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Terror

Fatale Ausgrenzung

Von Heike Schmoll
 - 10:07

Jeder achte von Cybermobbing betroffene Jugendliche hegt Selbstmordgedanken. Wer täglich im Internet gemobbt wird, reagiert darüber hinaus mit depressiven Symptomen, aggressiven Verhaltensweisen und gestörten Beziehungen zu Eltern und Lehrern oder schwänzt fortwährend den Unterricht. Cybermobbing findet vor allem in Instant-Messengerdiensten, sozialen Netzwerken und Online-Spielen statt. Bei den 12 bis 19 Jahre alten Jugendlichen besitzt inzwischen längst jeder ein eigenes Mobiltelefon, bei den sechs- bis 13 Jahre alten Kindern ist es jedes zweite. Vom Cybermobbing sind Schüler der sechsten bis achten Klasse am stärksten betroffen. Das sind erschreckende Zahlen.

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Ira-Katharina Peter, die seit 2017 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klinische Psychologie der Universität Bremen beschäftigt ist, und der Direktor des dortigen Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation, Franz Petermann, haben zu diesem aktuellen und wenig erforschten Thema ein Buch vorgelegt, das Eltern und Lehrern sowie damit befassten Behörden grundlegende Informationen und viele Ratschläge zum Umgang mit digitalem Mobbing an die Hand gibt. Unter dem wenig reißerischen Titel „Cybermobbing im Kindes- und Jugendalter“ (es ist ein wissenschaftliches Buch, das sprachlich geschmeidiger geschrieben sein könnte), stellen sie nicht nur die verschiedenen Formen des Mobbings dar wie extremes Beleidigen, Schikanen, Verleumdungen, Photoshopping, Verrat und Vertrauensmissbrauch, Identitätsdiebstahl, Cyberstalking und Sexting, sondern auch die Wirkungen dieser fatalen Ausgrenzung auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. In einem Exkurs werden das sogenannte selbstverletzende Cybermobbing, wobei Jugendliche beleidigende Botschaften gegen sich selbst ins Netz stellen, sowie das Sexting beschrieben. Sexting ist das Versenden von erotischen und anzüglichen Fotos oder Videos. Oft werden die Bilder freiwillig, im Rahmen einer intimen Beziehung verschickt. 13 Prozent der daran beteiligten Jugendlichen hätten massive Probleme in der Schule gehabt mit Mitschülern, die solche Bilder zu sehen bekamen, berichten Peter und Petermann. Immerhin 50 Prozent der Mädchen und 30 Prozent der Jungen sind offenbar sofort bereit, Nacktfotos von sich zu verschicken. Für die vom Sexting betroffenen Kinder und Jugendlichen wird die Reform des Kinder- und Jugendmedienschutzes durch die große Koalition in Berlin zu spät kommen, bisher gibt es nur sehr versteckte Hilfs- und Meldeangebote für Betroffene.

Umso wichtiger sind die von den Autoren beschriebenen Präventionsprogramme wie „Surf-Fair“, „Medienhelden“ oder „Bloßgestellt im Netz – Planspiel Cybermobbing“ sowie Information durch die Schulen. 2017 hat laut einer Befragung weniger als ein Drittel der Schulen Informationen zum Cybermobbing vermittelt. Dabei handelt es sich beim Cybermobbing oft nur um die Fortsetzung des realen Mobbings während der Schulzeit nach deren Ende im Internet. Es sollte in der Schule „klare Regeln für den Umgang mit Cybermobbing geben sowie einen Verhaltenskodex“. Schüler werden sich Lehrern gegenüber allerdings nur öffnen, wenn sie auf deren technisches Verständnis für die Möglichkeiten des Cybermobbings und eine stabile Beziehung hoffen können. Fortbildungen für Lehrer und Erzieher zum Thema seien leider noch eine Seltenheit, beklagen die Autoren und verweisen auf einige Verhaltensänderungen bei den Kindern und Jugendlichen, die Erzieher und Lehrer hellhörig machen sollten: bedrückte Stimmung, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprobleme, schlechtere Leistungen in der Schule, Verschlossenheit und sozialer Rückzug, häufigeres Fehlen im Unterricht, Wut- oder Angstzustände, Symptome wie häufige Kopf- und Bauchschmerzen oder Rückzug in eine andere Welt. Natürlich sind das auch Verhaltensänderungen, die nicht nur bei Opfern des Cybermobbings vorkommen, häufig aber werden Hass-Websites erstellt oder kompromittierende Videos verschickt. In solchen Fällen müssen Lehrer kompetent eingreifen und handeln können.

Dasselbe gilt für Eltern, deren Vorbildfunktion auch hier gefragt ist. Wenn die Eltern keine Skrupel haben, Bilder von ihren neugeborenen oder kleinen Kindern unter „Hashtag: #Unserkleinerliebling“ zu veröffentlichen und möglichst viele am neuen Familienglück teilhaben lassen, brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Kinder ebenfalls keine Grenzen im Umgang mit den Untiefen des Netzes sehen. Tabu sollten Smartphone und Tablet auch am Esstisch sein. In Restaurants sind zunehmend ganze Familien mit elektronischen Geräten befasst und kommunikationslos nebeneinandersitzend zu beobachten.

Musterbriefe von Eltern an einen Cybermobbing-Täter oder dessen Eltern sind ebenso in dem Buch abgedruckt wie ein abgestuftes System der Konsequenzen und rechtlichen Schritte, das natürlich nur dann greifen kann, wenn der Täter bekannt ist. Für Betroffene wird schwer zu verstehen sein, warum sie sich nicht selbst wehren sollen, denn sie werden auf diese Weise selbst zu Cybertätern. Es beginnt mit einer informellen Aufforderung des Täters durch das Opfer oder dessen Eltern, geht über eine Abmahnung, eine Unterlassungsklage bis zur einstweiligen Verfügung. Je mehr Kinder und Jugendliche über auffällige Botschaften, Inhalte, soziale Netzwerke und seltsame Benutzernamen wissen, desto besser können sie sich schützen. Auch bestimmte Sicherheitseinstellungen bei Facebook, Whatsapp und Instagram oder Snapchat werden erläutert. All das macht das Buch zu einem wichtigen Ratgeber im Umgang mit neuen Methoden des digitalen Mobbings, die Kinder rund um die Uhr verfolgen und krank machen können.

Ira-Katharina Peter, Franz Petermann: Cybermobbing im Kindes- und Jugendalter.

Hogrefe Verlag, Göttingen 2018. 201 S., 26,95 .

Quelle: F.A.Z.
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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