Ende der Einsamkeit

Von CHRISTOPH EHRHARDT, Fotos von DANIEL PILAR

17.06.2019 · Auf Sokotra gibt es weiße Strände und exotische Tiere. Doch das Paradies ist von politischen Verwerfungen bedroht.

A uf einen Schlag verfinstert sich seine Miene, und Ahmed Said, ein warmherziger Mann, wird eisig. Er senkt den Blick und wendet sich ab. Kein Gruß, keine ausdauernde Befragung nach dem Wohlbefinden, kein Lachen. Ahmed Said bleibt düster und stumm. Er will nichts mit den Männern zu schaffen haben, die sich hier oben auf der Anhöhe so gemütlich eingerichtet haben, wie es vor dem Rohbau eines kleinen Sommerhauses eben geht. Ihre Wangen sind gewölbt, als würden sie einen Tennisball darin verbergen. Es ist später Nachmittag, das Licht wird warm und weich – die Tageszeit, zu der im Jemen das Leben stillzustehen scheint, weil die Leute damit beschäftigt sind, die Triebe des Qat-Strauches zu kauen und den anregenden Rausch aufs ich wirken zulassen.

Sokotra: Das Galápagos des indischen Ozeans F.A.Z.

Man kann es der Runde nicht verdenken, dass sie sich diesen Platz ausgesucht hat. Der Blick fällt auf das weite Meer, vom Fuß des Bergs dringt das Rauschen der Wellen herauf. Aber für Ahmed Said ist dieses gesellige Beisammensein ein Affront. Denn der Mann, dem dieser idyllische Ort gehört, stammt nicht von Sokotra, der jemenitischen Insel, die Ahmed Said so sehr liebt und so gut kennt wie kaum einer ihrer rund 60.000 Bewohner. Der Besitzer des Grundstücks kommt vom jemenitischen Festland. Er hat lange im amerikanischen Bundesstaat Louisiana gelebt und erzählt nun mit breitem amerikanischem Akzent, als wäre es das Normalste der Welt: „Ich habe das Land am Telefon gekauft. Ich war nie vorher hier.“

Männer vom jemenitischen Festland sitzen auf einem Hügel oberhalb der Stadt Hadibo und kauen Kath und rauchen Marihuana. Einige von ihnen haben auf der Insel über einen Makler Land erworben.

„Ich habe das Land
am Telefon gekauft.
Ich war nie vorher hier.“
Anonymer Käufer auf Sokotra

Der Mann, der das Geschäft vermittelt hat, und der von der Insel stammt, blickt betreten zu Boden. Denn es sind solche Geschichten, die den Bewohnern von Sokotra Sorgen bereiten. Sie haben das Gefühl, dass ihnen die Kontrolle über ihre Heimat entgleitet.

Reich an Natur und Kultur: Schmutzgeier an der Küste von Aher.

Es ist ein besonderer Ort. Seit 2008 wird Sokotra wegen seiner Naturschätze als Unesco-Welterbe geführt. Hunderte endemische Spezies, also Pflanzen und Tiere, die es nur hier gibt, sind auf der Insel zu Hause. Sokotra liegt abgeschieden knapp 400 Kilometer südlich der Küste des Jemen. Weit genug weg, um von der Regierung des bitter armen Lands vernachlässigt zu werden. Weit genug, um nicht zum Schlachtfeld des Kriegs zu werden, der auf dem Festland tobt. Aber nicht weit genug, um von seinem Irrsinn verschont zu bleiben.

Seit Jahren bekämpfen sich dort die Houthi-Rebellen und die Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi, die im September 2015 aus der Hauptstadt Sanaa vertrieben wurde. Die großen Regionalmächte Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Iran sind in den Krieg verwickelt. Riad und Abu Dhabi unterstützen die Regierung, das Regime in Teheran die schiitischen Houthi. Mit Sokotra hat das alles wenig zu tun. Es gibt auf der Insel nicht einmal Houthi-Rebellen. Und doch ist der Konflikt allgegenwärtig.

