Sprache

Die unheimliche Macht des Wortes

Von Justus Bender
21.09.2021
, 10:45

              Bühne für das Unsägliche: Alexander Gauland 2017 bei „Hart aber fair“
Sprache ist ein wichtiges Mittel im politischen Kampf. Ein nützliches Nachschlagewerk über Rechtsextremismus und seine "Tatworte".

Rechtsextremisten werden in unserer Gesellschaft nicht nur verachtet und abgelehnt, sondern auf gewisse Weise auch bestaunt, weil kaum jemand versteht, wie ein psychisch gesunder Mensch dem Rechtsextremismus verfallen kann, wenn er auch nur ein einziges deutsches Geschichtsbuch gelesen hat. Auf der Suche nach einer Erklärung kann es passieren, dass Rechtsextremisten in ihrer Bösartigkeit überhöht werden. Sie gelten nicht einfach als moralische Simpel, sondern als grandiose Strategen des Bösen.

Sagt ein Rechtsextremist, was er denkt, und sei es ein noch so einfach gestricktes Argument, bestehend aus Xenophobie und Nationalchauvinismus, wird ihm oft ein immenses Verständnis für die Konsequenzen dieser Aussage unterstellt. Es heißt, er manipuliere das Publikum, gewöhne es an den Tabubruch. Es heißt, er sei zugleich ein moralischer Idiot, weil er eben die einfachsten Normen missachte, und ein strategisches Genie, zumindest den normalen, anständigen Menschen weit überlegen in seiner Demagogie.

Diejenigen, die selbst dem stumpfesten Extremisten solche Fähigkeiten unterstellen, können von sich sagen, dass sie nicht nur die Unmoral des Extremismus durchschaut haben, sondern auch ein sehr komplexes Kalkül der Extremisten. Sie sind also nicht nur gute Menschen, sondern kluge Menschen, und sie sind in der Lage, Mittäter zu identifizieren, solche also, die dem Extremisten ein Forum bieten oder in seinem Netzwerk wie ein Trittbrett funktionieren. Das hebt sie hervor in einer demokratischen Gesellschaft, die das Zurückdrängen von Extremisten zu Recht als existenzielle Aufgabe sieht.

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Alle Menschen wären gern moralisch gut und klug und keineswegs naiv im Angesicht böser Extremisten. Es ist also nichts, das der eine dem anderen übelnehmen kann, ohne selbst schuldig zu sein im Sinne der Anklage. Wenn sich kluge und gute Menschen aber darin überbieten, überall Mittäter des Extremismus zu sehen, werden sie dadurch nicht automatisch immer klüger und besser. Irgendwann kippt das. Dann werden jene Werte relativiert, für die eigentlich gekämpft werden soll.

Aus Worten werden Taten

Dem Journalisten Michael Kraske gelingt dieser Balanceakt in seinem Buch „Tatworte“ nicht immer. Kraske hat ex­tremistische Äußerungen von AfD-Politikern, PEGIDA-Aktivisten und anderen Claqueuren dieser Sorte gesammelt. Seine These: Aus Worten werden Taten. „Generell wird öffentlich geäußerte Sprache als Träger von Ideologie und Orientierungshilfe für unser Handeln permanent unterschätzt“, schreibt er. Wer mit radikalen Sprüchen provoziert, spielt nicht nur mit Worten, sondern begünstigt Gewalt. Er erweitert die Grenzen des Sagbaren.

So analysiert Kraske eine Äußerung wie Alexander Gaulands Hassrede gegen die damalige Staatsministerin Aydan Özoguz von der SPD. Gauland hatte in einer Wahlkampfrede im Eichsfeld über Özoguz gesagt: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch Gott sei Dank in Anatolien entsorgen können.“ Geduldig erklärt Kraske bei dieser und jeder anderen Entgleisung, warum sie problematisch ist und was die Gesellschaft tun muss, um in solchen Momenten richtig zu reagieren. Im Fall von Gauland erklärt Kraske, dass die „Entsorgung“ natürlich „die Assoziation von menschlichem Müll“ weckt.

Bild: Verlag

Dann folgt der Rundumschlag. Kraske schreibt, der weitere Verlauf des Skandals sei „typisch für den Umgang mit von AfD-Politikern ausgesprochenen Schmähungen“. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein, weil das Gesagte nicht eindeutig als Gewaltaufruf interpretiert werden könne. Dann greift Kraske den ARD-Journalisten Frank Plasberg an, weil der sich an Gauland in seiner Sendung „Hart aber fair“ zwar 17 Minuten lang abgearbeitet habe, aber „unbeholfen“ gewesen sei, „ohne überzeugende Strategie, Haltung und Analyse“, ein „journalistischer Sündenfall“. Kraske diagnostiziert an vielen Stellen ein weitreichendes Versagen von Justiz, Medien und anderen gesellschaftlichen Akteuren, die mal als naiv, unbedarft oder schlicht unfähig dargestellt werden, der extremistischen Bedrohung zu begegnen.

