Plädoyer für die Freiheit

Demokratie als Lebensweise

Von Jürgen Wilzewski
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 11:57
Madeleine Albright mit Kim Jong-il im Oktober 2000.
Die ehemalige amerikanische Außenministerin Albright engagiert sich auch nach Ende ihrer politischen Karriere.

Was für ein Lebensweg. Ein in der Tschechoslowakei vor dem Weltkrieg geborenes Flüchtlingskind findet 1948 Zuflucht in den Vereinigten Staaten, zunächst auf Long Island, dann in Denver, studiert, gründet eine Familie, zieht drei Kinder groß und wird während der Präsidentschaft des Demokraten Bill Clinton zunächst Botschafterin bei den Vereinten Nationen und 1997 erste Außenministerin der Vereinigten Staaten. Nicht genug damit, gründet Madeleine Albright nach dem Regierungswechsel 2001 die Beratungsfirma „Albright Group“, später „Albright Stonebridge Group“, lehrt weiter an der Georgetown Universität, übernimmt den Vorsitz des „Board of Directors“ des „National Democratic Institute“ (NDI) und schreibt im „dritten Akt“ ihres Lebens mehrere Bücher.

In ihrer nun vorgelegten, höchst lesenswerten Autobiographie entfaltet sie ihre Lebensgeschichte, klug und persönlich, und taucht dabei immer wieder in die Politik der Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein. Ihren Abschied aus dem Amt der Außenministerin schildert sie mit hinreißender Selbstironie. Eingeladen zu einem Essen mit Condoleezza Rice, der ersten Nationalen Sicherheitsberaterin von Clintons Nachfolger im Weißen Haus, dem Republikaner George W. Bush, stürzt sie vor ihrem Haus und muss ins Krankenhaus. Dort kann sie sich in der Aufnahme nicht ausweisen und versucht dies zu heilen, indem sie darauf verweist, dass sie doch Außenministerin war. Die Krankenschwester in der Notaufnahme beeindruckt das nicht. Außenminister sei doch Colin Powell. Albright pflichtet ihr bei, nur um dann hinzuzufügen, dass sie vorher diesen „Job“ gehabt habe. Die Krankenschwester fasst das vollkommen ungerührt zusammen: „Das heißt also, Sie sind arbeitslos.“

„Arbeitslos“ ist Madeleine Albright freilich nicht. Im Gegenteil: Im Bewusstsein der Fragilität von Demokratien hebt sie, nun als Vorsitzende des NDI, bei „jeder Gelegenheit die Verdienste freiheitlicher politischer Systeme“ hervor. In diesem Zusammenhang bekundet sie auch freimütig ihre Ansicht, dass „sich die Demokratie durch militärische Mittel nicht wirksam fördern lässt“, eine Absage an Präsident George W. Bushs missionarischen Eifer nach dem 11. September 2001, der es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, den Nahen und Mittleren Osten durch Waffengewalt zu „demokratisieren“. Albright versteht sich als Brückenbauerin, die statt scharfer parteipolitischer Abgrenzung auf Zusammenarbeit setzt. Zu John McCain, dem inzwischen verstorbenen republikanischen und von ihr hochgeschätzten Senator aus Arizona, pflegt sie ein enges Verhältnis und sieht ihn als „Partner im Kampf für die Demokratie“. Auch mit Sam Brownback, dem früheren konservativen republikanischen Senator aus Kansas, arbeitet sie im Rahmen der internationalen Armutsbekämpfung wie selbstverständlich zusammen, weil dies moralisch richtig ist.

Brownback spricht sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe aus und ist auch in vielen anderen Punkten ganz anderer politischer Auffassung als Albright. Dass „er aus religiösen Gründen den humanen Umgang mit Immigranten“ befürwortet, ist der früheren Außenministerin Grund genug, um dennoch mit ihm zusammenzuarbeiten. Vielleicht liegt dieses Selbstverständnis, die moralische Autorität der Vereinigten Staaten über parteipolitische oder gar nationalistische Interessen zu stellen, in Albrights Biographie begründet. Sie wurde katholisch erzogen, und das Beten war für sie „etwas ganz Natürliches in ihrer Kindheit“. Später, zu der Zeit als sie Außenministerin wurde, sollte sie erfahren, dass sie aus einer jüdischen Familie stammt und mehr als zwei Dutzend ihrer Verwandten, darunter drei Großelternteile, in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden waren.