Sokotra mag arm sein, aber die Insel ist strategisch gelegen am Horn von Afrika – an wichtigen Schifffahrtsstraßen und den Routen der Öl-Tanker. Es kursieren Geschichten, die Emirate wollten Sokotra ihrem Staat einverleiben und würden heimlich Naturschätze der Insel fortbringen. Geschäftsleute planten, riesige Hotelburgen an geschützten Stränden zu bauen. Solche Gerüchte klingen nicht selten wie Schauergeschichten. Doch sie haben einen wahren Kern: Das Gefühl des Kontrollverlusts trügt nicht. Die örtliche Regierung ist schwach. Sie muss einen Berg an Problemen bewältigen und hat es schon schwer, mit Bedrohungen fertig zu werden, die nicht mit dem Krieg zu tun haben.


„Man muss die Gebiete, in denen die neuen Drachenblutbäume heranwachsen, vor den Ziegen schützen.“
Ahmed Said, Umweltschutzprogramme der Vereinten Nationen

Sokotrische Ikone: Drachenblutbäume an der Schlucht Kalesan. Der Fortbestand des seltenen Gewächses ist bedroht.

Ahmed Said kraxelt durch die steinige Landschaft des Diksam-Hochplateaus, wo der Drachenblutbaum wächst, eine sokotrische Ikone. Die dichten Zweige seiner Krone spannen sich wie ein flacher Schirm über den Stamm. Sein rotes Wachs ist seit Jahrhunderten eine wertvolle Handelsware. Said erzählt von der Legende, die sich um seine Entstehung rankt: dem tödlichen Kampf eines tapferen Elefanten mit einem Drachen, der die Saat für die erste Generation der Drachenblutbäume gelegt haben soll. Ahmed Said kann viele alte Geschichten erzählen. Wo nichts als der Wind oder das Rauschen eines Bachs zu hören ist, macht er den Ruf seltener Vögel aus. Dann erblickt er sie dort, wo andere nur Felsen und Büsche sehen.

Said arbeitet für Umweltschutzprogramme der Vereinten Nationen. Er sorgt sich um die nächste Generation von Drachenblutbäumen. Deren schlimmster Feind ist allgegenwärtig: Es sind die Ziegen, die auf Sokotra geliebt und in Gedichten besungen werden. „Sie fressen die Zweige und Blätter junger Bäume, und die gehen dann ein. Eigentlich müssten Ziegen das Wappentier Sokotras sein“, sagt Ahmed Said später im Scherz und klingt ein wenig bitter. „Man muss die Gebiete, in denen die neuen Drachenblutbäume heranwachsen, vor den Ziegen schützen.“ Aber das ist nicht einfach, weil die nomadischen Hirten, die in den Bergen leben, sich nicht viel aus Zäunen machen und auch nicht groß über die Zukunft nachdenken. „Die Gesetze, die wir hier haben, um die Umwelt zu schützen, sind eigentlich gut“, sagt Ahmed Said. „Aber leider hält sich niemand daran.“

Nassim Mohamed Ahmad, Manager of Reserve (rechts) und Adenan Abdullah Ali, Ranger, bei ihrer Schutzstation im Naturreservat Dihamri Marine Reserve auf Sokotra.

Der Krieg macht das nicht einfacher. Wenn wegen eines Konflikts weniger Kochgas vom Festland auf die Insel gelangt, wird mehr Feuerholz gebraucht – und werden mehr Bäume abgeholzt. Wenn die wirtschaftliche Not größer wird, sind die Leute noch stärker mit dem Überleben beschäftigt, und es bleibt noch weniger Kraft übrig, um sich um das Naturerbe oder das kulturelle Erbe der Insel zu kümmern. Auch Ahmed Said verflucht diesen komplizierten Konflikt, der einfach nicht enden will. Er beklagt wie alle anderen, dass der Krieg auf dem Festland die Preise für Lebensmittel in ungekannte Höhen getrieben hat. Dass Sokotra jetzt nicht nur durch die Wirbelstürme vom Rest der Welt abgeschnitten wird, weil es noch immer keine Fährverbindung aufs Festland gibt,und sich die seltenen Flüge, die von der staatlichen Fluggesellschaft angeboten werden, auf der Insel kaum mehr jemand leisten kann. Dass ständig Leute ertrinken, weil sie auf kleinen Fischerbooten übersetzen.

