Silke Maier-Witt

„Wir haben nie gefragt, wen löschen wir da aus?“

29.04.2007
, 18:46
„Ich kann mich mit dem, was ich getan habe, nicht identifizieren”: Silke Maier-Witt
Silke Maier-Witt war lange Jahre Mitglied der „Rote Armee Fraktion“. Im Interview spricht sie über ihre erste Waffe, den Mord an Siegfried Buback, Schuld, Scham und den „zurückhaltenden Menschen“ Christian Klar.
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Silke Maier-Witt war lange Jahre Mitglied der „Rote Armee Fraktion“. 1977 war sie an der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer beteiligt. Nach ihrer Verhaftung in der DDR hatte Maier-Witt 1991 umfangreich ausgesagt, weshalb sie unter Berücksichtigung der Kronzeugenregelung nach fünf Jahren Haft vorzeitig entlassen worden war. Derzeit arbeitet die heute 57 Jahre alte Psychologin für das Forum Ziviler Friedensdienste in Mazedonien. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht sie über ihre erste Waffe, den Mord an Siegfried Buback, Schuld, Scham und den „zurückhaltenden Menschen“ Christian Klar.

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Frau Maier-Witt, Sie arbeiten in Mazedonien für das Forum Ziviler Friedensdienst. Was tun Sie dort?

Ich treffe viele Leute, versuche Vertrauen aufzubauen. Und ich schaue, was wir tun können, um die ethnischen Gruppen der Mazedonier und der Albaner näher zueinander zu bringen. Beide sollten verstehen, dass es für sie und für die Zukunft des Landes besser ist, wenn sie ihre Vorurteile überwinden. Bildung ist dabei besonders wichtig, denn die Schulen gehören zu den wenigen Orten, wo sich Mazedonier und Albaner treffen und Spannungen entstehen.

Sie haben zuvor für die gleiche Organisation fünf Jahre im Kosovo als Psychologin gearbeitet. Dort verstehen sich Serben und Albaner bis heute nicht.

Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass Hass und Gewalt überwunden werden können. Aber es ist schwierig. Wenn es kriegerische Auseinandersetzungen gab, ist das besonders schwer. Trotzdem bin ich zuversichtlich, weil ich im Kosovo so viele Menschen kennengelernt habe, die mit großem Engagement daran arbeiten.

Auch die RAF hat eine Art Krieg mit der Bundesrepublik geführt. Hat Ihre Arbeit für Sie mit Ihrer Geschichte in der RAF zu tun?

Ja. Ich begreife meine Arbeit heute auch als politische Arbeit. Und als ich in die RAF gegangen bin, wollte ich mich für eine gerechtere Welt einsetzen. In der Wahl der Mittel habe ich allerdings ganz falsch gelegen. Ich habe damals nicht verstanden, dass Gewalt keine Lösung ist.

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Was empfinden Sie, wenn Sie an Ihre RAF-Zeit zurückdenken?

Ich denke oft: Wieso bin ausgerechnet ich da reingekommen? Eine schlüssige Antwort habe ich immer noch nicht. Natürlich kann ich sagen: Es war eine ganz andere Zeit. Aber es fällt mir immer schwerer nachzuvollziehen, was ich damals gedacht habe. Je älter ich werde, umso schwerer fällt es mir, mich mit meiner Vergangenheit auszusöhnen. Ich sehe immer deutlicher, was ich durch meinen Lebensweg versäumt habe. Das gilt auch für fehlende Partnerschaften oder eine Familie.

Sie haben mal gesagt, Sie hätten die Geschichte Ihres Vaters wiederholt. Wie meinen Sie das?

Mein Vater war in der SS. Ich habe nicht herausbekommen, was er gemacht hat. Aber ich habe die Unterlagen bekommen, dass er sich mit 19 Jahren freiwillig gemeldet hat. Ich denke, auch er hat das getan, weil er zu einer Gruppe gehören wollte - um jemand zu sein, etwas darzustellen. Letztlich war das auch bei mir so. Ich wollte auch dazugehören - auch wenn man dafür das Gehirn ausschalten musste. Auch die SS hat Terror verbreitet. Und da sehe ich eine Parallele.

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Empfinden Sie Schuld oder Reue?

Reue ist schwierig. Ich empfinde eher Scham. Ich kann mich mit dem, was ich getan habe, nicht identifizieren. Sicher waren es nicht nur niedere Beweggründe, die mich zur RAF getrieben haben. Aber es war doch eher Schwäche als Stärke.

Peter Jürgen Boock hat gesagt, dass er Wut empfindet auf die RAF-Anführer Baader, Ensslin, Meinhof. Sie auch?

Da müsste ich auf mich selbst wütend sein. Denn ich habe mich freiwillig und ohne Not untergeordnet. Natürlich gab es das Machoverhalten von Baader und anderen. Aber es wäre nicht richtig, alles nur auf eine Beziehungsgeschichte zu reduzieren. Ich bin nicht gezwungen worden mitzumachen.

