FAZ plus ArtikelTrump und die Evangelikalen

Der ehebrechende Messias

Von Reinhard Bingener
Aktualisiert am 12.09.2020
 - 11:32
Donald Trump mit Bibel bei einem Fototermin vor einer Kirche im Washington am 1. Junizur Bildergalerie
Weiße Evangelikale sind die treuesten Anhänger Donald Trumps. Dabei ist er ein notorischer Ehebrecher und kann nicht einmal „Zweiter Korintherbrief“ korrekt aussprechen. Der Soziologe Philip Gorski erklärt, warum sie ihn trotzdem wählen.

Zu den Rätseln der Gegenwart zählt die Frage, warum kein Präsidentschaftsbewerber in der Geschichte des modernen Amerikas einen höheren Stimmanteil unter weißen Evangelikalen erzielt hat als der notorische Ehebrecher Donald Trump, der nicht einmal „Zweiter Korintherbrief“ korrekt auszusprechen vermag. Der Soziologe Philip Gorski hat die autoritäre Versuchung des amerikanischen Christentums vor der anstehenden Präsidentschaftswahl in einem neuen Buch untersucht. Die These des Yale-Professors lautet, dass der Niedergang der sogenannten Mainline Churches ein wesentlicher Grund für die hohen Zustimmungswerte für Trump unter kirchengebundenen Christen ist.

Der Begriff „Mainline“ geht auf eine Pendlerlinie zurück, die einst das Handelszentrum von Philadelphia mit den Vororten verband, in denen das wohlhabende Establishment aus Presbyterianern, Episkopalen, Lutheranern und Methodisten wohnt. Ungefähr seit 1960 geht es jedoch steil bergab mit diesen liberalen Denominationen, während die Evangelikalen Zuwächse verbuchten. Gorski führt dies auf eine Entkopplung von sozialer und religiöser Mobilität zurück. In früheren Zeiten ging der Aufstieg einer Familie aus der Arbeiterklasse in der Regel mit Konfessionswechseln einher: Aus einem beruflich erfolgreichen Baptisten wurde zunächst ein Methodist, dessen Sohn wiederum zu einem Mitglied der episkopalistischen Kirche aufsteigen konnte.

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Philip Gorski: Am Scheideweg. Amerikas Christen und die Demokratie vor und nach Trump.

Herder Verlag, München 2020. 224 S., 24,– .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bingener, Reinhard
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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