Zu allem Überfluss kommen auch noch die ungeliebten Leute vom Festland. Wie die abgekämpfte Gruppe, die an einer Flussmündung im Westen Sokotras an Land geht. Nur wenige Meter weiter vertreibt sich die Dorfjugend die Zeit damit, von einer Brücke halsbrecherische Sprünge ins brusthohe Wasser zu vollführen. Sie bemerken die Handvoll Altersgenossen gar nicht, die in das Idyll platzen. Es sind junge Männer aus Orten wie Taizz oder Hudaida, in denen der Krieg noch immer tobt. „Die Lage ist schlimm“, sagt Nabil, einer von ihnen. Drei Tage waren sie auf dem Meer in einem kleinen Fischerboot. Jetzt wartet harte Arbeit in einem Restaurant in Hadibu auf sie.

H adibu, die Inselhauptstadt, ist in ihrer staubigen Schlichtheit und den mit Plastik vermüllten Straßen ein drastischer Kontrast zur imposanten Schönheit der Natur. Dort arbeitet eine Regierung, die einen Balanceakt vollziehen muss: Sie weiß, dass die arme Bevölkerung Entwicklungsprojekte sehr zu schätzen weiß – aber auch, dass Entwicklungsprojekte für die Natur mindestens so bedrohlich sein können wie die Ziegen für die jungen Drachenblutbäume. Am Sitz des Gouverneurs, einem verwitterten Zweckbau, warten Vertreter der Fischereigewerkschaft, Dorfälteste und verschleierte Frauen auf Audienzen, um ihre Anliegen vorzutragen. Vor der Bürotür von Salem Daheq, dem Verwaltungschef von Hadibu, stehen die Leute schon am Morgen Schlange. Daheq, ein massiger Mann mit wachem Blick, wird als integer auch von solchen Inselbewohnern beschrieben, die sonst nicht viel für Politiker übrighaben. „Er fühlt sich dem Boden unter unseren Füßen verpflichtet, nicht dem Stuhl unter seinem Hintern“, sagt einer von ihnen.

Auf einem Markt in Hadibu
Ahmed Said (Mitte rechts) kauft Honig, der in Flaschen abgefüllt ist.
Junge Männer in Diksam beim Abendgebet
Folkloristische Tänze in Hadibu

Daheq findet offene Worte für die Schwierigkeiten, mit denen er und andere Funktionäre konfrontiert sind. Auch für die eigene Schwäche. Er sieht, dass die Sokotris selbst Komplizen beim Ausverkauf ihrer Insel sind, und beklagt die Geldgier von Leuten, die Regeln umgehen, um Geschäfte mit dem kostbaren Land zu machen. Die sich nicht an Vorgaben halten, nach denen Bauprojekte an Küsten oder in Schutzzonen für die Natur untersagt sind. Und er schimpft auf die Korruption, die solche Geschäfte erst ermöglicht. Vorsichtig wird Daheq, als er auf die Entwicklungsprojekte zu sprechen kommt. Er will es sich nicht mit mächtigen Geldgebern verscherzen. Überall weisen Schilder auf Arbeit der Vereinigten Arabischen Emirate und neuerdings auch Saudi-Arabiens hin. „Ein bisschen Kontrolle haben wir schon“, sagt er beschwichtigend. „Manchmal reden sie mit uns“, fügt er an. Dann gibt er aber wiederum zu: „Wir werden nicht immer konsultiert.“

Die Emirate führen eine Entwicklungskampagne, die Millionen Dollar kostet. Als Sokotra 2015 von schweren Wirbelstürmen getroffen wurde, war die vom Krieg gelähmte jemenitische Führung nicht in der Lage, den Inselbewohnern zur Seite zu stehen. Stattdessen kamen Hilfsflüge und Wiederaufbauhilfe aus Abu Dhabi. Die Emirate haben in Hadibu ein neues Krankenhaus gebaut, das in der ärmlichen Inselhauptstadt wirkt wie eine Raumstation. Das stärkste Mobilfunknetz ist emiratisch, die häufigste Verbindung ist ein Regierungsflugzeug nach Abu Dhabi. Die Emirate verteilen Hilfsgüter, bohren Brunnen, finanzieren Schulen und Naturschutzprojekte. Überall wehen emiratische Flaggen über Häusern aus Sandstein.

