Missbrauch

Die Opfer spielen eine untergeordnete Rolle

Von Thomas Jansen
17.08.2021
, 13:41
Ein goldenes Kreuz auf dem Kölner Dom leuchtet am 12. Oktober 2017 in der Sonne.
Der Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema und die Rolle, die Joseph Ratzinger dabei spielte.
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An Joseph Ratzinger scheiden sich die Geister. Aber eines attestieren ihm auch viele, die sonst nicht gut auf ihn zu sprechen sind: Er habe zumindest früher und entschlossener als andere im Vatikan auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester reagiert. Sie verweisen etwa darauf, dass es Ratzinger war, der 2001 als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre alle Bischöfe der Weltkirche dazu verpflichtete, Verdachtsfälle seiner Behörde zu melden; eine Norm, mit deren Befolgung sich bekanntermaßen mancher Bischof in Deutschland noch bis in die jüngste Vergangenheit hinein schwertat. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Weniger bekannt ist, wie damals in den neuen Normen der Glaubenskongregation sexueller Missbrauch behandelt wurde. Das Wort selbst kommt darin gar nicht vor. Er firmiert als „Straftat gegen das sechste Gebot des Dekalogs an einem Minderjährigen unter 18 Jahren“. Das sechste Gebot lautet: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Sexueller Missbrauch fällt damit kirchenrechtlich in die Kategorie Verstöße gegen die Zölibatspflicht von Priestern.

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In dieser Formulierung und der Logik, die ihr zugrunde liegt, ist nach Ansicht der Theologin Doris Reisinger und des Filmregisseurs Christoph Röhl „das ganze Fiasko kirchlichen Umgangs mit klerikalem Kindesmissbrauch vorgezeichnet“. Diese kirchenrechtliche Logik besage: Ein Priester, der ein Kind sexuell missbraucht, bricht in erster Linie die Zölibatsvorschrift, die Opfer spielen eine untergeordnete Rolle. Begünstigt wird eine solche Sicht, wie die Autoren in ihrem Buch darlegen, auch durch den Kontext: Sexueller Missbrauch wird in den Normen von 2001 als eines der „schwerwiegenderen Delikte“ hinter „Straftaten gegen die Heiligkeit des hochheiligsten eucharistischen Opfers und Sakraments“ und den „Straftaten gegen die Heiligkeit des Bußsakraments“ aufgelistet. Reisinger und Röhl sind nicht die Ersten, die das für einen schwerwiegenden Fehler halten. Aber sie gehen noch einen Schritt weiter als viele Kritiker. Ihre Hauptthese lautet: Ratzinger habe zwar nichts gemein gehabt mit jenen Kardinälen und Bischöfen, die in moralischen Fragen beide Augen zugedrückt hätten; aber er habe bis zuletzt nicht verstanden, dass sexueller Missbrauch nicht zuerst ein Vergehen gegen die Kirche und ihre Sakramente sei, sondern eine Verletzung des Rechts auf körperliche Unversehrtheit. Seine Maßnahmen zur Ahndung dieser Verbrechen seien deshalb zu spät erfolgt, unzureichend gewesen und hätten, dieser Vorwurf wiegt besonders schwer, vor allem dem Schutz der Kirche gedient, nicht dem der Opfer.

