Religionen

„Wie im Himmel, so auf Erden“

Von Rainer Hermann
18.01.2021
, 14:12
Über „politischen Islam“ wird viel diskutiert. Aber „politisch“ sind alle Religionen.

Otto von Bismarck soll gesagt haben, mit der Bergpredigt könne man keine Politik machen. Felix Körner, Professor für Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, stellt das in Frage: „Wieso eigentlich nicht?“ Auch der Titel seiner Monographie dürfte Widerspruch hervorrufen: „Politische Religion. Theologie der Weltgestaltung – Christentum und Islam.“ Er legt aber überzeugend dar, dass man nicht nur mit dem Koran Politik machen kann, sondern dass auch das Judentum und Jesu Verkündigung des Gottesreiches den Anspruch haben, die Welt zu gestalten.

„Religionen sind offenbar von vornherein etwas Politisches“, schreibt Körner, der derzeit am Wissenschaftskolleg in Berlin forscht. Daher bedürfe es einer politischen Theologie. Der Ansatz ist weniger kühn, als es den Anschein hat. Der Jesuit Körner, der in katholischer Theologie und Islamwissenschaft promoviert wurde, präsentiert das Politische in den Theologien, indem er relevante Passagen in der Hebräischen Bibel, im Neuen Testament und im Koran auslegt. Dabei wird klar, dass Religionen die Welt gestalten wollen, dass sie das Zusammenleben der Menschen und die Machtverhältnisse beeinflussen. Daraus entwickelt Körner sechs politische Religionsmodelle.

Erstens ist Religion Kultur, also die nicht gewählte, prägende Umgebung eines Menschen; im Gegenmodell ist sie auch die Stiftung einer neuen Identität, also Mission und das Angebot einer neuen Zugehörigkeit. In einem zweiten Begriffspaar stehen sich Religion als Legitimation von Herrschaft und Gewalt sowie Religion als Relativierung und Kritik menschlicher Macht gegenüber. Im dritten Begriffspaar stellt Körner Religion als Vergegenwärtigung von Schwäche, die sie zu einer Stimme der Schwachen werden lässt, und Religion als Inspiration, die eine Gesellschaft (mit)prägt, gegenüber. Danach begründet er die These, dass Religion die Anerkennung des anderen sei.

Schlüsselkapitel sind die zur Legitimation und Relativierung von Macht. Im ersten Fall legitimieren Religionen politische Ordnungen als Abbild der großen göttlichen Ordnung. So formuliert Psalm 72 die Kriterien für eine gerechte Herrschaft, und mehrere Stellen im Neuen Testament lassen keinen Zweifel daran, dass die Staatsgewalt allein von Gott stammt, so Römerbrief 13,1 und Johannes 19,11. Im Koran hält Körner die Sure 90 für eine Schlüsselstelle. Sie formuliert, wie die Stadt als Ort der Stabilität und als neue Identität inmitten einer Stammesgesellschaft neue Anforderungen an ihre Bürger stellt. Denn die neue Zivilisation, die mit dem Propheten entsteht, ist daran geknüpft, Gott anzuerkennen und für die Mitmenschen zu sorgen.

Körner zeigt ferner, dass Krieg im Namen Gottes keiner monotheistischen Religion fremd ist. Die Hebräische Bibel verbindet ausdrücklich Heiligkeit und Krieg, etwa bei Jeremia 6,4 und Richter 3,28, und im Koran ist der Dschihad der Kampf gegen die Ungläubigen mit Waffengewalt, selbst wenn das, wie Sure 2:190-191, gebietet, Einschränkungen unterliegt. Und im Christentum rechtfertigte Papst Urban II. 1095 den ersten Kreuzzug mit dem Neuen Testament.

