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Vor 40 Jahren

Die „Rote Armee Fraktion“ konsequent historisiert

Von Christopher Dowe
 - 11:23

2014 legte die Historikerin Petra Terhoeven eine über 700 Seiten starke Untersuchung des Linksterrorismus der siebziger Jahre in transnationaler Perspektive vor. Standen damals Netzwerke, Verflechtungen und wechselseitige Rezeption vor allem in deutsch-italienischer Perspektive im Zentrum dieser wichtigen Studie, verfasste die Göttinger Professorin für Europäische Kultur- und Zeitgeschichte pünktlich zum 40. Jahrestag des „Deutschen Herbstes“ auf rund 120 Taschenbuchseiten komprimiert eine Zusammenschau der gesamten Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF). Wie in der Reihe Wissen des C.H.Beck-Verlags üblich, handelt es sich um einen pointierten Essay ohne wissenschaftlichen Apparat, der den Stand der Forschung souverän auswertet und prägnant darstellt. Terhoeven erzählt nicht zum wiederholten Male die Geschichte der Attentate und der entsprechenden staatlichen Reaktionen nach, sondern bietet eine systematische Einordnung von Vorgeschichte und Entwicklung der RAF.

Ausgehend von einem kulturwissenschaftlich geprägten Terrorismusverständnis betont die Autorin die Bedeutung von Entwicklungsdynamiken sowohl innerhalb der kleinen Gruppe der Terroristen und in ihrem Umfeld in Deutschland und Europa (der palästinensische Terrorismus wird nur (zu?) kurz gestreift), aber auch die überaus wichtigen Wechselwirkungen zwischen dem Vorgehen der Terroristen, der Berichterstattung in den Medien und staatlichen Reaktionen. Als Gründe für das bis heute hohe öffentliche Interesse an dem Thema wie als historisch relevante Entwicklungslinien ordnet die Historikerin die RAF langfristig ein, als Nachgeschichte des Nationalsozialismus, als Teil der Geschichte des globalen „1968“ und als Kapitel einer Geschichte des modernen Terrorismus. Dabei gelingt es ihr, zahlreiche ideologische Fehlurteile auf knappstem Raum zu widerlegen und differenziert jeweils Erträge und Grenzen einer entsprechenden Einordnung zu benennen.

Eine große Stärke des Buches sind kluge synchrone Vergleiche der Situation in der Bundesrepublik mit der in Italien, aber auch in Frankreich, die das jeweils Besondere der westdeutschen Entwicklung aufzeigen. So kann die Historikerin für weite Teile der Geschichte der RAF die Bedeutung linker Theorien für den RAF-Terrorismus deutlich relativieren und herausarbeiten, welche zentrale Bedeutung die Selbststilisierung als Opfer einer angeblich faschistischen oder faschistoiden westdeutschen Staatsgewalt für das Fortbestehen der RAF nach der Verhaftung der ersten Generation hatte. Terhoeven seziert mit wenigen Worten anderslautende linke Geschichtsmythen und ihre Funktionen, verliert aber auch problematische Aspekte mancher politischer oder gesellschaftlicher Debatten und Reaktionen nicht aus dem Blick. So zeigt die Historikerin auf, welche gruppendynamischen Prozesse zwischen den in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Gefangenen entstanden und wie diese zu den Selbsttötungen führender Terroristen der ersten RAF-Generation führten. Sie thematisiert aber auch kritisch das Wirken von westdeutschen Geheimdiensten und deren V-Männern in den verschiedenen Phasen der Geschichte des Linksterrorismus. Terhoevens berechtigter Forderung, dass entsprechende staatliche Akten nicht mehr länger der wissenschaftlichen Forschung vorenthalten bleiben dürfen, kann nur beigepflichtet werden. Dies gilt auch für ihr Plädoyer, die Geschichte der Opfer, der bekannten, vor allem aber auch der unbekannteren, in zukünftige wissenschaftliche Gesamtdarstellungen des deutschen Linksterrorismus konsequent einzubeziehen.

Terhoeven schließt ihre Darstellung nicht mit der Selbstauflösungserklärung der RAF von l998, sondern skizziert abschließend das deutsche Ringen um die Deutung des RAF-Terrors bis zur Gegenwart. Diese Auseinandersetzungen hatten einerseits einen juristischen Hintergrund, ging es doch immer auch um – zum Teil bis heute nicht abgeschlossene – strafrechtliche Ermittlungen und eine mögliche Begnadigung verurteilter RAF-Terroristen. Fast ebenso bedeutsam waren und sind Kontroversen um Geschichtsbilder, die nicht nur auf dem Buchmarkt und in der publizistischen Öffentlichkeit ausgetragen wurden, sondern auch um Filmprojekte, literarische Werke oder künstlerische Zugänge. Die immer breitere zeithistorische Fachliteratur über den Linksterrorismus der siebziger Jahre und die erste zeithistorische Ausstellung zum Thema, die 2013 im Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg unter dem Titel „RAF. Terror im Südwesten“ gezeigt wurde und anschließend in Berlin gastierte, stehen für eine zunehmende Historisierung des Themas RAF, zu dem Terhoeven mit ihren Veröffentlichungen selbst maßgeblich beigetragen hat und mit dem vorliegenden Buch beiträgt. Andererseits zeugen manche mediale Reaktionen auf die Überführung des Flugzeugwracks der 1977 entführten und in Mogadischu befreiten „Landshut“ oder mancher Internetkommentar zum Gespräch der früheren RAF-Terroristin Silke Maier-Witt mit dem Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, Jörg Schleyer, davon, dass sich noch lange nicht überall ein abwägender, differenzierender, sachlicher Blick auf die Gewalttaten der RAF durchgesetzt hat.

Petra Terhoeven: Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt.

C.H. Beck Verlag, München 2017. 128 S., 9,95 .

Quelle: F.A.Z.
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