Zuweilen mörderisch

Und das ist noch nicht der letzte Termin

Von Helene Bubrowski
12.01.2021
, 11:28
„Faulenzer“ sind Politiker ganz sicher nicht. Dieses Buch eröffnet eindrucksvolle Einblicke.

Helge Lindh ist ein erfolgreicher Innenpolitiker der SPD. Politikbeobachtern fällt zu ihm einiges ein, sein Besuch auf dem Rettungsschiff Sea Watch im Mittelmeer etwa oder ein Lied von Konstantin Wecker, das er in einer Bundestagsrede über Hasskriminalität zitierte. Ein engagierter und überzeugter Sozialdemokrat mit Direktmandat. Doch es gibt noch einen anderen Helge Lindh, den man kennenlernt, wenn man ihn am Freitagnachmittag nach Wuppertal begleitet. Nach einer aufreibenden Sitzungswoche ist er müde und abgekämpft. Ankunft 18:38 Uhr, doch Lindh kann noch nicht nach Hause, er eilt direkt in sein Wahlkreisbüro, wo Kulturinteressierte zu einer Vernissage zusammenfinden. Am nächsten Morgen um 8 Uhr der nächste Termin bei der Sozialstation der Diakonie, nach zwei Stunden muss er zum „Demokratischen Frühstück“, er gibt der Lokalpresse ein Interview, dann geht es weiter zu einer Moschee, verunsicherten Muslimen Mut zusprechen. Und das ist noch nicht der letzte Termin an diesem Samstag.

Die Journalisten Peter Dausend und Horand Knaup waren es, die Helge Lindh nach Wuppertal begleitet haben. Ihr Buch „Alleiner kannst du gar nicht sein“ nähert sich den Abgeordneten des Bundestags aus einer ungewohnten Perspektive. Im Zentrum stehen die Menschen hinter ihren Funktionen und Ämtern – ihre Ängste, ihre Einsamkeit, ihre Suchtprobleme und anderen Schwächen. Diese Seiten versuchen Politiker normalerweise zu verstecken, denn in ihrer Welt zählt Stärke. Mehr als 50 Abgeordnete ließen sich trotzdem befragen, Männer und Frauen, quer durch alle Fraktionen und Altersgruppen, vom Parlamentsneuling bis zum Fraktionsvorsitzenden, vom Hinterbänkler bis zum Bundestagspräsidenten. Manche sprachen sehr offen, andere bestanden auf Anonymisierung.

Die Geschichten, die Dausend und Knaup über Leben und Leiden der Abgeordneten erzählen, heischen nicht um Mitleid. Zu Recht, denn die Politiker haben für gewöhnlich ihren Weg in Kenntnis aller Umstände selbst gewählt. Doch wie brutal der politische Betrieb sein kann, zeichnen die Autoren anschaulich nach. Bei der Lektüre muss man über manche Anekdote schmunzeln, aber mit den Protagonisten tauschen möchte man nicht. Trotz ihres zweifellos spannenden und einflussreichen Berufs.

Wie eng das Korsett in Berlin ist, zeigen die Berichte über die Disziplinierung von Abgeordneten, deren Gewissen etwas anderes sagt als die Fraktionsspitze. Nachdem die SPD-Finanzexpertin Cansel Kiziltepe sich geweigert hatte, Auslandseinsätzen der Bundeswehr und Verschärfungen des Asylrechts zuzustimmen – ein Versprechen, das sie vor der Wahl gegeben hatte –, wurde sie von der eigenen Fraktion zunehmend ausgegrenzt. Nach Dausends und Knaups Recherchen ist die Abberufung aus einem Ausschuss die typische Sanktion für unbotmäßiges Verhalten. Das koste sie nur eine Unterschrift, soll die Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles Kiziltepe in einem Vieraugengespräch gedroht haben. „Du wirst frühmorgens vorgeladen, musst da hinkommen, und dann wird dir erzählt, wie scheiße du bist“, so beschreibt eine andere Sozialdemokratin den Führungsstil eines Fraktionschefs. Als der langjährige CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach 2011 die Griechenland-Hilfen nicht unterstütze, musste er sich vom damaligen Kanzleramtschef Roland Pofalla anhören: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“

