900 Lehrer fehlen

Was Berlin gegen den Lehrermangel tun will

Von Heike Schmoll, Berlin
24.05.2022
, 21:25
Ein leeres Klassenzimmer
Berlin sucht Auswege aus der Mangelversorgung an Schulen. Denn eine Prognose für das kommende Jahr klingt beunruhigend: mehr als 900 Lehrer fehlen.
ANZEIGE

„Schon im Mai muss eigentlich das Gerüst für die Lehrerversorgung im nächsten Schuljahr stehen“, sagt Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD), die aus der Praxis kommt und bis zum vergangenen Sommer selbst eine Brennpunkt-Grundschule in Neukölln geleitet hat. Die neuste Prognose für die Lehrerversorgung aus dem Bildungssenat wird in den Schulen Schrecken verbreiten: Im kommenden Jahr fehlen in Berlin nach einer Berechnung der Berliner Schulbehörde voraussichtlich 920 Lehrer. In Anbetracht der schon jetzt angespannten Situation mit vielen Quereinsteigern in der Grundschule und einem hohen Anteil von Lehrern ohne klassische pädagogische Ausbildung hat die Bildungsverwaltung allen Grund, frühzeitig nach Auswegen zu suchen.

Derzeit befinden sich nach Auskunft der Schulbehörde 2536 Lehrkräfte in berufsbegleitender Ausbildung, also Quereinsteiger, die eine Fortbildung machen; das sind 7,4 Prozent der aktiven Lehrkräfte in Berlin. Bis zum vergangenen Jahr war Berlin das einzige Land, das Lehrer nicht verbeamtete, so gingen viele in Berlin wohnende Lehrer nach Hamburg oder Brandenburg. Inzwischen verbeamtet auch Berlin und erlässt nun auch die Wartezeit für eine Verbeamtung, die bisher bei acht Monaten lag.

ANZEIGE

Die Lehrerversorgung wird in den kommenden Jahren für alle Bundesländer zu einem der dringendsten Probleme werden. Selbst Bayern meldet inzwischen Lehrermangel. Je nach Berechnung sollen in den Jahren 2025/26 schon 26.000 Lehrer fehlen. Das ist allerdings eine optimistische Prognose der Kultusministerkonferenz. Der Bildungsforscher Klaus Klemm rechnet eher mit 40.000 fehlenden Lehrern. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft INSM sieht einen Fehlbestand von 35.000 Lehrern bundesweit, schon im Jahr 2035/36 aber von 76.000. Immerhin hat die INSM den Berliner Grundschulen einen dritten Platz bei der Schüler-Lehrer-Relation attestiert. Bayern und Baden-Württemberg liegen hier auf den letzten Plätzen.

Flüchtlingskinder aus Ukraine in Berlin gut integriert

Senatorin Busse sagt, die 3000 Flüchtlingskinder aus der Ukraine seien in der Hauptstadt völlig problemlos in die Schulen integriert worden und verweist darauf, dass die Schülerzahl in Berlin am stärksten gewachsen ist. Die Stundentafel sei auch abgedeckt. „Der Regelunterricht ist nicht in Gefahr“, doch bei den zusätzlichen Lehrerstunden hapert es schon jetzt. Die Lehrer in Vollzeit ab 58 Jahren können in Berlin eine Altersermäßigung in Anspruch nehmen, also eine Stunde weniger unterrichten, ab 61 Jahren sind es sogar zwei Stunden weniger. Insgesamt gelten Altersermäßigungen bei insgesamt 350 Vollzeitkräften. Die Senatorin verteidigt die Altersermäßigung mit dem Argument, dass es besser sei, die Lehrer mit weniger Stunden im System zu halten, als sie ganz in den Ruhestand zu verlieren. Dazu kommen 120 Vollzeitstellen mit einer Schwerbehindertenermäßigung.

