Karriere einer Migrantin

Zweite Heimat Polizei

Von Karin Truscheit
26.10.2021
, 10:49
Durchsuchung im Clan-Milieu in Neukölln im Februar 2021
Als Kind kam sie aus Aserbaidschan. Sie sprach kein Wort deutsch. Heute ist die Polizeibeamtin. Erfahrungsbericht einer Erfolgreichen.
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Schwimmen lernen, um ihren Traumberuf Polizistin ergreifen zu können, musste Lana Atakisieva im doppelten Sinne: Als Nichtschwimmerin belegte sie nach dem Abitur erst einmal einen Kurs, um überhaupt die Schwimmfähigkeit für die Bewerbung nachweisen zu können. Die geforderten 200 Meter schaffte sie nach sechs Wochen Training. Zugleich war dies der Markstein eines jahrelangen Freischwimmens: von den Zwängen ihres autoritären, wenn auch geliebten Elternhauses, vor allem aber von den Ängsten, als Migrantin weder in Schule noch Clique noch Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Lana Atakisieva ist 32 Jahre alt und Polizeioberkommissarin in Berlin. Geboren in Russland, aufgewachsen in Baku in Aserbaidschan, wo Schwimmen lernen nicht Pflicht war, dafür Klavierunterricht und gute Schulnoten. Als sie 15 Jahre alt war, ging sie mit ihrer Schwester und ihrer schwer an Diabetes erkrankten Mutter nach Deutschland, um sie medizinisch behandeln zu lassen. Wie Lana Atakisieva es schaffte, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, über Förderklasse und Hauptschule hinweg schließlich das Abitur mit 2,7 zu bestehen und ein Leben nach ihren eigenen, westlich orientierten Vorstellungen zu führen, davon handelt ihr autobiographisches Buch „Nachtschicht in Neukölln – Eine Polizistin erzählt“. Der Titel legt dabei den Schwerpunkt auf ihren Beruf, was gut die Hälfte des Inhalts unterschlägt. Denn auf rund 200 Seiten wechseln sich Kapitel zu Kindheit und Jugend ab mit Kapiteln über ihren Arbeitsalltag als Polizistin. Dem Leser werden nicht nur Einblicke in Einsätze, sondern auch in ihre Gefühlswelt gewährt: Wie sie darunter litt, von Mitschülern als „Sinti“ beschimpft und geschlagen zu werden, wie ihr Strenge, Geldsorgen und Krankheit der Eltern ebenso zusetzten wie Wutausbrüche ihres ersten Freundes, mit dem sie heimlich zusammenzog und der eigentlich ihr Weg in die Freiheit sein sollte.

Bild: Verlag

Die der Vergangenheit gegenübergestellte Gegenwart des Schichtdienstes hebt sich dabei wohltuend von gängigen „True Crime“-Erzählungen ab. Es geht endlich mal nicht um spektakuläre Mordfälle, sondern um das, was Polizeiarbeit in jeder Stadt an jedem Tag ausmacht: Unfälle, Schlägereien, häusliche Gewalt, Sachbeschädigung, Randale. Angenehm schnörkellos beschreibt die Autorin, wie Streifenpolizisten beim Eintreten in fremde Wohnungen ein Gespür für Milieus und Gefahren entwickeln müssen: wenn sie und ihre Kollegen sich zum Beispiel auf einer nächtlichen Studentenparty, zu der sie wegen Ruhestörung gerufen wurden, plötzlich in einem explosiven „Gemisch aus Rebellion, Rausch und Masse“ Platz und Respekt verschaffen müssen. Sie schildert die Dynamik von der ersten freundlichen Ansprache – „Hört mal, ihr müsst die Musik leiser stellen“ – bis hin zu Belehrungen über „ihre und unsere Rechte“ sowie Strafanzeigen wegen Beleidigung – „Verpisst euch, Bullenschweine“ –, Körperverletzung und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. In gefährlichen Situationen, schreibt Atakisieva, durchströme sie ein Gefühl von „Stolz und Dankbarkeit, da ich in diesem Augenblick Teil eines Teams bin, in dem jede und jeder der einen und dem anderen hilft“. Ohne Teamarbeit geht es nicht bei der Polizei, zumal in Neukölln, wo es kaum eine Woche gebe, „in der man im Dienst nicht mit gewaltbereiten Menschen zu tun hat“: dem Obdachlosen, der den Polizisten vor die Füße spuckt und dann in Kampfhaltung geht oder dem aggressiven arabischstämmigen Mann, der seine Nachbarin wegen einer zur lauten Toilettenspülung drangsaliert und Atakisieva als „türkische Hurentochter“, ihre deutsch-arabische Kollegin als „Jüdin“ beschimpft. Für die Kollegen bringt man Gefährder zu Boden, wenn die zum Schlag ausholen, für die Kollegen räumt man das dreckige Geschirr im Teamraum weg, bevor die nächste Schicht anrückt.

