Nicolas Sarkozy

Der stürmische Präsident

Von Günther Nonnenmacher
04.05.2021
, 12:07
Erster Teil der Memoiren eines Politikers, der in Krisen auflebte.

Über die Vorwürfe, die Nicolas Sarkozy seit seiner Wahlniederlage verfolgen und vor kurzem erstmals zu einer Gefängnisstrafe für einen ehemaligen Präsidenten führten (vorerst, seine Anwälte haben Revision angekündigt), ist in diesem Buch noch nichts zu lesen. Es ist also nicht, wie es in anderen Zusammenhängen gerne heißt, „das Buch zum Film“. Dennoch trägt es zum Verständnis seiner heutigen Probleme bei. Denn es zeigt einen Politiker, dem Verhaltensregeln, ordentliche Verfahren und manchmal auch Gesetze wenig gelten, weil er sie vor allem als Hindernisse erfolgreichen Handelns ansieht.

Schon in seiner Kindheit hätten ihn Stürme, Gewitter, Naturgewalten fasziniert, schreibt Nicolas Sarkozy, der sechste Präsident der französischen Republik (2007 bis 2012) am Anfang eines Buches über seine ersten beiden Amtsjahre. Sein Titel „Die Zeit der Stürme“ bezieht sich natürlich auf politische Stürme, also auf Krisen, die das Land (oder gar die Welt) erschütterten und die das Regieren zu einer ständigen Herausforderung machten. Manchmal scheint es so, als ob Sarkozy solche Krisen geradezu herbeigesehnt habe, um sich zu profilieren. Aber man könnte den Buchtitel auch auf seine Art des Regierens beziehen: In seiner Amtszeit ist Sarkozy wie ein Wirbelsturm durch Frankreich gefegt.

In seinem Rückblick zählt Sarkozy auf, wie viele Reform-Baustellen er in seinem Land eröffnete: in Schule und Universität, in der Verwaltung, in der Wirtschafts-, Finanz- und Umweltpolitik bis hin zu Verfassungsänderungen, die das politische Leben demokratisieren sollten. Er suchte dabei nie den Konsens, sondern stürmte voran in der festen Überzeugung, dass nur starke Anstöße von der Spitze des Staates die Widerstände in der Bevölkerung, in den Parteien (auch der eigenen) und die Lethargie der Verwaltung überwinden könnten. Kompromisse nahm er nur in Kauf, wenn die Richtung stimmte, und manches ist später auch im Sande verlaufen, vielleicht weil er sich, seinem Charakter und Selbstverständnis entsprechend, um zu viele Dinge gleichzeitig kümmern musste. Er räumt Schwächen ein und gibt sogar Fehler zu: seinen übertriebenen Ehrgeiz, seine Lust an Provokation, seinen manchmal rüden Umgangston. Dennoch bleibt er überzeugt davon, dass es nur seiner Energie zu verdanken sei, dass sich überhaupt etwas bewegte – und das ist, angesichts der Neigung der Franzosen zur „Besitzstandswahrung“, nicht ganz falsch.

Zu der überfüllten innenpolitischen Agenda kamen noch außenpolitische Probleme. Das größte zu Beginn von Sarkozys Amtszeit war die Ablehnung des Europäischen Verfassungsvertrags, der 2005 in einem von seinem Vorgänger Chirac veranlassten Referendum bei den Franzosen (wie auch in den Niederlanden und in Irland) durchgefallen war. Folgt man Sarkozys Darstellung, so hat er es fast im Alleingang fertiggebracht, dass im Vertrag von Lissabon, der im Dezember 2007 unterschrieben wurde, die wesentlichen Bestandteil der gescheiterten Verfassung gerettet werden konnten.

