Trotz steigender Inzidenz

So lockert Europa die Corona-Schutzmaßnahmen

Von Thomas Gutschker, Brüssel
26.01.2022
, 13:29
Touristen müssen am 30. Dezember 2021 wegen geschlossener Restaurants in Amsterdam auf der Straße essen.
Obwohl die Infektionszahlen in den Niederlanden durch die Decke gehen, öffnen wieder Gaststätten und Kultureinrichtungen. Dänemark will alle Einschränkungen beenden – und Österreich hebt den Lockdown für Ungeimpfte auf. Ein Überblick.
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Die Niederlande haben am Mittwoch ihren Lockdown beendet, den sie wegen der Omikron-Mutante Mitte Dezember als erstes Land in Europa verhängt hatten. Nachdem vor zehn Tagen alle Geschäfte wieder öffnen durften, gilt dies nun auch für die Sektoren Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen. Sie dürfen – unter Auflagen – bis 22 Uhr offen bleiben, zwei Stunden länger, als es der nationale Expertenrat der Regierung geraten hatte. Die Schließungen hätten zu so großen Problemen und Spannungen geführt, sagte Ministerpräsident Mark Rutte am Dienstagabend zur Begründung, „dass wir bewusst an die Grenzen des Möglichen gehen“. Er nehme die Gefahr in Kauf, dass ihm in ein paar Wochen abermals ein „Jojo-Effekt“ vorgeworfen werde.

In den vergangenen Wochen hatten sich an mehreren Orten Gastronomiebetriebe nicht an die verordnete Schließung gehalten, Kulturschaffende klagten über Benachteiligung, in Amsterdam wurde demonstriert. Gemäß den neuen Regeln dürfen Kino, Theater und andere Veranstaltungsräume mit festen Sitzplätzen zu einem Drittel ausgelastet werden, maximal mit 1250 Personen. In Lokalen muss ein Abstand von 1,5 Metern eingehalten werden, ebenso in Sportstadien, wo erstmals wieder Publikum zugelassen wird.

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Druck auf das Gesundheitswesen

Der Zugang zu allen Orten ist nur mit einem gültigen Corona-Zertifikat möglich. Es bleibt jedoch bei der 3-G-Regelung. Die Regierung gab ihren früheren Plan auf, nur noch Geimpfte und Genesene hereinzulassen. Dagegen hatte es im vorigen Jahr massive, auch gewaltsame Proteste gegeben.

Rutte gestand ein, dass die Infektionszahlen derzeit „durch die Decke gehen“. Sie lagen zuletzt bei etwa 65.000 gemeldeten Fällen am Tag, bei 17,5 Millionen Einwohnern. Der neue Gesundheitsminister Ernst Kuipers rechnete vor, dass schon jetzt knapp eine halbe Million Menschen jede Woche wegen Quarantäne ausfielen und diese Zahl weiter steigen werde. „Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass zwar immer mehr offen sein darf, dass aber durch Personalknappheit längst nicht allen offen bleiben kann“, sagte Kuipers. Auch der Druck auf das Gesundheitswesen werde wieder zunehmen. Das war der wichtigste Grund, warum die Regierung sich im Dezember für harte Einschränkungen entschieden hatte.

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„Noch länger mit einschränkenden Auflagen zu leben, würde unsere Gesundheit und unser Zusammenleben beschädigen“, sagte der linksliberale Politiker, der zuletzt ein Krankenhaus in Rotterdam geleitet hatte.

Unterdessen plant Dänemark die Aufhebung aller Corona-Einschränkungen ab dem 1. Februar. Die Regierung wolle einer entsprechenden Empfehlung von Fachleuten folgen, schreibt Gesundheitsminister Magnus Heunicke an das Parlament. Der Expertenrat war zu dem Schluss gekommen, dass die Krankenhauseinlieferungen nicht mehr an die Infektionszahlen gekoppelt seien. Sollte das Parlament der Aufhebung zustimmen, blieben nur noch Tests und Quarantäneregeln bei der Einreise nach Dänemark als Maßnahmen in der Pandemie. Das Land hatte bereits vor zwei Wochen Beschränkungen gelockert, Kinos und Musiksäle durften wieder öffnen. Sperrstunden für Restaurants und die Pflicht zum Masketragen blieben aber in Kraft.

In Österreich wird der Lockdown für Ungeimpfte am Montag beendet. Das sagt Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) vor der Kabinettssitzung der konservativ-grünen Bundesregierung. Trotz rekordhoher Neuinfektionen sei die Lage in den Krankenhäusern stabil. In den kommenden Wochen erwarten die Experten nach Angaben von Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne), dass die Neuinfektionszahlen auf bis zu 40.000 Fälle klettern. Ein Lockdown für Ungeimpfte werde aber nicht mehr als zielführende Maßnahme gesehen, so der Minister. Der 2-G-Nachweis in der Gastronomie und im allgemeinen Handel sowie die FFP2-Maskenpflicht bleiben aber aufrechterhalten.

Am Samstag hatte bereits Irland fast alle Corona-Regeln aufgehoben. Seit dem Wochenende dürfen Pubs, Restaurants und Discos wieder öffnen, ohne Impfnachweise zu verlangen oder Abstandsregeln zu beachten, wie Regierungschef Micheal Martin am Freitagabend in Dublin sagte. Teilnehmerbeschränkungen für Veranstaltungen fallen ebenso weg wie Vorschriften für private Treffen.Montag endete zudem die Pflicht zum Homeoffice. Für internationale Reisen gelten allerdings noch immer die 3-G-Regeln, wie Martin sagte. Wer positiv auf das Coronavirus getestet wird, muss sich weiterhin isolieren. Auch die Maskenpflicht bleibt mindestens bis Ende Februar in Kraft. „Ich habe an vielen dunklen Tagen hier gestanden, aber heute ist ein guter Tag“, sagte Martin. Die Regierung werde die persönlichen Freiheiten nicht mehr beschränken, wenn dies nicht nötig sei. Irland habe den „Omikron-Sturm“ überstanden, sagte Martin.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Gutschker, Thomas
Thomas Gutschker
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.
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