Zwangsaussiedlungen

Wurzeln gewaltsam gekappt

Von Jacqueline Boysen
15.06.2020
, 11:46
Wer im Osten zu nahe an der innerdeutschen Grenze wohnte, musste schon sehr „zuverlässig“ sein, um dort bleiben zu dürfen.

Tagungen zur Zeitgeschichte für ein breites Publikum laufen, sofern sie nicht einer virusbedingten Kontaktsperre anheimfallen, nach einem bewähren Muster ab: Die Gastgeber begründen die Relevanz des Themas, stecken das Terrain inhaltlich ab und stellen, wenn es gut läuft, eine Leitfrage. Anschließend bieten Historiker einführend einen Überblick und präsentieren Forschungen zu Einzelaspekten, Zeitzeugen kommen zu Wort, es wird – hoffentlich kontrovers – diskutiert und schließlich einmütig betont, was aus der Geschichte zu lernen sei. Ob eine Tagung erfolg- oder ertragreich endet, ob sie womöglich einen Erkenntnisfortschritt bringt, hängt von der Interaktion zwischen Publikum und Referenten ab, vom Temperament der Zeitzeugen, der Gesprächsbereitschaft der Experten und der Aufgeschlossenheit der Moderatoren – kurz: von der sich entwickelnden Stimmung, in der entweder Erforschtes schlicht weitergegeben, vertieft oder sinnvoll weitergedacht werden kann. Tagungsbände transportieren nur selten die singuläre Atmosphäre gelungener Veranstaltungen; sie liefern einen Flickenteppich aus Allgemeingut mit eingewobenen Perlen und beschränken sich auf die Wiedergabe der Vorträge – wurden diese frei gehalten, geben Abschriften allenfalls schwach gegebene Denkanstöße wieder.

So versammelt auch der Band „Die vergessene Vertreibung“ leider unverbunden Texte, die auf einem Seminar der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Point Alpha Stiftung 2018 vorgetragen wurden. Die Veranstaltung war den Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze gewidmet – einer Facette realsozialistischen Unrechts, die exemplarisch zeigt, wie rücksichtslos die SED die deutsch-deutsche Grenze, vor allem aber ihre Macht sicherte.

Das Buch hebt sich von anderen Tagungsresumees durch seine aufwendige Gestaltung und viel Daten- und Quellenmaterial positiv ab – darunter auch eine westdeutsche Ansichtskarte aus den fünfziger Jahren. Sie zeigt Motive der Grenzanlagen in der Rhön und belehrt den Betrachter „Auch drüben ist Deutschland“. Dieser Satz ist heute kaum mehr nötig, wohl aber der Hinweis darauf, wie schmerzhaft die Zwangsaussiedlungen waren.

Verräterisch sind schon einige der Codenamen für Um- und Aussiedlungsaktionen entlang der deutsch-deutschen Grenze in den Jahren 1952 und 1961: Aktion Ungeziefer suggerierte, dass es um innergesellschaftliche Schädlingsbekämpfung ging, Aktion Kornblume klang etwas harmloser, signalisierte der Landbevölkerung allerdings auch, dass die staatlichen Organe die Absicht verfolgten, Alteingesessene wie Unkraut auszureißen.

Was es bedeutet, wenn die Wurzeln einer Familie gewaltsam gekappt werden, spiegelt der Bericht der Zeitzeugin Marie-Luise Tröbs: Als Siebenjährige erlebte sie am 3. Oktober 1961, wie Uniformierte sie und ihre Familie aus Geisa in der Thüringischen Rhön eines Morgens überraschten, den Hausstand im Handumdrehen auf Lastwagen verluden, sie zwangen, sich von der bettlägerigen Großmutter zu verabschieden, und den Rest der Familie ohne viel Federlesens nach Ilmenau in ein renovierungsbedürftiges, enges Quartier verfrachteten. Die authentische Opfergeschichte verdichtet Erlebnisse von Heimatverlust, Willkür und Enteignung, erzählt von der Stigmatisierung der Neuangesiedelten und dem Reflex der Zeitzeugin, die für immer verlorene Kindheitsidylle zu idealisieren. Ihr Bericht endet mit dem Hinweis auf den 1990 gegründeten Bund der Zwangsausgesiedelten, in dem sich ihr Vater 17 Jahre lang „bis zu seinem Tod“ für die Rehabilitierung und Entschädigung dieser Opfergruppe einsetzte – wie sie selbst auch.

Unrecht wirkt als Trauma nach, Wunden verheilen über Generationen nicht – was aber bedeutet das für unsere Gesellschaft, die sich allenfalls auf Tagungen für Insider damit auseinandersetzt? Diese Frage beantwortet der Band nicht. Doch er versammelt Texte von ausgewiesenen Experten und würdigt pars pro toto Einzelschicksale, indem er sie vor dem Vergessen bewahrt. Auch die Geschichte der Bauernfamilie Fink aus Kranluken im heutigen Wartburgkreis, damals Bezirk Suhl, die sich der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft im Arbeiter-und- Bauern-Staat widersetzt hatte. Hermann Fink trat im Sommer 1961 aus der LPG, in die er gezwungen worden war, aus. Das war schon Provokation genug – dass 28 andere Bauern seinem Beispiel folgten, rief die Staatsmacht auf den Plan. Die Geschichte der Finks zeigt, wie sich Partei und Staatssicherheit die Renitenz eines Mannes propagandistisch zunutze machte, um weitere Nachahmer abzuschrecken und die Bevölkerung insgesamt einzuschüchtern. Vater und Sohn Fink wurden gegen ihren Willen als „unverbesserliche Faschisten“ aus der DDR ausgewiesen und in Schimpf und Schande über die Grenze in die Bundesrepublik gejagt.

Nicht zum ersten Mal wird Zwangsmigration als Herrschaftsinstrument beschrieben, ohne die Herrscher und ihre Handlanger zu befragen. Vor allem bleibt etwas anderes unerforscht: die Duldung durch jene, die geschwiegen haben. Manche haben sogar von Enteignungen entlang der 1400 Kilometer langen Grenze profitiert. Die gen Westen Geflüchteten wie auch die aus den grenznahen Dörfern zwangsweise an andere Orte in der DDR umgesiedelten Menschen hinterließen Haus und Hof. Es gab Nutznießer ihrer materiellen Hinterlassenschaften, Menschen, die Arbeitsstellen oder den konfiszierten Besitz der oft böswillig kriminalisierten Umgesiedelten bereitwillig übernahmen – darüber wurde und wird nicht geredet.

Das Grenzregime der DDR ist dennoch gut erforscht – die Geschichte der mehr als 11 000 Menschen, die in großangelegten Einsätzen unter Zwang aus dem Sperrgebiet ausgesiedelt wurden, ist es auch. Gleichwohl sind – anders als bei den an der Mauer zu Tode gekommenen DDR-Bürgern – keine Einzelschicksale in unser kollektives Gedächtnis eingegangen. Das muss die Betroffenen noch mehr schmerzen als unbefriedigende finanzielle Entschädigungsleistungen.

Volker Bausch, Mathias Friedel, Alexander Jehn (Hrsg.): Die vergessene Vertreibung. Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze.

De Gruyter/Oldenbourg Verlag, Berlin 2020. 267 S., 29,95 .

Quelle: F.A.Z.
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