Sie gehören zu den frühen Aussteigern der RAF. Sind Sie rausgegangen, oder hat die Gruppe Sie ausgeschlossen?

Es war irgendwann klar, dass ich nicht mehr mitmachen sollte. Dann wurde mir die Waffe abgenommen. Da hatte ich schon noch das Gefühl: warum eigentlich? Es war nicht so, dass ich gesagt habe: Ich will nicht mehr.

Fühlten Sie sich verletzt?

Ja, es war ein Gefühl der Schwäche. Und ich fragte mich auch: Was soll ich denn sonst tun? Ich bin regelrecht in ein Loch gefallen. Ich hatte mich doch bemüht, meiner Rolle gerecht zu werden. Und ich war gescheitert. Ich hatte das Gefühl, noch keine Chance gehabt zu haben, mich zu beweisen.

Boock hat Ihnen zweieinhalb Jahre zuvor eine Waffe gegeben. Das war das Aufnahmeritual für die RAF.

Das war am 7. April 1977, wenige Stunden nach dem Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Boock kam damals so ins Schwärmen, als er mir die verschiedenen Arten von Munition erklärt hat. Das kam mir sehr merkwürdig vor. Schon damals habe ich gar nicht an mich herangelassen, was es bedeutet, immer mit diesem Riesending herumzurennen. Ich habe es aber hingenommen. Das sind die Sachen, die mich heute am meisten stören an mir selbst. Dass ich alles hingenommen habe. Ich war wie so ein Schaf, das macht, was man ihm sagt.

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Sie haben nach dem Ausstieg zehn Jahre unter falschen Identitäten in der DDR gelebt. Wie sehen Sie diese Zeit heute?

Es ging mir eigentlich ganz gut in der DDR. Ich hatte Freunde, hatte Arbeit, auch das Gefühl von Sicherheit. Erst nach der Wende habe ich begriffen, wie eingeschränkt ich war.

Sie haben - nach Ihrer Verhaftung in der DDR - umfangreich ausgesagt. Was hat Ihnen das bedeutet?

Es war schon eine innere Befreiung. Und für mich war es absolut notwendig. Vor allem war es erleichternd, wieder ich zu sein und nicht mehr die Angelika Gerlach oder die Sylvia Beyer mit ihren komischen Lebensgeschichten, hinter denen ich sowieso nie hatte stehen können in der DDR. Ich habe damals meine Aussagen nicht mit Blick auf ein mildes Urteil gemacht, sondern um erst einmal mit mir selber ins Reine zu kommen.

Für einen Teil der RAF-Leute gelten Sie als Verräterin. Hat Ihnen das zu schaffen gemacht?

Zeitweilig schon. Ich habe nichts verraten, was nicht irgendwie schon bekannt war. Das habe ich mir dann immer zur Beruhigung gesagt. Für mich setzt Verräterin sein voraus, dass ich für richtig halte, was die RAF gemacht hat. Ich glaube, heute denkt kaum noch einer aus der RAF, dass das richtig war, was wir gemacht haben. Sich nach mehr als zwanzig Jahren Haft einzugestehen, dass man für nichts gemordet hat, ist natürlich schwer.

Schweigen deswegen so viele RAF-Leute bis heute?

Ich nehme das an. Was ich mitbekomme, ist, dass die meisten in ihren eigenen Gedanken der RAF nichts mehr abgewinnen können. Gerade heute, wo Terrorismus noch eine neue Färbung bekommen hat, ist es noch schwieriger, sich einzugestehen: Ich habe auch mal so gedacht.

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Sie hätten, so schreibt jetzt der „Spiegel“, Anfang der neunziger Jahre dem Bundeskriminalamt gesagt, dass nicht Knut Folkerts unmittelbar am Buback-Attentat beteiligt gewesen sein könne, weil er Sie an diesem Tag nach Amsterdam gefahren habe. Können Sie das bestätigen?

Was Knut Folkerts betrifft: Das habe ich damals so gesagt, und das trifft zu.

Hat Sie es nicht gewundert, dass Ihre Aussage von der Justiz nicht aufgegriffen wurde? Folkerts wurde für den Buback-Mord zu lebenslanger Haft verurteilt.

Nein, eigentlich nicht. Letztlich ist jedem, der in der RAF war, alles vorgehalten worden. Das war mehr so eine Art Kollektivbestrafung. Auch bei mir kam es nicht darauf an, was ich tatsächlich gemacht hatte, sondern darauf, alles Mögliche abzuhaken. In den Prozessen gegen die RAF-Mitglieder habe ich nicht das Bemühen entdeckt, die individuelle Schuld auszuloten.

Sie sind zu zehn Jahren verurteilt worden, haben fünf davon abgesessen. Viele haben das Urteil gegen Sie so gewertet, dass der Staat damit gebrochen hat, die Kollektivität der RAF zu akzeptieren. Wie sehen Sie es?

