, das umfassend die Auswirkung der Teilung auf Gesellschaft, Politik und Herrschaft in beiden deutschen Staaten und deren Interaktion untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei das gesamte Feld von Flucht und Ausreise aus der DDR, die der Autor als „deutsch-deutsche Migration“ bezeichnet. Trotz der geschlossenen Grenze verließen von 1961 bis 1989 787 000 Personen die DDR. Wolff will die „Migrationsregime“ in beiden deutschen Staaten, das heißt die grenzüberschreitenden Aushandlungsprozesse über die Bedingungen der innerdeutschen Ost-West-Migration zwischen Betroffenen, Politikern und der medialen Öffentlichkeit, analysieren. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Mauerbau bis zum Mauerfall.

In einer 88(!)-seitigen Einleitung legt der Autor die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit dar und arbeitet sich streckenweise an längst überholten Thesen der bisherigen Forschung ab. Um nur zwei Beispiele zu nennen: So bemängelt er, dass die Relevanz der Ausreisebewegung für die Lebensrealität in der DDR und die Dynamik der friedlichen Revolution marginalisiert worden sei – das stimmt für Forschungen aus den neunziger Jahren, mittlerweile würde kein ernstzunehmender Historiker(in) die zentrale Rolle der ständig steigenden Ausreiseanträge und tatsächlichen Ausreisen für die Destabilisierung und den Zusammenbruch der DDR mehr bestreiten. Ebenso ist es einer selektiven Wahrnehmung geschuldet, dass angeblich kaum Forschungen zu Flucht und Ausreise jenseits der Zäsur von 1961 vorlägen.

Als methodische Zugänge wird ein ganzes Bündel von theoretischen Ansätzen präsentiert, das von „Mauergesellschaft“ und „Migrationsregime“ über die neuen Cold War Studies bis hin zu einer integrativen deutsch-deutschen Verflechtungsgeschichte reicht. Der Autor gliedert seinen Untersuchungszeitraum in drei Phasen: Die erste Phase, in der es vor allem in der DDR darum ging, ein neues Grenzregime und neue Reisebedingungen zu etablieren, datiert er von 1961 bis 1967. In dieser Zeitspanne musste sich nicht nur die DDR, sondern auch die Bundesrepublik anders orientieren und der zwischenstaatliche Umgang neu justiert werden. Die Jahre 1967 bis 1975 schließen sich als zweite Phase an. Diese umfasst die Zeit der Deutschland- und Ostverträge und damit der Intensivierung der deutsch-deutschen Kontakte. Die dritte Phase erstreckt sich von der Unterschrift der DDR unter die KSZE-Schlussakte bis zur friedlichen Revolution im Jahr 1989. Hier geht es im Besonderen um die praktische Relevanz der in Helsinki garantierten Menschrechte sowie um die Rolle der Ausreisebewegung für den Nieder- bzw. Untergang der DDR.

Entlang dieser Zeitabschnitte gliedert sich die Studie in drei Kapitel, die in sich sowohl chronologisch als auch systematisch strukturiert sind: In allen Großkapiteln werden auf Grundlage einer verschränkten sozial- und rechtshistorischen Analyse, die sich national, deutsch-deutsch und international wandelnden Rahmenbedingungen für das Migrationsgeschehen darlegt. Daran schließen sich Betrachtungen, der für die jeweilige Phase „diskursiv und praxishistorisch entscheidenden Denk- und Handlungsmuster“ an. Statistiken untermauern die Befunde empirisch, zahlreiche Fallbeispiele und Anekdoten illustrieren die Thematik.

Bemerkenswert ist, wie lange es dauerte, bis die DDR nach dem Mauerbau die rechtlichen, bürokratischen und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen für eine begrenzte „legale“ Ausreisepraxis etablieren konnte. Es ist bezeichnend, dass dieser Prozess nahezu zwangsläufig mit einer Ausweitung der Machtbefugnisse des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) einherging. Der Autor kann entgegen der langläufigen Meinung nachweisen, dass nicht erst mit dem KSZE-Prozess, sondern bereits nach der Ratifizierung des Grundlagenvertrages im Jahr 1973 das Selbstbewusstsein der Ausreisewilligen in der DDR zunahm und Ansprüche auf ein selbstbestimmtes Leben genährt wurden. Dies brachte den SED-Staat zunehmend in eine schwierige Lage, der er letztlich weder mit Repression noch mit „Überzeugungsarbeit“ Herr werden konnte – eine Entwicklung, die sich bis zum Ende der DDR kontinuierlich verstärken sollte. Die nicht zu unterschätzende Rolle der Ausreisebewegung für die fortschreitende Destabilisierung der DDR und letztlich für ihren Untergang legt der Autor im letzten Kapitel überzeugend dar. Dazu gehört auch das gespaltene Verhältnis der DDR-Opposition zu den Ausreisewilligen, wobei von der treffenden Annahme ausgegangen wird, dass die Ausreisebewegung „für die Opposition ein wesentlich wichtigeres Thema als umgekehrt“ war.

Ein Verdienst dieses Buches ist es, umfassend über einen Zeitraum von 28 Jahren die Auswirkungen der finalen Grenzschließung am Beispiel der Ausreiseproblematik auf beide deutsche Staaten und die sich gegenseitig bedingenden Aktionen und Reaktionen nachgezeichnet zu haben. Damit leistet der Band in dieser Ausführlichkeit einen neuen Beitrag zur deutsch-deutschen Verflechtungsgeschichte. Besonders hervorhebenswert sind die Unterkapitel, die sich mit der Entwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen der Ausreiseproblematik in der DDR und mit den Protagonisten, deren Sozialprofil und ihren vielfältigen Geschichten beschäftigen.

Die Einbettung des Themas in eine internationale Migrationsgeschichte bleibt hingegen blass. Ebenso löst der Autor seinen – in der Einleitung formulierten – überbordenden theoretischen Anspruch höchstens teilweise ein. Symptomatisch ist, dass den eingangs ausführlich dargelegten Fragen nicht zum Schluss eine entsprechend elaborierte Zusammenfassung der Ergebnisse folgt. Ein Lesevergnügen ist das Buch über weite Strecken auch nicht, so dass dieses interessante Thema im Ganzen nur suboptimal präsentiert wird.

Frank Wolff: Die Mauergesellschaft. Kalter Krieg, Menschenrechte und die deutsch-deutsche Migration 1961-1989. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 1026 S., 36,- €.

Quelle: F.A.Z.
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