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Nachbarn

Der kleine Bruder ist frech geworden

Von Reinhard Veser
 - 12:20

In seiner Rede zum Anschluss der Krim an Russland hat Wladimir Putin im März 2014 einen Satz über die Ukraine gesagt, der von ihm so ähnlich auch zuvor und danach viele Male zu hören war: „Wir sind nicht nur Nachbarn, wir sind faktisch ein Volk.“ In den Ohren vieler Ukrainer klang das in diesem Moment wie eine Drohung – dabei hat der russische Präsident nur die in Russland vorherrschende Sicht auf den kleineren Nachbarn im Westen zum Ausdruck gebracht. Auch sein Vorgänger Boris Jelzin hat sich ähnlich geäußert: „Es ist unmöglich, aus unseren Herzen zu reißen, dass die Ukrainer unser eigenes Volk sind“, sagte er nur wenige Jahre nachdem er 1991 der Sowjetunion den Todesstoß versetzt und damit wesentlich zur Unabhängigkeit der Ukraine beigetragen hatte.

Russland und die Ukraine sind über Jahrhunderte politisch, wirtschaftlich, kulturell und menschlich sehr eng verbunden gewesen. Aber die Sicht auf diese Beziehung war auf beiden Seiten seit jeher unterschiedlich – was über weite Strecken der Geschichte nicht mit feindlich gleichzusetzen ist. In seinem Buch „Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart“ zeichnet der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler die Geschichte dieser Beziehung als ein langes „Wechselspiel von Verflechtungen und Entflechtungen“ nach. Als wäre dieses Mit- und Gegeneinander allein nicht schon verworren genug, wird die Lage dadurch noch komplizierter, dass die Bedeutung der Begriffe „russisch“ und „ukrainisch“ sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt hat, so dass nicht immer klar ist, „wer oder was sich mit wem verschränkt“.

Kappeler gelingt in dem schmalen Band das Kunststück, diese Geschichte zugleich nüchtern und lebendig so zu erzählen, dass sie sowohl für den in osteuropäischer Geschichte nicht vorbelasteten Leser gut verständlich ist als auch Osteuropa-Fachleuten neue Einblicke gibt. Dabei wahrt er gegenüber den nationalen Mythen und Narrativen der Ukrainer wie der Russen Distanz. Dieses herausragende Buch hilft, beide Seiten des Streits der ungleichen Brüder zu verstehen – eines Streits, in dem, wie in vielen Familienzwistigkeiten, aus großer Nähe große Erbitterung erwachsen ist. In der deutschen Öffentlichkeit ist bisher die russische Version dieser Geschichte gängiger, was den Debatten über den Konflikt in der Ukraine vor allem in dessen Anfangszeit eine eigenartige Schlagseite gab. Kappeler, der sich über Jahrzehnte mit der Geschichte der Ukraine befasst hat und einer ihrer besten Kenner im deutschen Sprachraum ist, bringt beide Stimmen zu Gehör.

Von der Schilderung historischer Ereignisse zieht er immer wieder eine Linie zu ihrer späteren Interpretation durch russische und ukrainische Historiker. Deren Meinungsverschiedenheiten waren seit Ende des 19. Jahrhunderts nie rein akademische Debatten, sondern immer politische Auseinandersetzungen um die Definitionshoheit über historische Schlüsselbegriffe. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Kiewer Rus, jenes ostslawischen Staates des 10. und 11. Jahrhunderts, in dem die Ukrainer den Ursprung ihrer eigenen Staatlichkeit und die Russen den Anfang des Russischen Reiches sehen. In Russland wird die ukrainische Hauptstadt Kiew deshalb bis heute als „Mutter der russischen Städte“ bezeichnet.

Ähnlich umstritten sind die Entwicklungen von Mitte des 17. bis Anfang des 18. Jahrhunderts, die zur Eingliederung des ukrainischen Gebiets in das Moskauer Zarenreich führten. So ist für nationalbewusste Ukrainer der Kosakenhetman Iwan Masepa, der Anfang des 18. Jahrhunderts im Nordischen Krieg die Seiten wechselte und sich an der Seite Schwedens gegen Zar Peter den Großen stellte, ein Unabhängigkeitskämpfer – in der russischen Kultur hingegen hat Masepa tiefe Spuren als Prototyp des heimtückischen Verräters hinterlassen.

Aber Kappeler vermeidet es, die ukrainisch-russische Beziehungsgeschichte auf dieses Gegeneinander zu reduzieren. Der Konflikt zwischen beiden Ländern bringe „die Gefahr mit sich, die aktuelle Auseinandersetzung in die Vergangenheit zurückzuprojizieren“, schreibt er. Tatsächlich aber haben ukrainische Adlige und orthodoxe Geistliche im Konflikt mit den katholischen Polen immer wieder Nähe und Unterstützung Russlands gesucht. Die erste Erwähnung der im russischen Sprachgebrauch seit dem 19. Jahrhundert gängig gewordene Bezeichnung für die Ukrainer als „jüngere Brüder“ der Russen (die von den Ukrainern heute als Herablassung empfunden wird) findet sich in einem Hilferuf des Metropoliten von Kiew an den russischen Zaren aus dem Jahr 1624.

Russland hingegen profitierte nicht nur wegen der Gebietsgewinne von der danach folgenden Annäherung. In der Ukraine, so schreibt Kappeler, bestand aufgrund ihrer vielfältigen Verbindungen in das übrige Europa bis Mitte des 18. Jahrhunderts ein deutlich höheres Bildungsniveau als in dem abgeschotteten Moskauer Reich. Über die Ukraine gelangten geistige und kulturelle Strömungen nach Russland; ein großer Teil der kirchlichen und administrativen Elite des Reiches wurde damals von Ukrainern gestellt. Kappeler spricht für die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert von einer „Ukrainisierung der russischen Kultur“. Die Ukraine sei damals „zum ersten Kanal der Verwestlichung Russlands“ geworden.

In dem Maße freilich, in dem Russland im Laufe des 18. Jahrhunderts den direkten Zugang zur Außenwelt suchte, nahm die Bedeutung der Ukraine ab. Doch auch als Provinz in einem großen Reich hatte sie im 19. Jahrhundert eine besondere Stellung: Das äußerte sich zum einen in Form einer freundlich herablassenden Begeisterung der russischen Oberschicht für die Folklore des nun als „Kleinrussland“ bezeichneten Gebiets und zum anderen in der schroffen Ablehnung, mit der alle politischen Strömungen in Russland auf die entstehende Bewegung der „Ukrainophilen“ reagierten. Denn ohne die Ukraine, so das damals aufkommende Axiom, sei Russlands Existenz gefährdet. „Der größere Bruder liebt seinen kleineren Bruder, der schön singt und tanzt, doch bevormundet er ihn und zwingt ihm seinen Willen und seine Sprache auf. Will der Kleinere sich aus der Obhut des Größeren befreien, reagiert dieser heftig und versucht, das mit allen Mitteln zu verhindern“, schreibt Kappeler im Schlusskapitel.

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder.

Russen und Ukrainer

vom Mittelalter bis zur Gegenwart.

C.H. Beck Verlag, München 2017. 267 S., 16,95 .

Quelle: F.A.Z.
Reinhard Veser
Redakteur in der Politik.
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