Mythos „1968“

Sprachloses Rebellentum

Von Joachim Scholtyseck
05.01.2021
, 10:30
Wie es war damals - diesmal zur Abwechslung mal „auf dem Land“.

In der sehenswerten Gesellschaftskomödie „Milou en mai“ schildert der Regisseur Louis Malle die Geschehnisse einer großbürgerlichen Familienzusammenkunft in der südfranzösischen Provinz im Mai 1968. Einige der Teilnehmer, die aus Paris angereist sind, berichten enthusiastisch-erregt über die revolutionär anmutenden Ereignisse in der Hauptstadt und erträumen sich bereits eine bäuerliche Landkommune. Bald jedoch dominiert der Alltag mit Familien- und Erbstreitigkeiten die Zusammenkunft in der lieblich-friedlichen Weinregion. Die dramatischen Radiomeldungen aus Paris kommen zudem nur als entferntes Echo bei den Protagonisten auf dem Landgut an. Der Film endet mit der Übertragung einer Rede des Präsidenten Charles de Gaulle, der mit der Androhung des Ausnahmezustandes einem wilden Generalstreik in Paris das Ende bereitet. Die Revolution ist abgesagt; in den Niederungen der idyllischen Provinz versiegt die Rebellion, bevor sie überhaupt begonnen hat.

Stimmt der weitverbreitete Eindruck, „1968“ sei in der Provinz nie wirklich angekommen? Die Beiträge des vorliegenden Bandes wollen für Deutschland den „gesellschaftlichen Nachwirkungen“ von 1968 „auf dem Lande“ nachspüren. Sie behandeln mannigfache Ausprägungen ländlich-kleinstädtischer Reaktionen: Proteste, Jugendrevolten, Frauen-, Schüler-, Lehrlings- und Jugendzentrumsbewegungen sowie die Entstehung alternativer Milieus und gegenkultureller Lebensstile.

Ein bemerkenswerter Struktur- und Kulturwandel hatte schon lange zuvor im ländlichen Raum Einzug gehalten, wie im Band ein überzeugender Beitrag aus der Feder von Gunter Mahlerwein verdeutlicht. Der Zuzug von Vertriebenen hatte, zunächst nicht immer konfliktfrei, zahlreiche westdeutsche Gemeinden dynamisiert. Dörfer und Kleinstädte hatten zudem gerade seit der Zeit des „Wirtschaftswunders“ mit Landflucht und der Suburbanisierung zu kämpfen. Sie waren durch Fernsehen, Radio und den Boom der Publikumszeitschriften stärker als je zuvor mit den Metropolen verbunden. Durch Mofa, Moped und Käfer stiegen die Mobilität und der Aktionsradius. Die Bildungsangebote nahmen, ablesbar an der steigenden Zahl der Gymnasiasten, kontinuierlich zu. Akademisierung und ein nonkonformistischer Habitus gingen dabei Hand in Hand und zeigten sich bei den Jugendlichen in einer Art sprachlosem Rebellentum, das Elemente der üblichen Generationenkonflikte hatte, wie Detlef Siegfried in seinem Beitrag herausstellt: „Lange Haare, kaputte Jeans, Pelzmäntel und Ringe an den Fingern junger Männer wirkten gerade auf dem Lande als Provokation – und waren deshalb attraktiv.“ Musik, Beatclubs und Discotheken dienten vielfach als Katalysator, um der Eintönigkeit des Land- und Kleinstadtlebens zu entfliehen.

Ganz neu waren diese Protestformen allerdings nicht. Die „Halbstarken“-Bewegung hatte ein Jahrzehnt zuvor ebenfalls die Bonner Republik bewegt. Ob also wirklich von der überschaubaren Gruppe echter „68er“ ein signifikanter Wandel ausgelöst wurde oder ob man nicht besser von einer Jugendrevolte auf dem Land sprechen sollte, bleibt daher höchst ungewiss. Viel stärker wirkten der langfristige Wertewandel, die Infragestellung und Auflösung bislang gültiger Normen, der Abbau autoritärer Erziehungsformen, die Änderung der Sexualvorstellungen, die Individualisierung und die Pluralisierung der Privatheitsformen. Die Auflösung traditioneller Milieus, sei es bei der Arbeiterschaft oder den kirchlichen Gemeinschaften, gehörte ebenfalls zu diesen tiefgreifenden Veränderungen. Bei den Heimatvereinen wurde, wie Dietmar von Reeken in seinem Beitrag feststellt, angesichts schwindenden Interesses zwar erkannt, dass man nicht mehr weitermachen konnte wie bisher, aber die Anpassungen erfolgten in homöopathischen Dosen: „Öffentlicher Protest, Demonstrationen, Sit-ins – so etwas passte nicht zu dem Habitus der Heimatbewegten.“ „Landfrauen“ wiederum traten, so Julia Paulus in ihrem Beitrag, recht selbstbewusst auf. Sie empfanden sich keineswegs immer als benachteiligt und lehnten es ab, sich von angeblich emanzipierten „Großstädterinnen“ ihren Lebensentwurf vorschreiben zu lassen. Detlef Siegfried klassifiziert nüchtern eine nur begrenzt einflussreiche Gruppe derjenigen, die in die Kategorie der 68er-Aktivisten und -Epigonen fällt: „Eine kleine lokale Kulturbohème, die vielleicht kollektiv wohnt, Konzerte, mal eine Ausstellung organisiert und zuverlässig sozialdemokratisch, grün oder links wählt, aber über wirklich politisch-administrativen Einfluss nur selten verfügt.“