ANZEIGE

Auffallend ist, dass Schulen in sogenannten sozial herausfordernden Lagen meist eine höhere Zahl an Quereinsteigern und nicht voll ausgebildeten Lehrern aufweisen als andere Schulen. Es hängt im Wesentlichen an der Schulleitung und dem Kollegium, ob es gelingt, hoch qualifizierte Lehrer dauerhaft zu binden. Um die Verteilungsgerechtigkeit zu erhöhen, sollen die Schulen, die sehr gut versorgt sind „abgeben“. Das sei immer schwierig, wendet Busse ein. Und die Schulbehörde hat sich längst jeden Dirigismus abgewöhnt, weil sie die noch vorhandenen Lehrer pfleglich behandeln muss. Bei einem Fachlehrerbedarf an einer Nachbarschule könnte ein Lehrer mit einigen Stunden oder ganz abgeordnet werden – „natürlich nur freiwillig und mit Rückkehrgarantie“, wie der Berliner Referatsleiter für Personalmanagement Holger Schmidt versichert. Er wird in Zukunft für die gerechtere landesweite Verteilung der Lehrer zuständig sein.

Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD)
Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) Bild: dpa

Dazu soll ein Einstellungskorridor festgelegt werden. Um Schulen verlässlicher einzuordnen, soll nicht nur die Anzahl der Kinder mit nicht deutscher Herkunft (NdH-Kinder) erhoben werden, sondern auch der Sozialraumindex, sowie die sonderpädagogischen Integrationsbedarfe an der einzelnen Schule. Die regionalen Schulaufsichten wären dann dafür verantwortlich, große Disparitäten zu verhindern und die Besonderheiten einzelner Schulen zu berücksichtigen. Und die Schule selbst müsste für den gezielten Einsatz der vorhandenen Fachlehrer sorgen.

ANZEIGE

Um mehr Lehrkräfte für die einzelnen Schulen zu gewinnen, sollen mehr Berufe für die sogenannten multiprofessionellen Teams zugelassen werden: Also nicht nur Sozialpädagogen und Psychologen, sondern auch Logopäden und Ergotherapeuten, sowie Lern- und Musiktherapeuten. Außerdem denkt die Schulbehörde daran, früh Studenten einzubinden und Praxissemesterstudenten für ein halbes Jahr zu gewinnen und sie dann an die Schule zu binden. Wie alle anderen Länder will auch Berlin versuchen, Pensionäre für mindestens sechs Stunden an den Schulen zu halten, Fachkräfte über Kooperationspartner zu gewinnen und vor allem den sogenannten „Dienst am anderen Ort“ zu reduzieren.

Wie viele vollausgebildete Lehrer in der Verwaltung, in der Schulinspektion und mit anderen außerunterrichtlichen Tätigkeiten beschäftigt sind, weiß der Schulsenat nach eigenem Bekunden nicht, sieht aber ein, dass er darüber Klarheit gewinnen und die Anzahl der Lehrer in der Verwaltung verringern muss. Mit viel Überredungskunst wird sich der Senat dann darum bemühen müssen, die Teilzeitbeschäftigten im Schuldienst für eine Aufstockung zu gewinnen. Aber viele haben kleine Kinder oder pflegen Angehörige.

Mit einem sogenannten Q-Master (Quer ins Lehramtsstudium), einer Brennpunktzulage, Werbemaßnahmen für Beruf und Studium erhofft sich die Schulbehörde weitere Erfolge. Die Brennpunktzulage ist politisch allerdings umstritten, weil sie nicht evaluiert wurde. Die Berliner Universitäten haben die Lehramtsstudienplätze schon um 30 bis 40 Prozent aufgestockt, machen aber ähnliche Erfahrungen wie andere Universitäten auch: nicht alle Bachelorabsolventen studieren weiter bis zum Master of Education und längst nicht alle Masterabsolventen landen am Ende auch in der Schule. Die Schulbehörde überlegt, wie sie die Studenten durch Einstellungsgarantien schon im letzten Semester binden könnte und erwägt auch eine Langzeitstudie.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage
Automarkt
Top-Gebrauchtwagen mit Garantie
ANZEIGE