„In jenen vom Krieg verwüsteten Jahren bin ich zu dem geworden, was ich heute bin“, schreibt Albright. Dabei wird sie auch dadurch angetrieben, dass sie eine Frau ist, wie sie schreibt. Patriarchalische Strukturen und Systeme nimmt sie früh wahr und fügt ihrem Buch den Untertitel „Die Hölle und andere Reiseziele“ bei. Gemeint ist damit der Satz: „Die Hölle hält ein Plätzchen für Frauen bereit, die anderen Frauen nicht helfen.“

Lange Zeit war für amerikanische Frauen eine Karriere in der Außenpolitik völlig unvorstellbar, und das Ministerium stellte „nur alleinstehende Frauen ein, die prompt gefeuert wurden, wenn sie heirateten“, erinnert sich Albright, und es ist zu erahnen, wie viel Durchsetzungsfähigkeit und Frustrationstoleranz die erste Außenministerin der Vereinigten Staaten an den Tag legen musste, bevor sie als Chefin in die siebte Etage des „Foggy Bottom“ einziehen konnte. Die Präsidenten George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump ordnet Albright nicht ganz überraschend unterschiedlich ein. Bush und seinem Team wirft sie vor, dass sie „ihren ersten Krieg, den in Afghanistan, (hätten) zu Ende führen sollen, bevor sie sich den zweiten gegen den Irak aufluden“. Das hatte sicher auch mit dem Bush-Team an sich zu tun. Hätte der 43. Präsident seine Außenpolitik stärker am Primat der Diplomatie ausrichten wollen, so hätte er nicht an Vizepräsident Dick Cheney festgehalten. Bush habe „keinen besonders scharfen strategischen Verstand“ an den Tag gelegt und sei schlussendlich „Opfer seiner Instinkte und Berater“ geworden. Bushs Nachfolger im Weißen Haus, Barack Obama, sieht Albright da schon ganz anders. Obama ist für Albright „ein vorbildlicher Präsident“ gewesen, dem das Land viel verdankt. Im Wahlkampf 2008 hatte sie eigentlich Hillary Clinton unterstützt. Die spätere Außenministerin ist für Albright „ein Arbeitsgaul und kein Turnierpferd“, und Clintons Niederlage in der Präsidentenwahl 2016 gegen Donald Trump war für Albright ein Schock. Mit dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten verbindet Albright eine ausdrückliche Warnung, da er sich in die Reihe heutiger autokratischer Führer wie Putin, Erdogan oder Kim Jong-un einfügt. Für Albright ist eine politische und gesellschaftliche Erneuerung der amerikanischen Demokratie nach innen und außen dringend geboten. Erste Zeichen dafür erkennt sie in den Zwischenwahlen zum Kongress 2018, als „neben zwei demokratischen Sozialisten eine größere Anzahl von Frauen und Farbigen als jemals zuvor in der Geschichte dieses Parlaments sowie etwa zwei Dutzend ehemalige Angehörige der Streitkräfte und der CIA“ gewählt wurden. Die Vereinigten Staaten können aus ihrer derzeitigen Krise nur herausfinden, wenn Schluss gemacht wird, so Albright, mit der innenpolitischen „Selbstblockade“, denn eines ist für sie klar: „Niemand, auch nicht der Präsident, steht über dem Gesetz“, und sie fügt hinzu: „Beide Parteien haben reichlich Grund, diese Prinzipien hochzuhalten.“ Es wird ihr ein Trost sein, dass der amerikanische Demos das in den Präsidenten- und Kongresswahlen 2020 genauso gesehen hat.

Madeleine Albright: Die Hölle und andere Reiseziele. Eine Autobiografie im 21. Jahrhundert. Dumont Verlag, Köln 2020. 496 S., 25,– .

Quelle: F.A.Z.
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