Das Problem mit Kraskes Buch entsteht, wenn der Leser liest und zögert. Nicht wenn er die unzweifelhaft obszönen Äußerungen von Radikalen bloßstellt. Sondern wenn er im gleichen Atemzug andere in Mithaftung nimmt, Journalisten, Politiker und alle, die AfD-Politiker ignorieren, wenn andere meinen, man müsse widersprechen, oder die widersprechen, wenn andere meinen, man müsse sie ignorieren, um ihnen kein Forum zu bieten oder ihren Tabubruch als Zitat zu transportieren. Viele Zitate, die Kraske verwendet, stammen aus Berichten derjenigen Medien, denen er an anderer Stelle vorwirft, zu viele Aussagen dieser Art zu transportieren. Wer Kraskes Logik weiterspinnt, könnte ihm selbst vorwerfen, durch das Überziehen seiner Anklage die Schuld der AfD-Politiker zu relativieren. So würde sich das Karussell der Mithaftung immer weiterdrehen.

Der andere Weg wäre der Selbstzweifel aller Beteiligten. Ist ein Journalist wie Plasberg nun auch schon ein Steigbügelhalter des Extremismus, nur weil es ihm nicht gelungen sein soll, Gauland im Fernsehen eine vernichtende Niederlage beizubringen? Ist es wirklich so, dass Redaktionen jemandem wie Gauland „regelmäßig das letzte Wort“ überlassen, statt „verbale Grenzverletzungen zu kritisieren“, wie Kraske schreibt? Sind CSU und FDP auch in einer Schublade mit jemandem wie Gauland zu sehen, wenn auch nicht im hintersten, dunkelsten Eck?

„Populistische Trittbrettfahrer“

„Immer wieder bedienen auch Politiker und Persönlichkeiten, die sich selbst in der politischen Mitte verorten, rassistische Stereotype oder verbreiten wohlkalkuliert populistische Parolen. Sie heißen Söder, Seehofer oder Lindner, sind in der CSU oder der FDP“, schreibt Kraske. Er nennt sie „populistische Trittbrettfahrer“. An solchen Stellen überzieht Kraske. Und weil er überzieht, bleibt unklar, an wen sich sein Buch richtet. Die einen werden schon wissen, warum es extremistisch ist, wenn Gauland eine deutsche Staatsministerin wie Müll in Anatolien „entsorgen“ will. Die anderen, denen es erklärt werden muss, werden niemandem glauben, der alle Menschen, die nicht SPD, Grüne oder Linke wählen, in einem ambivalenten Verhältnis zu Leuten wie Gauland sieht.

Der Kern des Buchs, die Zusammenstellung radikaler Äußerungen, macht es zu einem guten Nachschlagewerk für all jene, die immer noch meinen, es bei der AfD mit einer gutbürgerlichen, wertkonservativen Bewegung zu tun zu haben. Wenn Kraske aber behauptet, die vielen in seinem Buch versammelten Skandale hätten „nichts“ bewirkt in der Öffentlichkeit und dass die „politische Öffentlichkeit“ jemandem wie Gauland gegenüber „merkwürdig wohlwollend“ geblieben sei, irrt er. Es gibt eine weitreichende Ächtung der Partei. Der Verfassungsschutz beobachtet sie. Die Wahrnehmung der AfD in der Bevölkerung hat sich seit ihrer Gründung grundlegend geändert. Sie erreicht bundesweit acht bis zehn Prozent, aber kaum mehr. Viele der Äußerungen, die Kraske bespricht, sind in ihrer Zeit Skandale gewesen.

In einer anderen Sache überzeugt Kraskes Analyse hingegen vollkommen. Er ruft: „Nehmt sie beim Wort!“ Gemeint ist, dass die Menschen, die die Öffentlichkeit mit Radikalismen in Atem halten, oft nicht leere Provokationen im Sinn haben, sondern tatsächlich sagen, was sie denken. Dass sie also authentisch Auskunft geben über ihre Ideologie und nicht versehentlich sprechen oder in der Absicht, auch einmal in das Fernsehen zu kommen. Kraske zitiert eine Studie, laut der aus Worten durchaus Taten werden. Aber er schafft natürlich nicht, was keiner schaffen könnte, nämlich zu zeigen, dass der eine die Henne und der andere das Ei ist. Sind AfD-Politiker wirklich diejenigen, die weite Teile der Bevölkerung verführt haben zu einem Denken, auf das diese andernfalls nicht gekommen wären? Oder haben einfach jene, die Ressentiments haben, solche in das Parlament gewählt, die ihre Ressentiments artikulieren, nämlich die AfD-Politiker? In diesem Fall wären AfD-Politiker keine genialen Strategen. Für diesen Eindruck gibt es auch in der Art und Weise, wie die Partei organisiert ist, viele Indizien.

Michael Kraske: Tatworte. Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen. Ullstein Buchverlage, Berlin 2021. 160 S., 14,- €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bender, Justus
Justus Bender
Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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