Das Krankenhaus „Khalifa Hospital“ in Hadibo wurde voll von der Khalifa Foundation aus den Vereinigten Arabischen Emiraten finanziert.

Wie in dem Weiler im Westen der Insel, in dem ein Ziegenhirte mit seiner Familie die Aufmerksamkeit eines Aufbauhelfers aus Abu Dhabi erregte. „Wir haben sie immer an der Straße gesehen, wo sie um Wasser gebettelt haben“, sagt der Helfer. Also schritt er ein. Jetzt steht neben den Häusern ein Brunnen mit einer Pumpe, die mit Solarenergie betrieben wird.


Aber solche Ad-hoc-Projekte können die örtlichen Behörden verstimmen, wenn sie nicht einbezogen werden. Denn die emiratischen Flaggen zeugen nicht nur von Dankbarkeit, sondern auch von Autoritätsverlust. Den ausländischen Helfern dürften solche Befindlichkeiten kaum auffallen – die gestrenge Führung in Abu Dhabi hält es zu Hause mit der eigenen Bevölkerung ähnlich.

Raaid al Dscherebi, der stellvertretende Gouverneur von Sokotra, hat große Mühe, Stärke auszustrahlen. Er empfängt einen emiratischen Konvoi in Qalansiyah, dem zweitgrößten Ort Sokotras, der weit im Nordwesten der Insel liegt. Die Hilfsgüter werden gerade verstaut, auf dem staubigen Platz vor dem Lagerhaus herrscht Tumult. Lärmende Kinder belagern die Lastwagen.

Selbstlos? Helfer aus den Emiraten verteilen Nahrungsmittel in Qalansiyah.

Dscherebi steht im gestärkten blütenweißen Gewand inmitten des Chaos, die Augen hinter einer verspiegelten Fliegerbrille verborgen, und verlautbart staatstragend Dankesbekundungen. „Sokotra ist ein Teil des Jemens“, sagt er. „Die Emirate tun Gutes auf der Insel.“ Doch dann ergreift ein Mann aus dem Ort das Wort. „Wir sind Sokotris“, sagt er. „Die Regierung ist weit weg, die tut nichts. Ohne Hilfe aus den Emiraten wären wir aufgeschmissen.“ Er will mit dem Rest des Jemens nichts zu tun haben und erntet Beifall für seinen Wutanfall. Dscherebi folgt der Tirade des Manns stumm, mit versteinerter Miene und gehobenem Kinn.

G anz fremd sind sich Sokotris und Emiratis nicht. Tausende Inselbewohner haben Verwandte in den Emiraten, deren Familien dort zu Geld gekommen sind. Die Golfstaaten waren dank Erdöl und Erdgas schwerreich geworden, während das einstige „Arabia Felix“ an der Südflanke der Arabischen Halbinsel verarmte. Doch trotz der zahlreichen Familienbande fürchtet mancher Inselbewohner Bevormundung und Ausbeutung durch die neureichen Vettern vom Golf. Auch dem Gouverneur der Insel, Ramzi Mahroos, wird nachgesagt, zu den Skeptikern zu zählen. Er hat sich gegen die Stationierung einer von den Emiraten geförderten jemenitischen Miliz auf der Insel gewehrt. Streitkräfte außerhalb der staatlichen Institutionen könnten Konflikte schüren und die Lage destabilisieren, warnte der Gouverneur. Er dürfte sich nicht zuletzt davor fürchten, die Truppe könnte als Druckmittel eingesetzt werden.

Umschwärmte Begleiter: Die Fischer von Sokotra erfreuen sich am Anblick der Delfine.