Ein grundlegendes Manko des Sammelbandes ist gerade aus diesem Grund bei vielen Beiträgen der Tunnelblick auf das „Anderssein“ im ländlichen Raum: Problematisch ist die Behauptung, dass, wie die Herausgeberin formuliert, die 68er-Bewegung als „Scheitel- und Mittelpunkt“ einer „Demokratisierung und Liberalisierung der Bundesrepublik“ angesehen werden muss. Mit dieser Vorannahme wird eine Art Ehrenrettung der Landbevölkerung vorgenommen, der gönnerhaft zugebilligt wird, ein Teil einer Bewegung gewesen zu sein. Durch die Hintertür kommt damit das Stereotyp der rückständigen, regressiven und reaktionären Landbevölkerung auf die Bühne, die bereits Karl Marx im Kommunistischen Manifest mit der „Idiotie des Landlebens“ gebrandmarkt hatte. Quantitative Angaben oder wenigstens auf Wahlstatistiken gestützte Annahmen, wie groß der Zuspruch der Bevölkerung in den jeweils untersuchten Gemeinden und Kleinstädten zu alternativen Konzepten wie „Landkommunen“ und „Wohnbauprojekten“ war, fehlen im Band. Ein Blick auf die Wahlergebnisse hätte gezeigt, dass es im Untersuchungszeitraum in den meisten der erwähnten Orte, von Lörrach über Worms bis Paderborn, solide bürgerliche oder traditionell-sozialdemokratische Mehrheiten gab. In den einzelnen Beiträgen des Bandes wimmelt es von Hinweisen darauf, dass es sich bei den 68er-Aktivisten in der Provinz jeweils um eine „Handvoll“, „Dutzende“, „mehrere“ oder um eine „Avantgarde“ gehandelt hat. So wichtig es ist, nach „alternativen Lebensmodellen“ zu suchen, wird nicht danach gefragt, warum sich eigentlich die Mehrheit der Menschen jenseits der Großstädte den ideologietrunkenen Idealisten nicht anschloss. Die Herausgeberin bezeichnet die dörfliche und kleinstädtische Bevölkerungsmehrheit wenig einfallsreich in erster Linie als „konservative Beharrungskräfte“ – über deren Motive und Hintergründe der Leser aber leider nichts erfährt. Warum, so müsste man fragen, blieben die Referenzpunkte auf dem Lande offensichtlich der Musikchor, der Handballverein, das Trachtenfest, die Freiwillige Feuerwehr und der Schützenverein – und nicht etwa der Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze? Warum wollte sich, um ein weiteres Beispiel zu geben, ein bodenständiger junger Handwerker im westfälischen Borken partout nicht politisieren lassen? Warum ließen sich Fabrikarbeiter in den meist mittelständischen Betrieben nicht für den internationalen „Befreiungskampf“ mobilisieren und sparten lieber auf ein Auto und einen Auslandsurlaub? Warum gelang es nicht, die vermeintlich autoritätsfixierten Bauern für „1968“ zu gewinnen? Warum mussten die Universitätsstudenten der Großstädte das Bild des angeblich „kaputten Proleten“ (Michael Ruetz) konstruieren, um zu erklären, warum sich die Werktätigen in der Oberpfalz und im Allgäu nicht für ihre Sache gewinnen lassen wollten? Solche Fragen zu beantworten wäre gerade mit dem Blick auf den ländlichen Raum anspruchsvoller gewesen als manche Nacherzählung der revolutionären Träume und manche Schilderung ländlicher „Erprobungsräume“ für alternative Selbstverwirklichung.

Lu Seegers (Hrsg.): 1968. Gesellschaftliche Nachwirkungen auf dem Lande.

Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 341 S., 22,– .

Quelle: F.A.Z.
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