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Bunte Gesellschaft

Vielfalt gestalten

Von Rainer Hermann
 - 12:11
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Jeder vierte Bürger dieses Landes hat einen Migrationshintergrund. Bei den schulpflichtigen Kindern sind es sogar 40 Prozent. Die Frage lautet nicht mehr, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Sie lautet, wie wir damit umgehen und die pluraler gewordene Gesellschaft gestalten – wie also die Anerkennung der neuen Mitbürger konkret ausgehandelt wird. Ein Durchbruch in dieser Debatte war 2001 der Bericht der von Rita Süßmuth geleiteten „Unabhängigen Kommission Zuwanderung“. Er erkannte die Realität der Migration erstmals an, auf seiner Grundlage wurde 2004 das „Zuwanderungsgesetz“ verabschiedet.

An der Aussage, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, reibt sich der Satz von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der die Migration als „die Mutter aller Probleme“ bezeichnet hat. Wo Seehofer eine Gefahr sieht, erkennt die Migrationsforscherin Naika Foroutan von der Berliner Humboldt-Universität eine Chance. Für sie ist Migration eine „Chiffre für Pluralität“. Gerade das mache die Migration aber zu einem Kampffeld. Denn wer Migration ablehne, lehne stellvertretend auch andere Lebensentwürfe ab.

Foroutan bezeichnet Migration als „Spiegel“, in dem eine Gesellschaft sieht, ob sie ihrem Anspruch gerecht wird, weltoffen und aufgeklärt zu sein. Bei Foroutan wird sie das nicht. Ihre Kernthese lautet, dass die plurale Demokratie, wie sie im Grundgesetz verankert ist, Gleichheit und gleiche Chancen für alle verspricht, dass sie in Wirklichkeit aber mit wachsender Ungleichheit konfrontiert ist.

Eine zentraler Satz lautet: „Die Migrationsfrage ist somit zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden – an ihr entscheiden sich Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, der Teilhabe und der kulturellen Selbstbeschreibung.“ Foroutan fürchtet, dass Europa nicht bloß an der Migration scheitert, sondern am Umgang mit der umfassenderen Gleichheitsfrage. Die ist deswegen wichtig, weil Gleichheit das zentrale Versprechen in modernen Demokratien ist, die sich auf Pluralität und Parität berufen. Da macht Foroutan erhebliche Defizite aus. Zentralen Versprechen wie Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe stünden Anerkennungsdefizite und die Realität sozialer Ungleichheit gegenüber. Integration werde erwartet, Aufstiege würden aber verwehrt.

So beklagt Foroutan eine „verwehrte Bildungsgleichheit“ und zitiert dazu die Pisa-Studien der OECD. Die bescheinigen Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolgen, wie er für kein anderes OECD-Land belegt ist. Dabei zeigen Studien, dass gerade unter Migranten eine hohe Bildungsaspiration verbreitet sei und dass die Aufstiegswahrscheinlichkeit türkeistämmiger Kinder größer sei als die „herkunftsdeutscher“ Kinder mit gleichem sozioökonomischen Status. Die Ungleichheit setzt sich auf dem Arbeitsmarkt und im öffentlichen Leben fort. Foroutan beschreibt zudem die stereotyp negativen Einstellungen, die mit der Vokabel „muslimisch“ assoziiert sind, und schreibt, Muslime würden „aus dem ,deutschen Wir‘ herausdefiniert“, da „muslimisch und deutsch“ als Gegensätze wahrgenommen würden.

Wie mit dem Widerspruch zwischen politischen Versprechen und der empirischen Wirklichkeit umgehen, mit der Differenz zwischen nachweisbaren Anerkennungsdefiziten bei einer gleichzeitigen Aufrechterhaltung hoher demokratischer Normen? Ausgehalten werde dieser Widerspruch dank der „normativen Paradoxie“, schreibt die Wissenschaftlerin: Wird einer Gruppe erst einmal ein Platz außerhalb des Kollektivs zugewiesen – etwa aufgrund stereotyper Charakterisierungen wie: Muslime sind aggressiv, bildungsfern und demokratiefeindlich –, kann die Norm für sie ja gesenkt werden.

