Menschheitserfahrung Flucht

Nicht mehr dort – noch nicht hier

Von Mathias Beer
29.03.2021
, 13:59
Früher kamen sie aus dem Osten, heute aus dem Süden. Annäherung an ein existentielles Thema.

Am 20. Juni 2019, anlässlich des 2001 eingeführten Weltflüchtlingstags, haben der Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die UN-Flüchtlingshilfe Deutschland eine Initiative mit dem Ziel gestartet, das Thema Flucht noch stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie wollten damit Resonanzräume für die notwendige und verstärkte Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung schaffen. Diesem Anliegen entspricht das Buch von Andreas Kossert in hohem Maß, ohne dass es allerdings dieser Anregung bedurft hätte. Das Thema hat seit Jahrzehnten sowohl in der Forschung als auch in populärwissenschaftlichen Publikationen Konjunktur. Kossert selbst hat dazu wichtige Veröffentlichungen vorgelegt, an die er mit seinem neuen Buch nahtlos anknüpft. Also nur ein weiterer Band, der lediglich die Zahl der kaum zu überblickenden Veröffentlichungen zum großen Thema Flucht und Vertreibung vergrößert? Keineswegs. Mit seinem Ansatz, seiner Quellengrundlage und Struktur hebt sich das Buch deutlich aus der Masse einschlägiger Publikationen ab.

Flucht verwendet Kossert in seinem lesenswerten Buch in einer spezifischen, sicher kritisch zu hinterfragenden dreifachen Bedeutung. Erstens für Menschen in aller Welt, die im Laufe der Geschichte ihre Heimat verlassen mussten und müssen, weil ihr Leben in der Regel durch staatliche repressive Maßnahmen bedroht ist. Sie sind für ihn ohne Hierarchisierung und Wertung Flüchtlinge oder Vertriebene, aber keine Migranten im engeren Sinn. Flucht versteht er in diesem Sinn zweitens als Teil der Conditio humana, konstitutiv für die menschliche Natur schlechthin. Er folgt damit dem Satz von Rupert Neudeck, selbst Flüchtling sowie Vertriebener des Zweiten Weltkriegs und Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur für die Unterstützung der vietnamesischen Boatpeople: „In jedem Menschen steckt ein Flüchtling.“ Es ist demnach eine Menschheitsgeschichte, keine Weltgeschichte der Flucht, die Kossert schreibt. Damit verbunden ist der Blick des Autors drittens einer bestimmten Perspektive verpflichtet. Ihn interessieren die mit Flucht und Vertreibung verbundenen existentiellen Bedrohungen von Menschen, vor allem bezogen auf Europa und den Nahen Osten seit der Moderne und insbesondere im 20. Jahrhundert. Der geraffte und exemplarische, hie und da richtigzustellende historische Rückblick auf Zwangsmigrationen bis in die Antike hat nur die Funktion eines Prologs. Kossert stellt zentral und konsequent die individuellen Erfahrungen von Flüchtlingen und Vertriebenen in den Mittelpunkt, nicht, wie üblich, die der Täter, die Menschen zur Flucht zwingen. In epischer Breite schenkt er den Fluchtgeschichten von Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters und sozialer Zugehörigkeit Gehör. Er lässt sie, ob in Europa, Afrika, Asien, Amerika oder Australien, in ihren in der Regel veröffentlichten persönlichen Zeugnissen zu Wort kommen – in Tagebüchern, Interviews, Autobiographien, Erinnerungen und literarischen Werken, ob Prosa oder Poesie.