Hier kommen die europäischen Partner ins Spiel, mit denen er es in diesen zwei Jahren zu tun hatte, vor allem mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Er kennzeichnet sie mit den Worten „Empfindsamkeit unter Packeis“, kritisiert, dass „schnelle Entscheidungen ... für sie unerträglich“ seien, und ist vor allem überzeugt, dass man nicht versuchen müsse, „sie zu überzeugen, das ist verlorene Liebesmüh“, sondern ankündigen sollte, was man tue, und dann einfach losmarschieren. Abgesehen davon, dass der fast allmächtige Staatspräsident offenbar nicht verstand, unter welchen Zwängen eine Kanzlerin steht, die eine Koalition führt und von der Zustimmung des Bundestages (und des Bundesverfassungsgerichts) abhängig ist, kann man sich vorstellen, dass Merkel die Sprunghaftigkeit Sarkozys, dem es schwerfiel, fünf Minuten bei einem Thema zu bleiben, manchmal nur schwer ertragen hat. Dass die beiden dennoch miteinander arbeiten konnten, ist da fast ein Wunder.

Sarkozys Charakterskizzen von Politikern, die er in diesen knapp zwei Jahren getroffen hat, gehören zu den interessanteren Passagen des Buches. Am freundlichsten äußert er sich über George W. Bush, mit dem er ein gutes Auskommen fand und der ihm auch persönlich sympathisch war. Auch Wladimir Putin kommt nicht schlecht weg, weil er, wie Sarkozy schreibt, zuhören konnte und im Gespräch unter vier Augen höflich und zuvorkommend war und sich auch Kritisches sagen ließ. Empfindlich habe er nur reagiert, wenn man ihm öffentlich entgegentrat – was Sarkozy allerdings tunlichst vermied. Über andere Staatsmänner wie Tony Blair, Barack Obama, Husni Mubarak oder die polnischen Brüder Kaczynski sagt er Oberflächliches, durchaus in dem Bewusstsein, dass man seine Gesprächspartner nie wirklich ergründen kann. Dennoch hält er an der Bedeutung persönlicher Treffen für erfolgreiche Politik fest.

Überflüssig sind die meisten seiner Berichte über Auslandsreisen, die er – auch während der französischen Präsidentschaft in der EU – unternahm. Weniges geht da über touristische Floskeln und die Benennung bekannter Probleme hinaus. Über das Projekt einer Mittelmeer-Union, das er mit großer Leidenschaft verfolgte (ohne einzugestehen, dass damit natürlich auch ein Gegengewicht zur befürchteten deutschen Dominanz in Mitteleuropa geschaffen werden sollte), berichtet er an mehreren Stellen. Dass daraus nichts wurde, schreibt er dem mangelnden Engagement seines Nachfolgers François Hollande zu, obwohl es eine Fehlgeburt war, die endgültig 2011 im „Arabischen Frühling“ unterging. Dieser erste Band seiner Erinnerungen endet mit der Weltfinanzkrise, bei deren Überwindung er, eigenem Zeugnis nach, natürlich wieder die Hauptrolle spielte.

Stürmisch ging es in diesen knapp zwei Jahren auch in Sarkozys Privatleben zu: Wenige Monate nach seinem Amtsantritt gab es die Trennung, schließlich die Scheidung von seiner zweiten Frau Cécilia, kurz darauf die Bekanntschaft und bald auch schon die Hochzeit mit seiner jetzigen Frau Carla Bruni. Doch Privates kommt nur in kurzen Passagen vor, wenn die Seifenoper im Elysée-Palast zum Politikum wurde.

Das Buch ist leicht zu lesen, vor allem dank einer flüssigen Übersetzung. Es ist nicht in Kapitel gegliedert, sondern durchgeschrieben, gewissermaßen ohne Punkt und Komma. Es hält sich auch nicht strikt an die Chronologie, sondern springt von einem Thema zum anderen, was Sarkozys Charakter und Politikstil entspricht. Deshalb wäre es sinnvoll gewesen, ein Sach-, vor allem aber ein Namensregister zu erstellen, das die Orientierung erleichtert. Vielleicht wird das im nächsten Band nachgeholt.

Nicolas Sarkozy: Die Zeit der Stürme. Band I. Aus dem Französischen von Christiane Landgrebe. Morstadt Verlag, Kehl am Rhein 2021. 391 S., 29,80 €.

Quelle: F.A.Z.
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