Wolf Biermann

Mit Biermann fing es an

Von Daniela Münkel
Aktualisiert am 14.10.2020
 - 15:44
Wolf Biermann, Liedermacher aus der DDR, während seines Auftritts in der Sporthalle in Köln am 13.11.1976.
Zum Jahrestag der Einheit: Erinnerungen an die DDR-Spätzeit

Am 25. November 1976 meldete das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter anderem an den Staats- und Parteichef der DDR, Erich Honecker: „Dem MfS wurde intern bekannt, dass am 22. November 1976, 20.00 Uhr, in der Wohnung von Stephan Hermlin eine ,Beratung‘ stattfand, an der neben Hermlin Stefan Heym, Jurek Becker, Volker Braun, Christa und Gerhard Wolf, Sarah Kirsch, Günter Kunert sowie Rolf Schneider und Ehefrau teilnahmen. Ziel dieser Zusammenkunft war die gegenseitige Informierung über die mit ihnen geführten Aussprachen seitens leitender Funktionäre des Partei- und Staatsapparates der DDR, die Festlegung des weiteren gemeinsamen abgestimmten Vorgehens“.

Was das MfS hier berichtete, brachte den SED-Staat in Bedrängnis: Die Zwangsausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann am 16. November 1976, die öffentlichen Proteste dagegen, die von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen initiiert wurden und viel Unterstützung in unterschiedlichsten Kreisen erfuhren, sind Schlüsselereignisse für den im Lauf der achtziger Jahre beschleunigten Untergang der DDR. Die Staatsmacht reagierte auf diese Protestbekundungen mit Drangsalierung und Repression: Schriftsteller wurden eingeschüchtert, die Zensur kurzzeitig wieder verschärft, Schauspieler und Musiker bekamen keine Engagements mehr, Studenten wurden exmatrikuliert. Viele, wie Manfred Krug, Armin Müller-Stahl, Jurek Becker oder Sarah Kirsch, entschlossen sich daraufhin, zu gehen und ihr weiteres Leben in der Bundesrepublik zu verbringen. Andere wie Christa und Gerhard Wolf, Volker Braun, Stefan Heym oder Stephan Hermlin blieben, rieben sich weiter an den Widersprüchen des real existierenden Sozialismus auf, kämpften gegen engstirnige Parteiapparatschiks und versuchten, Freiräume zu nutzen und auszubauen.

Letztere wurden im Laufe der achtziger Jahre vor dem Hintergrund von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow zusehends größer. Versuche der SED-Führung, diese Entwicklung aufzuhalten, waren am Ende zum Scheitern verurteilt. Hier setzt das Buch des Philosophen und Autors Gunnar Decker über die DDR der achtziger Jahre an. Anders als der etwas irreführende Titel „Die späten Jahre der DDR“ vermuten lässt, ist dieser Band keine Gesamtgeschichte des Untergangs der DDR in den achtziger Jahren.

Vielmehr stellt Decker vor allem ein Milieu in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: die Künstler- und Intellektuellenszene der DDR und der Sowjetunion. Schriftsteller wie Christa Wolf, Franz Führmann, Stephan Hermlin, Regisseure und Theatermacher wie Konrad Wolf, Heiner Müller oder Jurek Becker, Maler wie Werner Tübke, Fotografen wie Roger Melis, bildende Künstler wie Wolfgang Mattheuer, Philosophen wie Gerd Irrlitz oder Rudolf Bahro werden ausführlich vorgestellt. Man erfährt viel über ihr Leben, ihr Werk, ihre oft ambivalente Haltung zur DDR, die zahlreichen Auseinandersetzungen untereinander und mit den Ansprüchen der Staatsmacht.

Flankiert wird das Ganze durch die Vorstellung von Politikern, die im engeren oder weiteren Sinne Beziehungen und Wirkungen auf die „Kulturschaffenden“ in der DDR hatten, wie Klaus Gysi oder Walter Janka. Ergänzend werden streiflichtartig die Entwicklung von kirchlichen Umwelt- und Friedenskreisen sowie der Punkszene in den achtziger Jahren vorgestellt – hier, wo der Text seinen eigentlichen Fokus verlässt, wird er jedoch oft inkonsistent und sprunghaft. Angereichert werden die Ausführungen durch autobiographische Anekdoten und Erlebnisse – der Autor studierte in den achtziger Jahren Philosophie an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Etwas irritierend und nicht immer nachvollziehbar ist die häufig wiederkehrende, undifferenzierte Generalkritik am Umgang „der Westdeutschen“ mit dem kulturellen Erbe der DDR und ihren Protagonisten. Dass hier vieles falsch war und eine kritische Beurteilung nötig ist, steht außer Frage. Aber grundsätzlich Westdeutschen die Kompetenz zur Beurteilung der DDR abzusprechen und Kritik am Verhalten von ehemaligen DDR-Bürgern als per se ungerechtfertigt abzuqualifizieren fördert nicht gerade einen sachlichen Diskurs.

Um die achtziger Jahre in der DDR und ihren Untergang zu erklären, reicht der Blick allein auf den Osten Deutschlands nicht. Die Veränderungen in der Sowjetunion und ihre Rückwirkungen auf die DDR waren dabei zentral; oder, wie es der Autor formuliert: „Eine Endzeit, in der meine Generation den Glauben an den Sozialismus verlor, um ihn 1985 durch Gorbatschows ,Perestroika‘ auf andere, sehr viel klarer blickende Weise für kurze Zeit wiederzufinden.“ Diese vorübergehende Renaissance des Sozialismus unter anderen Vorzeichen veränderte auch die Diskurse im künstlerisch-intellektuellen Milieu. Um diese enge deutsch-sowjetische Verflechtungsgeschichte zu explizieren, widmet Decker mehrere Kapitel der politischen, literarischen und künstlerischen Lage in der Sowjetunion mit einem Akzent auf den siebziger und achtziger Jahren. Politiker von Breschnew bis Gorbatschow, Schriftsteller wie Michail Bulgakow, Daniil Granin und Valentin Rasputin oder Regisseure wie Andrej Tarkowski und ihr Wirken werden ausführlich präsentiert.

Will man den Charakter des Buches beschreiben, kommt man mit klassischen Zuschreibungen nicht weit. Gunnar Decker selbst stellt fest, sein Buch solle „keine soziologische Studie sein, auch keine Politik-, nicht einmal eine Kulturgeschichte“. Was aber dann? Der Autor entwirft ein Kaleidoskop des künstlerisch-intellektuellen Milieus in den Zeiten des untergehenden Sozialismus in der DDR und der Sowjetunion. Man liest viel Bekanntes, erfährt aber auch viel Neues, bekommt Lust, das eine oder andere Buch nochmals oder auch erstmals zu lesen. Der Mehrwert dieses keinem Genre zuzuordnenden, ausgesprochen gut zu lesenden Buches ist es, dass es eine umfängliche Gesamtschau des verwobenen deutsch-sowjetischen künstlerisch-intellektuellen Milieus, seines Wirkens und seiner Werke seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bietet.

Gunnar Decker: „Zwischen den Zeiten“. Die späten Jahre der DDR.

Aufbau Verlag, Berlin 2020.

432 S., geb., 28,– .

Quelle: F.A.Z.
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