Migration macht eine Gesellschaft vielfältiger, und sie läutet das Ende klarer nationaler Selbsterzählungen ein. Nicht wenige lehnen sie daher ab, ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung sehnt sich nach eindeutigen Kategorien, nach einem Gegenentwurf zur Postmoderne mit deren Pluralismus von Kulturen und Lebensformen. So werben migrationsfeindliche Parteien mit der Reduktion von Pluralität und Ambivalenz.

Lediglich ein Viertel der Bevölkerung lehnt Migration ab – sei es aus kulturellen oder wirtschaftlichen Gründen. Diese Gruppe treibt aber die Politik vor sich her, der neue Rechtspopulismus stellt das Normensystem der pluralen Demokratie in Frage. Migrationsfeindliche Parteien lehnen nicht nur Migration ab, sondern auch die EU, die gesellschaftlichen Eliten sowie soziale und religiöse Minderheiten. Sie sind gegen alles, was für Pluralität steht, sie sind antifeministisch, antisemitisch und islamfeindlich, rassistisch, homophob und xenophob. Komplexitätsreduzierer haben sich auf der ganzen Welt etabliert. Sie predigen die Rückkehr zu Nation, Religion oder Männlichkeit. Foroutan schreibt: „Salafismus, Hindu-Nationalismus, ultra-orthodoxes Judentum, schiitische Allmachtsphantasien, christliche Evangelikale, Alt-Right bestimmen nach einem liberalen Zeitalter das politische Angebot.“ Sie kombinieren die Vorstellungen einer homogenen und überlegenen Nationalität mit der Suggestion, verlorene Stärke zurückzuholen.

Deutschland war keine homogene Nation, so Foroutan. Markenzeichen und tief verankert sei in diesem Land die Vielfalt, etwa als 1848 in der Paulskirche Repräsentanten zahlreicher Sprachen und Ethnien zusammenkamen. Verständigt haben sie sich auf diese Definition von Nation: „Der Begriff der Nation hat sich verändert, die Nation ist nicht mehr begrenzt durch die Abstammung und Sprache, sondern ganz einfach bestimmt durch den politischen Organismus, den Staat. Alle, welche Deutschland bewohnen, sind Deutsche, wenn sie auch nicht Deutsche von Geburt und Sprache sind.“ Dieses Selbstverständnis findet sich im Grundgesetz wieder, das „nach einem regelrechten Rausch der Homogenität“ im Dritten Reich eine inhärent plurale Demokratie mit einem expliziten Gleichheitsversprechen geschaffen habe.

Bei Foroutan läuft Migration auf die Grundsatzfrage hinaus, auf welcher Basis Menschen in immer pluraler werdenden Gesellschaften zusammenleben wollen. Werde diese Vielfalt reduziert, gehe damit die Aufgabe erkämpfter Freiheiten einher. Das ist eine wichtige Lektion dieses mit Denkanstößen vollen Buches, das daran leidet, dass deutsche Wissenschaftler nicht mit derselben Eleganz wie ihre angelsächsischen Kollegen schreiben.

Dem Buch hätte es auch gutgetan, wenn sich Foroutan mit der Frage auseinandergesetzt hätte, ob Aufnahmeländer moralisch verpflichtet sind, Migranten aufzunehmen, wie manche suggerieren und wie man auch bei ihr herauszulesen glaubt. Außer Betracht lässt sie zudem die Frage, in welchem Maße sich Migranten in den Aufnahmeländern anzupassen haben, ohne sich zu assimilieren, was also die Aufnahmeländer fordern dürfen und müssen. Denn letztlich schließen sich Migration und Leitkultur nicht aus. Sie lässt damit offen, was denn ein Land, beispielsweise Deutschland, zusammenhält, Vielfalt allein kann es nicht sein.

Naika Foroutan: „Die postmigrantische Gesellschaft.“ Ein Versprechen der pluralen Demokratie.

Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 276 S., 19,99 .

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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