Machtkämpfe mit Parteifreunden und politischen Gegnern, frustrierende Niederlagen, Stress, die ständige Öffentlichkeit – die Unerbittlichkeit des politischen Geschäfts hinterlässt Spuren. Die Familien leiden mit, viele Ehen überstehen eine politische Karriere nicht. Ehemalige Partner berichten Dausend und Knaup, wie sich die Persönlichkeit der Abgeordneten verändert habe, wie Ungeduld und Gereiztheit gewachsen seien. „Er befand sich irgendwann in einem ständigen Kampfmodus“, sagt die Lebensgefährtin eines Parlamentariers. Da braucht es ein robustes: „Stopp mal, hier dreht sich nicht alles um dich! Wir sind hier nicht deine Mitarbeiter“, wie im Hause des FDP-Abgeordneten Otto Fricke. Anderenfalls sind Volksvertreter schnell allein.

Freundschaften außerhalb der Politik lassen sich kaum aufrechterhalten, nicht nur weil die Zeit so knapp ist, sondern auch weil die Berliner Politikwelt, in die die Abgeordneten eintauchen, den meisten anderen Menschen fremd ist. Und Freundschaften in der Politik? „In der Politik ist jeder Parteifreund immer auch ein Konkurrent, ein Mitbewerber“, sagt Wolfgang Kubicki von der FDP. „Es bleibt immer ein Lauern“, meint auch Michael Hartmann. 2014 war der damalige SPD-Abgeordnete mit dem Rauschgift Crystal Meth erwischt worden. „Die Drogen waren ein Ventil, um das Gefühl der Verlorenheit auszuschalten“, erzählt er heute. Bei anderen füllen Alkohol oder Prostituierte die Leerstelle. Der FDP-Sozialpolitiker Johannes Vogel hat ein Rezept dagegen gefunden: Politik dürfe einem die Zeit rauben, aber nicht einen bestimmten „warmen inneren Ort“. „Das übersteht man nicht – und vereinsamt.“

Auf sich allein gestellt, ist auch der Hass nicht zu ertragen, der vielen Abgeordneten entgegenschlägt. Morddrohungen, rassistische Beschimpfungen, sexualisierte Gewaltandrohung, für viele Politiker ist das trauriger Alltag. Das ist mittlerweile zwar bekannt, die wirksame Bekämpfung indes bleibt schwierig. Als aufreibend schildern Parlamentarier auch die Anfeindungen und Vorwürfe unterhalb dieser Schwelle, manchmal sogar von Parteifreunden. Der SPD-Mann Lindh erzählt: „In Sitzungswochen werde ich von Montag bis Freitag von der AfD wegen meiner Position bekämpft. Samstag und Sonntag beschimpft mich ein Teil meiner Parteilinken oder derer, die meinen, sie wären wirklich links.“

Die allermeisten Politiker nehmen ihren Beruf ernst, viele gehen dabei über ihre Grenzen hinaus. Der Preis dafür kann sehr hoch sein, wie der Tod von Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD) mahnt, der kurz nach Erscheinen des Buches wenige Minuten vor einem Fernsehinterview zusammengebrochen ist. Doch der Respekt vor Politikern schwindet, Hetze nimmt zu, Häme wird salonfähig. Es ist verdienstvoll, dass Dausend und Knaup die unfreundliche Kehrseite von Macht und Erfolg ins Zentrum rücken. Am Ende des Buches findet sich eine Liste mit Mängeln der parlamentarischen Demokratie in ihrem aktuellen Zustand, die dazu einlädt, über Reformen nachzudenken. Damit sich auch weiterhin verantwortungsbewusste Menschen finden, die die Geschicke dieses Landes lenken.

Peter Dausend/Horand Knaup: Alleiner kannst du gar nicht sein. Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst.

dtv Verlagsgesellschaft, München 2020. 463 S., 22.- .

Quelle: F.A.Z.
Helene Bubrowski - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Helene Bubrowski
Politische Korrespondentin in Berlin.
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