Im vergangenen Jahr waren die politischen Spannungen auf Sokotra schon einmal eskaliert und hatten sich zu einem handfesten Machtkampf ausgeweitet. Die Regierung von Präsident Hadi, auf deren Seite Abu Dhabi offiziell kämpft, warf den Emiraten vor, sich wie eine Besatzungsmacht aufzuführen. Es kursierten Gerüchte, Abu Dhabi wolle ein Referendum erzwingen, Sokotra zu einem „achten Emirat“ machen und in dem Naturparadies einen Außenposten für das emiratische Militär einrichten. Der damalige jemenitische Regierungschef reiste eigens nach Sokotra, um den vermeintlichen Besatzern die Stirn zu bieten. Abu Dhabi ließ die Muskeln spielen, verlegte Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge auf die Insel. Es hieß sogar, die Emiratis hätten den jemenitischen Regierungschef für eine Weile festgesetzt und die Kontrolle über den Flughafen übernommen. Saudi-Arabien griff ein und setzte dem Streit unter denen, die eigentlich Alliierte sind, ein Ende.

Halsbrecherisch: Die Dorfjugend springt ins brusthohe Wasser eines Flusses nahe Qalansiyah.

Es ist ein Machtkampf, der viel über den Jemen-Krieg aussagt. Das Misstrauen gegenüber den Emiraten ist nicht aus der Luft gegriffen. Sie haben Militärstützpunkte nicht nur auf jemenitischem Boden eingerichtet, sondern auch an anderen strategisch wichtigen Orten in der Region wie Eritrea, Djibouti oder Somaliland. Und sie wären nicht die erste Macht, die den strategischen Wert Sokotras erkannt hat. Die Briten besetzten die Insel 1834, weil das Empire den Golf von Aden beherrschen wollte und damit den Zugang zum Roten Meer. Die Sowjetunion stationierte Truppen auf Sokotra; verrostete Panzerwracks an der Küste zeugen heute noch davon. Vor allem aber legt der Streit um Sokotra die Verwerfungen innerhalb des Bündnisses gegen die Houthi-Rebellen offen. Eigentlich verachten die emiratischen Herrscher den jemenitischen Präsidenten und wären ihn gerne los. Sie unterstützen unter anderem Separatisten, die den Südjemen vom Rest des Landes abspalten wollen. Das wiederum stört nicht nur Präsident Hadi, sondern auch Saudi-Arabien – und das ist nur einer von vielen Konfliktherden.

Man könnte meinen, dass die Inselbewohner sich nicht um solche Festlandrivalitäten scheren. „Wir sind zuallererst Sokotris“, sagt Ahmed Said beim Abendessen in einem Restaurant in Hadibu. Er ist gerade aus der Küche zurückgekehrt, wo er einen Fisch ausgesucht hat. Als dieser auf einer zerbeulten Blechplatte serviert wird, hat sich sein Satz schon als irreführend herausgestellt.

Blick in die Küche des Restaurants „Shabwah“ in der Stadt Hadibo.

Ahmed Said zählt die Gruppen auf, die sich in der Inselhauptstadt beharken. Die südjemenitischen Separatisten gehören dazu, ebenso Islamisten und Anhänger eines Sultans aus früheren Zeiten, dessen Nachkomme auf Sokotra angeblich eine Privatmiliz aufstellt. „Die politischen Streitigkeiten vergiften das gesellschaftliche Klima“, sagt auch ein Aktivist, der sich um das Erbe seiner Heimat sorgt und aus Angst unerkannt bleiben möchte. Immer mehr Posten würden nach politischer Zugehörigkeit vergeben. Ahmed Said spottet über den Opportunismus, der sich ausgebreitet habe: „Morgens gehört man zu denen, am Mittag zu denen und am Abend zu den anderen. Je nachdem, wer am besten zahlt.“

Seine Stimmung verschlechtert sich, als ein Pick-up ohne Nummernschild vor dem Lokal hält und zwei massige Männer eine Großbestellung auf die Ladefläche wuchten. „Das sind saudische Soldaten“, knurrt Ahmed Said. Er mag die Saudis nicht. Wo früher sein Büro in einem Gebäude der örtlichen Umweltbehörde war, stehen jetzt saudische Panzerwagen. „Sie haben uns einfach verjagt.“

In diesen Tagen hört man das Wort „Besatzer“ vor allem in Zusammenhang mit den einstigen Schlichtern. Auf dem Flughafen von Hadibu landen saudische Militärflugzeuge. Hunderte Soldaten seien auf der Insel, heißt es von Offizieren und Funktionären. Man kenne die Zahl nicht genau, aber es seien weit mehr, als die Emirate jemals auf die Insel gebracht hätten.