Die Autoren beschreiben erstmals in globaler Perspektive Ratzingers Umgang mit sexuellem Missbrauch, wobei die Fakten im Wesentlichen bekannt waren. Der Schwerpunkt der gut lesbaren Darstellung liegt auf Ratzingers Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation von 1982 bis zu seiner Wahl zum Papst im April 2005. In dem Buch entsteht das Bild – mitunter auch Zerrbild – eines Präfekten, der sich im Vatikan vor allem damit beschäftigt, ob Christus auch in glutenfreien Hostien gegenwärtig ist, Theologen maßregelt, die von der kirchlichen Sexualmoral abweichen, und Frauen exkommuniziert, die sich zu Priesterinnen weihen lassen. Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester, die vereinzelt schon in den Achtzigerjahren vor allem aus den Vereinigten Staaten auf seinem Schreibtisch gelandet seien, habe er hingegen lange ignoriert oder nur dilatorisch behandelt. Die Bilanz für Ratzingers Amtszeit als Papst fällt nicht besser aus: Benedikt XVI., so der Tenor, habe sich vor allem auf Druck der Öffentlichkeit hin als erster Papst mit Missbrauchsopfern getroffen. Allerdings ist die Darstellung selektiv – zuungunsten Benedikts XVI. So zitieren die Autoren zwar ausführlich aus dem „Hirtenbrief“, den der deutsche Papst 2010 wegen des Missbrauchsskandals an die irischen Katholiken schrieb. Unerwähnt lassen sie allerdings zwei Aussagen, die zur Hauptthese ihres Buches nicht ohne Weiteres passen wollen: Benedikt XVI. nennt ausdrücklich „eine unangebrachte Sorge um den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen“ als einen Grund für das Versagen angesichts des Missbrauchsskandals. Zudem definiert er Missbrauch hier nicht als Verstoß „gegen das sechste Gebot des Dekalogs“, sondern sehr wohl als „schwere Sünde gegen schutzlose Kinder vor Gott und vor anderen“.

Auch sonst erscheint die Hauptthese nur bedingt plausibel. Aus heutiger Sicht lässt es sich zwar kaum bestreiten: Die Maßnahmen, die Ratzinger im Kampf gegen Missbrauch ergriffen hat, kamen oft spät und waren in vielfacher Hinsicht unzureichend. Aber der Versuch der Autoren, die Schuld am Versagen allein oder wenigstens größtenteils in Ratzingers rote Schuhe zu schieben, überzeugt nicht. Dass Missbrauch als Verstoß gegen die Zölibatspflicht geahndet wird etwa, ist keine Erfindung Ratzingers und gilt bis heute. Auch das jüngst vorgestellte überarbeitete kirchliche Strafrecht behält dies bei, ordnet Missbrauch aber zugleich ein unter „Straftaten gegen Freiheit, Würde und Leben des Menschen“. Papst Johannes Paul II. wird in dem Buch zudem völlig zu Unrecht zum bloßen Komparsen im Ratzinger-Drama. Die Autoren unterstellen, wenn Ratzinger nur gewollt hätte, dann hätte er als Präfekt auch gegen sexuellen Missbrauch so entschieden vorgehen können wie etwa gegen lateinamerikanische Befreiungstheologen.

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Dabei schenken sie einem entscheidenden Unterschied zu wenig Beachtung: Wenn Ratzinger seinen Bannstrahl gegen die aus seiner Sicht auf marxistischen Abwegen wandelnden Kirchenmänner richtete, tat er dies mit einem Blankoscheck von Papst Johannes Paul II. Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch fehlte dieser päpstliche Rückhalt. Ratzinger hatte es nicht zuletzt mit dem Widerstand von zwei der einflussreichsten Mitarbeiter des Papstes zu tun: Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano und dem päpstlichen Privatsekretär Stanislaw Dziwisz. So wird man den Eindruck nicht los, dass es den Autoren letztlich mehr um eine Demontage Ratzingers als um eine Analyse des Missbrauchsskandals geht. Sie bleiben in jener Ratzinger-Blase gefangen, in der die Benedikt-unser-Fraktion, angeführt von seinem Biographen Peter Seewald, und die Panzerkardinal-Feinde seit Jahren erbittert um die Deutungshoheit über den deutschen Papst ringen, so als entscheide sich hieran das Schicksal der katholischen Kirche. Es ist offenbar schwierig, ein halbwegs nüchternes Buch über Benedikt XVI. zu schreiben.

Thomas Jansen

Doris Reisinger/ Christoph Röhl: Nur die Wahrheit rettet. Der Missbrauch in der katholischen Kirche und das System Ratzinger.

Piper Verlag, München 2021. 348 S., 22,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen, Thomas
Thomas Jansen
Redakteur in der Politik.
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