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Neues aus dem Halbdunkel

Lange Kontinuitätslinien

Von Gerhard P. Groß
 - 12:49

Als in den neunziger Jahren die Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes ihre über 3000 Seiten starke Reihe „Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik 1945–1956“ vorlegten, widmeten sie der Rolle, die die Organisation Gehlen für den Neuaufbau westdeutscher Streitkräfte einnahm, nur eine Seite. Vereinzelte Hinweise zwischen den Zeilen nährten aber den Verdacht, dass die Vorgängerorganisation des BND sehr wohl direkt und indirekt an diesem Prozess beteiligt war. Auch jüngere Studien konnten diese Frage mangels Zugriff auf die Akten des Nachrichtendienstes nicht klären. Die Offenlegung relevanter Akten des BND und des Bundeskanzleramtes im Rahmen der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND 1945–1968 (UHK) bot daher die Möglichkeit, diese Forschungslücke zu schließen. Agilolf Keßelring, ein Mitarbeiter der UHK, hat diese Chance genutzt. Akribisch bis ins kleinste Detail entwirrt er in seiner Studie die Netzwerke der Generalstabsoffiziere, die sich in der Organisation Gehlen sammelten oder von ihr „betreut“ wurden. Auffällig dabei ist die klare Personalauswahl. Gehlen rekrutierte neben ehemaligen Nachrichtenoffizieren in erster Linie die Operateure des Generalstabs, also ranghohe Generalstabsoffiziere aus der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres, die im Zweiten Weltkrieg für die Kriegsplanungen des Heeres zuständig gewesen waren.

Es verwundert daher nicht, dass Adolf Heusinger, der ehemalige Chef der Operationsabteilung im OKH und spätere erste Generalinspekteur der Bundeswehr, zeitweise für ihn tätig war. Dies alles ist zumindest in Grundzügen bekannt. Neu sind jedoch die weit in die Reichswehrzeit reichenden persönlichen Kontinuitäten, die der Autor anhand von Personalakten des BND aufzeigt und so ein komplexes Netzwerk offenlegt, dessen Rolle und Funktion für die Entstehung westdeutscher Streitkräfte auch künftig die Wissenschaft beschäftigen wird. So hat die Organisation Gehlen oft eher die Funktion eines Verfassungsschutzes für die Amerikaner ausgeübt als die eines Auslandsnachrichtendienstes. Sie beobachtete die Ehemaligen der Waffen-SS sowie anderer Soldatengruppierungen und bemühte sich, diese im Sinne eines von Amerika unterstützen Neuaufbaus westdeutscher Streitkräfte einzuhegen und indirekt zu kontrollieren. Wie weit diese Hygienefunktion trug, ist eine spannende Frage. Gehlen hat nicht nur ein Auffangbecken für ehemalige ranghohe Operateure in zukünftigen Streitkräften geschaffen, sondern bot den sogenannten „Heiligen Drei Königen“ (Hans Speidel, Adolf Heusinger und Hermann Foertsch) sowohl einen bürokratischen Unterbau als auch in entscheidenden Phasen Unterstützung durch die in seiner Organisation versammelte Kompetenz ehemaliger Generalstabsoffiziere. Die Bezeichnung „Heilige Drei Könige“ wird in den Akten als „ironisch-anerkennende“ Bezeichnung für die Generale verwendet. Heusinger arbeitete als „Stabschef“ bei Gehlen und führte unter anderem die als „Außenarbeiter“ bezeichneten Speidel und Foertsch. Ziel war es, über deren Verbindungen zu ehemaligen Offizieren und Politikern Einfluss auf den Aufbau der Streitkräfte zu nehmen. Dies geschah immer mit Billigung oder sogar auf ausdrücklichen Wunsch der Amerikaner.

Überzeugend belegt Keßelring an verschiedenen Beispielen, wie der Entlassung Schwerins, dass die Organisation Gehlen die zentrale Rolle im amerikanischen Remilitarisierungskonzept Westdeutschlands spielte. Gerhard Graf von Schwerin, General der Panzertruppe, war von Adenauer am 24. Mai 1950 als „Berater für Militär- und Sicherheitsfragen“ eingestellt worden. Seine Dienststelle (Tarnbezeichnung „Zentrale für Heimatdienst“) war die erste, die sich systematisch mit dem Aufbau westdeutscher Streitkräfte befasste. Mit der Auflösung der Dienststelle im Oktober 1950 wurde Schwerin, kurz nachdem er gegenüber Journalisten geäußert hatte, die Bundesrepublik bereite ein Wehrpflichtgesetz vor, von Adenauer entlassen.

Die Organisation Gehlen steuerte aber nicht „als geheime Macht im Dunkeln“ die Entstehung der Bundeswehr. In ihrer Hygienefunktion band sie eher radikale Kreise ein oder schaltete sie aus, um zugleich die von Gehlen und den Amerikanern gewünschten Personen, wie Heusinger und Speidel, zu fördern. Dabei beschränkte sich die Organisation nicht auf organisatorische und personelle Unterstützung, sondern erarbeitete auch zentrale Konzepte für den Aufbau westdeutscher Streitkräfte die in organisatorischer wie operativer Hinsicht die Bundeswehr bis zum Ende des Kalten Krieges maßgeblich prägten. Dies alles geschah, wie bei Geheimdiensten üblich, weitgehend verdeckt.

Agilolf Keßelring hat mit seiner sehr gelungenen Studie eine bisher fest verschlossene Tür zur Erforschung der Anfänge der westdeutschen Wiederbewaffnung aufgestoßen und Licht in die Tätigkeit der Organisation Gehlen gebracht. Hinter diese Studie werden zukünftige Forschungen nicht mehr zurückkönnen.

Agilolf Keßelring: Die Organisation Gehlen und die Neuformierung

des Militärs in der Bundesrepublik.

Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 508 S., 50,– .

Quelle: F.A.Z.
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