In Abu Dhabi ist, was die Entwicklungsprojekte beider Länder betrifft, schon von einem Wettbewerb die Rede. So prangt die saudische Flagge auf Schildern, die von saudischer Hilfe zeugen. Auch die Flagge der Separatisten oder des alten Sultanats ist oft zu sehen. „Die jemenitische Flagge weht nur noch über den Stützpunkten der Armee“, witzelt Ahmed Said.

Höchststrafe Festlandeinsatz: Rekruten der „Meeresbrigade“ auf ihrem Exerzierplatz.

Über dem Exerzierplatz der „Meeresbrigade“ zum Beispiel, der einem Strand gleicht. Es ist eine farbenfrohe Truppe von Rekruten, die Feldwebel Abdullah Ali bin Madschd auf dem Sand zum Flaggenappell antreten lässt. Die Männer stammen von der Insel, sie tragen eine Sammlung von Fußballtrikots, die in etwa das diesjährige Champions-League-Viertelfinale abbildet. „Mit Gottes Hilfe bewahren wir die Insel vor allen Gefahren“, sagt der Feldwebel, während die Truppe im Hintergrund hüftsteif exerziert. Er berichtet von ausländischen Trawlern, die es zu verscheuchen gelte, weil sie die Gewässer leer fischten, von Schmugglern, von Piraten. Am Ende der Unterhaltung stellt sich heraus, dass seine Leute im Grunde nicht viel mehr ausrichten können, als Meldung zu machen – und zu hoffen, dass schlagkräftigere Hilfe anrückt. Einen gefährlichen Kriegseinsatz auf dem Festland müssen die Rekruten von der Insel jedenfalls nicht befürchten. „Damit drohen wir nur, wenn jemand Mist baut“, sagt Feldwebel Abdullah Ali bin Madschd. Als wollte er die Tragweite der Strafe unmissverständlich klarmachen, fügt er an: „Also, man muss schon richtig großen Mist bauen.“

Die Insel Sokotra

Das Sokotra-Archipel, benannt nach seiner Hauptinsel, wird als „Galapagos des Indischen Ozeans“ bezeichnet. Seit 2008 steht die Inselgruppe wegen der einzigartigen Natur auf der Unesco-Welterbe-Liste. Sokotra ist Heimat für Hunderte endemische Spezies, also für Pflanzen und Tiere, die es nur hier gibt. Die Abgelegenheit ist wie ein Schutzschild. Wenn der Monsun aufzieht, beginnen Monate der Isolation, weil die Insel bis zum Herbst nur schwer zu erreichen ist.

Wer nach Sokotra kommt, ist schnell überwältigt von der fremdartigen Schönheit: menschenleere Strände, die so breit sind wie Fußballfelder, Delfinschulen, die Fischerboote auf dem türkisfarbenen Meer umkreisen, riesige Sanddünen, die an zerfurchte Felswände geweht wurden, bunte Korallenriffe, schroffe Berglandschaften, tiefe Schluchten. Die Insel ist reich an archäologischen Stätten und umrankt von vielen Legenden. In alten Schriften heißt es, hier habe der Garten Eden gelegen.

Die Zukunft ist ungewiss. Umweltschützer befürchten, der Klimawandel könne Sokotra in eine Wüste verwandeln. Zuletzt haben Wirbelstürme schlimm gewütet. Dazu kommt die Sorge, dass die eigene Sprache aussterben könnte. Fremde kaufen immer mehr Grundstücke, und einfache Leute vom jemenitischen Festland flüchten auf kleinen Fischerbooten über das Meer, um Krieg und Hunger zu entfliehen. Außerdem haben Regionalmächte wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Blicke auf Sokotra gerichtet.
17.06.2019
Quelle: F.A.Z. Magazin