Im Gegenmodell zur Legitimierung der Macht schränkt Religion die Herrschaft jedoch auch ein. Denn die Gemeinde, die an das mit Jesus hereinbrechende Gottesreich glaubt, relativiert die irdischen Machtansprüche, die angesichts der kommenden Gottesherrschaft nur unvollkommen sein können. Die vollkommene himmlische Ordnung wird so zum Anstoß einer Neuordnung der Erde. Schließlich heißt es im Vaterunser: „Wie im Himmel, so auf Erden“. Mit ihrer Gerechtigkeit werde die Gottesgemeinschaft Maßstab der irdischen Herrschaft und zur Hoffnung, schreibt Körner. Oder wie es Martin Luther gesagt hat: „Wer mit dem Gesetz regiert, der ist wie Gott, der die Gesetze geschaffen hat.“

Eine solche Vergegenwärtigung des Gottesreiches diene auch als Schutz vor totalitären Machtansprüchen. So sei der Gottesbezug in Deuteronomium 16,18 Freiheitsgarant des Volkes gegenüber dem Herrscherhaus, und die Apostelgeschichte 5,29 formuliert, dass man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen, was letztlich irdische Herrschaft beschränkt. Das lässt die Staatsform offen, auch im Islam. Körner zeichnet die Argumentation des aus dem Sudan stammenden Islamgelehrten Abdullahi Ahmad al-Naim nach, der in seiner Koranexegese zum Ergebnis kommt, dass der Islam mit allen Staatsformen vereinbar sei und von seinen Gläubigen vor allem fordere, sich als Bürger in die Gesellschaft einzubringen.

Die Kirchen waren über Jahrhunderte hinweg eine Inspirationskraft, auch in säkularen Ordnungen. Darauf wies auch der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde mit seinem Diktum hin: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Heute verlieren die Kirchen aber diese Inspirationskraft, und der Einfluss von Ideologien nimmt zu. Die verfügen aber weniger als Religionen, die in ihren langen Traditionen zu Neuentdeckungen fähig sind, über inhärente Korrekturmechanismen.

Christentum und Islam leiten aus ihren Gründern einen Weltgestaltungsanspruch ab. Bezeichnend ist, dass sich das frühe Christentum als geistliche Gemeinschaft den Namen Ekklesia gegeben hat. So hießen im antiken Griechenland die politischen Ratsversammlungen in den Städten. Weiter geht Körner nicht. Er bleibt bei der Theologie. Er geht nicht darauf ein, wie die Institution Kirche die gewonnene Freiheit wieder berauben kann, und auch nicht darauf, weshalb die Ansprüche heute so unterschiedlich zutage treten.

Eine Antwort darauf kann der moderne Nationalstaat sein. In Europa trennte der Westfälische Frieden im neuen Nationalstaat die Bereiche der diesseitigen weltlichen Macht und der transzendentalen religiösen Macht. In der islamischen Welt ist bei der Gründung der Nationalstaaten im 20. Jahrhundert der Islam jedoch ausdrücklich Teil der nationalen Identität geworden. Der Islam wurde, wenn auch nur mittelbar wie in der Türkei, Staatsreligion, und islamische Institutionen waren von Anfang an feste Bestandteile der neuen Staaten.

Körner betont, dass das Christentum sich nur dann treu ist, wenn es seine Wertgestaltungskraft zur Geltung bringt, also politisch wirkt. Kann man mit der Bergpredigt also doch Politik machen? Davon sind die Vertreter der Katholischen Soziallehre ebenso überzeugt wie Papst Franziskus. Denn seine jüngste Enzyklika Fratelli tutti ist mit der Kritik an den Zuständen der Welt, mit der Forderung nach Gerechtigkeit und dem Einsatz für die Schwachen ein ausgesprochen politisches Schreiben.

In einer Zeit, in der über den sogenannten „Politischen Islam“ debattiert wird, öffnet Körner den Blick auf die Wechselwirkung von Politik und Religion bei den drei großen monotheistischen Religionen. Sein Verdienst ist, zu zeigen, dass nicht nur der Islam einen Weltgestaltungsanspruch hat, sondern dass dieser auch im Judentum und im Christentum angelegt ist. Das steht nicht im Widerspruch zum Grundgesetz. Entscheidend ist, dass der Anspruch ohne Gewalt und im Rahmen einer pluralen Ordnung vorgetragen wird. So könnte Körners Politische Theologie auch dazu beitragen, das Verhältnis zum Islam und den Muslimen zu entkrampfen.

Felix Körner: Politische Religion. Theologie der Weltgestaltung – Christentum und Islam.

Herder Verlag, Freiburg, 2020. 336 S., 30,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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