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Ihr „Abschnitt“ in Neukölln, wie die Polizeiinspektionen in Berlin genannt werden, ist für Lana Atakisieva zur Heimat geworden, nach all den Widerständen, mit denen sie seit ihrer Ankunft in Deutschland kämpfen musste. Dass sie als Jugendliche und als Polizistin – nicht nur – von Deutschen rassistisch beleidigt wurde und wird, dass ihre Kollegen als Rassisten beschimpft werden, schildert sie ebenso wie die große Unterstützung, die sie immer wieder erfahren hat. Politische Forderungen stellt sie jedoch nicht, „Nachtschicht in Neukölln“ unterscheidet sich insofern von dem Buch „Deutschland im Blaulicht“ der Polizistin Tania Kambouri, das 2015 zu einer heftigen Debatte über die Herausforderungen der Polizeiarbeit durch kriminelle Zuwanderer geführt hat. Atakisieva streift diese Punkte nur, wenn sie zum Beispiel ihren Dienstgruppenleiter mit den Worten zitiert, dass „Clan-Kriminalität“ in Neukölln „eine große Rolle“ spiele. Wenn sie die Ursachen für kriminelles Verhalten darlegt, wirkt das manchmal holzschnittartig: So erklärt sie das Verhalten eines Jungen, der mutwillig einen E-Scooter beschädigt hat, mit „Grenzen austesten“ sowie mit Eltern, die ihre Kinder auf die Straße schickten, weil die Wohnung zu klein oder die Wohnung zwar groß sei, sie aber keine „Zeit und Muße“ hätten, sich um die Kinder zu kümmern.

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Doch nicht jedes Buch über Polizisten muss Missstände beklagen. Atakisievas Anliegen ist es vielmehr, zugewandte Polizeiarbeit zu praktizieren. Das gelingt ihr nicht zuletzt auch, weil sie Türkisch, Russisch und Aserbaidschanisch spricht und sich aus eigener Erfahrung in die Nöte von Opfern wie Beschuldigten aus anderen Kulturkreisen hineinversetzen kann. Den Menschen in ihrem Abschnitt hilft das: der jungen Frau mit Kopftuch, einem angeblichen Vergewaltigungsopfer, die sie auf die Konsequenzen einer wahrheitswidrigen Beschuldigung hinweist. Oder dem arabischstämmigen Jugendlichen, dem sie Trost spendet, weil er nach dem plötzlichen Todes seines Vaters nicht mehr ein noch aus weiß.

Ihre Schilderung des Heranwachsens in einem fremden Land eignet sich auch gut als Schullektüre: Sie zeigt vor allem Gymnasiasten, dass das Abitur je nach Hintergrund nicht natürlicher Endpunkt, sondern hart erarbeiteter Fluchtpunkt der Schullaufbahn sein kann. Gleichzeitig führt die Polizeioberkommissarin vor Augen, was es bedeutet, sich durchzubeißen, und was der Lohn dafür ist: (finanzielle) Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein, der Traumjob. Keine Angst habe sie verspürt, schreibt sie, als sie einen Randalierer mit acht Kollegen mit Müh und Not fixieren konnte. „Gewalttätige Personen schüchterten mich nicht mehr ein. Es war eine andere Lana gewesen, die sich von Mitschülerinnen an die Wand hatte drücken lassen. Jetzt war ich Polizeikommissarin. Ich war stark. Und ich war nicht mehr allein.“ Denn für Atakisieva zeichnet sich der Polizeiberuf besonders durch das aus, was er ihr und der Gesellschaft verschafft – und was zu oft als selbstverständlich hingenommen wird: Sicherheit. „Wenn wir Streife fahren, dann weiß ich, dass sich viele Menschen dadurch sicherer fühlen.“

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Lana Atakisieva: Nachtschicht in Neukölln - Eine Polizistin erzählt.

Carl Hanser Verlag, München, 207 S., 18,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Truscheit, Karin
Karin Truscheit
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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