Dem gewählten, theoretisch nicht untermauerten erfahrungsgeschichtlichen Ansatz folgend, entfaltet Kossert, ausgehend vom bewusst gewählten und hinterfragten Heimatbegriff, im Hauptteil seines Buches ein breites Panorama von Lebensgeschichten, die von Flucht geprägt waren und nach wie vor sind. Es sind berührende Geschichten, denen der Leser aber manchmal Mühe hat zu folgen, angesichts der geradezu fluchtartigen und schnellen zeitlichen sowie geographischen Sprünge zwischen Jahrhunderten und Jahrzehnten, zwischen Kontinenten, Regionen und Ländern. Die Erzählungen werden im Buch systematisch der in der Migrationsforschung klassischen Trias von Aufbruch, Weg und Ankunft zugeordnet. Auf eindrückliche, von Angst, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung bestimmte Geschichten vom Weggehen, Fliehen, Allesverlieren, Deportation, Zwangsarbeit oder Vertreibung folgen solche, die vom Ankommen und Lagerdasein berichten; Erzählungen vom Unerwünschtsein, von Ausgrenzung, vom Nicht-dazu-Gehören und davon, als Außenseiter und lästiger Konkurrent am neuen Ort betrachtet zu werden; Texte und Gedichte über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Ankommens bis in die dritte Generation und darüber hinaus; oft vergeblich auf Zuhörer wartende Geschichten, die vom schmerzenden, nicht nachlassenden Erinnern an Zuhause und zermürbender Sehnsucht erzählen: „Das Weh um die Heimat ist so schlimm wie Hunger. An beiden kann man sterben.“

Mit dem erfahrungsgeschichtlichen Ansatz schafft Kossert auch die Grundlage für ein Herzensanliegen, das seine Publikationen wie ein roter Faden durchzieht: Fluchterfahrungen zu vergleichen, wann und wo auch immer sie stattgefunden haben und nach wie vor stattfinden. Aus dieser und, was es zu unterstreichen gilt, nur aus der individuellen Perspektive der Betroffenen erscheinen Fluchtgeschichten und Fluchterfahrungen universell. Fliehen zu müssen, vertrieben zu werden, bedroht sein, hoffnungslos, erschöpft, gedemütigt, Familie und Verwandte suchend, nicht gewollt und nicht akzeptiert sein verbindet alle Flüchtlinge und Vertriebenen, unabhängig davon, wer sie zu Heimatlosen gemacht hat und weshalb. Aus der Perspektive ihrer Fluchterfahrung sind Flüchtlinge und Vertriebene, ob aus Griechenland, der Türkei, aus Schlesien, dem Sudetenland, aus Myanmar, Chile, Vietnam, Afghanistan, Syrien, ja weltweit, vergleichbar. So gesehen, ist der Handwagen von einst das auf dem Mittelmeer treibende Boot von heute. Aus diesem Blickwinkel kann, wofür Kossert zu Recht mit Nachdruck plädiert, die viel zu lange Zeit als Sonderfall betrachtete Geschichte der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in die Menschheitsgeschichte von Flucht eingeordnet werden. Die zeitlosen und universellen Fluchterfahrungen lassen sich allerdings nicht losgelöst von den spezifischen Hintergründen, mit denen sie verbunden sind, betrachten. Denn auch wenn die Fluchterfahrungen vergleichbar, ja austauschbar sind, wird der Weg des Flüchtlings aus und in einer neuen Gesellschaft wesentlich auch vom juristischen Status bestimmt, der ihm von der Weltgemeinschaft und nationalen Gesetzgebungen zugesprochen wird. Deshalb weichen auch die rechtlichen Begriffe für Flüchtlinge und Vertriebene von den von ihnen für sich selbst benutzten ab.

Eine der ersten und die letzte Abbildung des Buches zeigen Schlüssel, die Flüchtlinge mitgenommen haben, als sie fliehen mussten, vertrieben wurden. Sie stehen sinnbildlich auch für das Buch. Es ist ein Schlüssel für das Verständnis von Menschen, die zur Flucht gezwungen wurden und werden und auf Skepsis und Ablehnung stoßen. Indem Kossert auch sprachlich gediegene kulturhistorische Migrationsforschung mit Empathie gegenüber Flüchtlingen verbindet, liefert er einen wichtigen Beitrag zu den notwendigen aktuellen und künftigen Debatten über Flüchtlinge, Flucht und Vertreibung – historische Aufklärungsliteratur für die breite Leserschaft im besten Sinn des Wortes. Flüchtlinge sind, daran lässt das Buch keinen Zweifel, immer ein Indikator für den Grad der Menschlichkeit einer Gesellschaft und dafür, wie zerbrechlich unsere scheinbar so sichere Existenz insgesamt ist.

Andreas Kossert: „Flucht“. Eine Menschheitsgeschichte.

Siedler Verlag, München 2020. 432 S., geb., 25,– .

Quelle: F.A.Z.
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