(schweigt) Ich kann sagen, dass ich fair behandelt worden bin. Vielleicht sehe ich es zu blauäugig. Aber der Prozess war nur Beiwerk. Es stand schon fest, dass ich nicht mit der vollen Wucht bestraft werden würde, dass es nicht auf lebenslang hinauslaufen würde. Das fand ich auch stimmig, weil ich - bei allem, was ich getan habe - keinen Mord begangen habe. Ich habe wirklich niemanden umgebracht. Das war mir schon wichtig.

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Boock sagt, dass beim Mord an Buback nicht Folkerts geschossen habe oder Klar, sondern Stefan Wisniewski. Halten Sie Boocks Aussage für glaubwürdig?

Wenn Boock sagt, Wisniewski hat geschossen, dann wird er es wissen. Denn er war in der Zeit eines der führenden Mitglieder in der Gruppe. Mich wundert nur, warum er es jetzt macht.

Er sagt, er tut es, um Christian Klar zu entlasten, dessen Gnadengesuch bei Horst Köhler liegt.

Das habe ich mir auch gedacht. Christian Klar ist zu einer Bestie hochstilisiert worden. Dass das nicht stimmt, weiß ich sowieso. Er war eher ein zurückhaltender Mensch. Zu dieser Zeit war er ja auch erst kurz dabei.

Wissen Sie denn, wer der Todesschütze beim Buback-Mord war?

Ich bin ja an dem Tag, als Buback erschossen wurde, in die RAF aufgenommen worden, just an diesem 7. April in der Wohnung in Amsterdam. Wer geschossen hat, habe ich nicht gewusst. Ich habe auch nicht versucht, es herauszukriegen.

Muss die individuelle Verantwortung der Täter nicht endlich festgestellt werden?

Bisher war es ja nicht so, dass es bei den Urteilen darauf wirklich angekommen wäre. Die RAF wollte nie diese Unterschiede machen, wer geschossen hat und wer auf andere Weise dabei war. Und die Bundesanwaltschaft hat diese Argumentation übernommen. Deshalb sehe ich es auch mit einem gewissen Unverständnis, wenn jetzt alles noch einmal aufgedröselt werden soll.

Aber die RAF-Mitglieder haben sich doch hinter der Gruppe versteckt, um keine individuelle Verantwortung zu übernehmen.

Sicher. Das ist eines der Merkmale von solchen Gruppen überhaupt, das bringt sie ja auch in die Nähe einer Sekte. Die individuelle Verantwortung wird weggeschoben, weil es die Gruppe gewollt hat. Dann muss man sich nicht damit auseinandersetzen: Ich bin diejenige, die jetzt tötet. Das macht es leichter.

Können Sie verstehen, dass es für die Angehörigen wichtig ist zu wissen, wer geschossen hat?

Es steht mir eigentlich nicht zu, dazu etwas zu sagen. Ich kann mir aber nur schwer vorstellen, dass es leichter ist, einen solchen Verlust zu tragen, wenn ich weiß, wer es war. Wichtig fand ich die Frage: Warum? Die Brüder des von der RAF getöteten Diplomaten Gerold von Braunmühl haben sie gestellt. Es gibt auf diese Frage keine Antwort. Denn die Auswahl war zufällig. Und das macht es noch viel schlimmer. Wen löschen wir da aus? Was ist das für ein Mensch? Welche Familie hat er? Daran wurde kein Gedanke verschwendet.

Erwarten Sie, dass das Schweigen der RAF-Mitglieder, die bisher nichts zu ihren Taten gesagt haben, jetzt aufbrechen könnte?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Es wäre aber gut. Es wäre vor allem für sie selber gut. Es gibt RAF-Mitglieder, die es vermeiden, noch einmal mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden. Ich verstehe das. Aber ich halte es nicht für richtig.

Ist da denn die individuelle Abwehr zu groß, oder ist die Identifikation mit der Gruppe noch so stark?

Die Identifikation mit der Gruppe wohl kaum. Eher ist es bei manchen so, dass sie die Sache immer noch hochhalten. Inge Viett etwa kokettiert immer noch mit ihrer Vergangenheit. Da steht immer noch: Es war gut und richtig, was wir getan haben. Dem kann ich gar nichts abgewinnen. Bei anderen ist es wohl eher das Gefühl: Das macht man nicht. Das kann ich schon verstehen.

Warum diskutieren wir heute immer noch so heftig über die RAF?

Die Verletzungen sitzen sehr tief. Ich dachte auch in meinem Fall: Irgendwann hört das auf. Aber es hört nicht auf. Ich werde immer wieder damit konfrontiert auf die eine oder andere Weise.

Das Gespräch führte Markus Wehner.

Über die Arbeit des Forums Ziviler Friedensdienst informiert die Website www.forumZFD.de.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.04.2007, Nr. 17 / Seite 8
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