Zwangsheirat

14 Jahre und schon Ehefrau

Von Marlene Grunert, Bielefeld
23.08.2016
, 15:16
Kinder, keine Frauen, finden Zuflucht im Mädchenhaus „Porto Amal“ in Bielefeld.
Die Zwangsheirat ist inzwischen auch in Deutschland kein seltenes Phänomen mehr. In Bielefeld wird unbegleiteten minderjährigen Mädchen geholfen, die Kinderehen eingehen mussten.
ANZEIGE

Der Hafen der Hoffnung liegt in Bielefeld. Von außen deutet in der Wohnsiedlung wenig darauf hin, nur ein kleines Schild unterscheidet eines der hellen Mehrfamilienhäuser von den anderen: „Porto Amal“ – Hafen der Hoffnung – steht darauf. Hier leben zwölf Mädchen im Alter von 14 bis 18, die ohne ihre Eltern nach Deutschland geflüchtet sind – vor Krieg, Menschenhandel und Gewalt. Im Flur hängt eine Weltkarte, auf der sie mit Reißzwecken und Bindfäden ihre Fluchtwege abgesteckt haben. Sie begannen in Ländern wie Afghanistan, Indien, Eritrea oder der Mongolei. Bis zu zwei Jahre waren die jungen Frauen unterwegs, bevor sie in Bielefeld ankamen.

ANZEIGE

Das Porto Amal ist eine Einrichtung des „Mädchenhauses Bielefeld“, in der unbegleitete minderjährige Mädchen während des sogenannten Clearingverfahrens in Obhut genommen werden. In diesem Verfahren verschaffen sich die Behörden unter der Aufsicht des Jugendamtes einen Eindruck über Alter, Gesundheit, Entwicklung und Bildung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Bis bekannt ist, wie es mit den Mädchen weitergeht, finden sie im Porto Amal ein Zuhause. Seitdem das Haus vor fünf Jahren eröffnet wurde, finden dort auch viele Mädchen Zuflucht, die Opfer einer Zwangsheirat wurden. Ein Thema, das in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Zahl der Kinderehen in Syrien ist drastisch angestiegen

Viele der Mädchen kommen aus Syrien, wo die Zahl der Kinderehen laut der Hilfsorganisation SOS-Kinderdörfer in den vergangenen Jahren „drastisch angestiegen“ ist: Vor dem Bürgerkrieg sei bei 13 Prozent aller Hochzeiten mindestens einer der Ehepartner minderjährig gewesen, nun seien es über 51 Prozent. Die Zahl der Zwangsehen habe sich vor allem in den Flüchtlingscamps in Jordanien, im Libanon, im Irak und der Türkei erhöht, teilt die Organisation mit. „Eltern verheiraten ihre Töchter dort manchmal mit den besten Absichten“, sagt Birgit Hoffmann, Geschäftsführerin des Bielefelder Mädchenhauses.

Es gehe darum, die Mädchen finanziell abzusichern und sie zu beschützen, etwa vor Vergewaltigungen auf der Flucht. „Aber wer schützt die Mädchen vor den unbekannten und viel älteren Ehemännern?“, fragt Hoffmann. Viele dieser Mädchen seien mit elf, zwölf Jahren verheiratet worden und fast alle hätten sexualisierte Gewalt erlebt. Bei Porto Amal angekommen, versuchten sie, die Erlebnisse erst einmal zu verdrängen, um „zu überleben“, wie Hoffmann sagt. In Albträumen und Flashbacks suche die Mädchen aber regelmäßig deren Vergangenheit heim. Sie werden von einer Psychologin und einer Ergotherapeutin betreut.

An den Wänden im Porto Amal hängen Fotos ehemaliger Bewohnerinnen und Flaggen ihrer Heimatländer. Die Mädchen wohnen jeweils zu zweit in einem Zimmer. „Sie fühlen sich wohler, wenn sie nicht ganz allein sind“, sagt Hoffmann. Im Haus sind sämtliche Gegenstände in mehreren Sprachen beschriftet: Schränke, Türen, Tische. Auf diese Weise lernen die Mädchen im Vorübergehen Vokabeln.

Im Inneren des Mädchenhauses haben die Betreuerinnen eine Oase eingerichtet
Im Inneren des Mädchenhauses haben die Betreuerinnen eine Oase eingerichtet Bild: Marlene Grunert

Kinderehen haben auch in Deutschland stark zugenommen

Mit dem Flüchtlingsstrom, der Deutschland im vergangenen Sommer erreichte, haben Fälle von Kinderehen auch hier erheblich zugenommen. Die Rede ist von 1000 Fällen seit 2015. Verlässliche Zahlen gibt es aber nicht, weil weder das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) noch alle Bundesländer entsprechende Statistiken führen. Mathias Rohe, Rechts- und Islamwissenschaftler an der Universität Nürnberg-Erlangen, hält die Zahl 1000 für „konservativ geschätzt“ und geht von weitaus mehr Fällen aus.

ANZEIGE

„Früher waren die Behörden nur in Einzelfällen mit Kinderehen konfrontiert, nun sind sie überfordert“, sagt Rohe. Dies dürfte spätestens eine Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Bamberg im Mai dieses Jahres verdeutlicht haben. Es erkannte eine Ehe an, die zwischen einem bei der Hochzeit 14 Jahre alten Mädchen und ihrem volljährigen Cousin in Syrien geschlossen worden war. Das Ehepaar war im vergangenen August über die Balkan-Route nach Deutschland geflohen.

ANZEIGE

Bei seiner Ankunft in Aschaffenburg wurde dem Mädchen das Jugendamt als Vormund bestellt, das die beiden Ehepartner in Ausübung des Aufenthaltsbestimmungsrechts voneinander trennte. Hiergegen klagte der Ehemann und bekam recht. Das OLG vertrat die Ansicht, die Personensorge durch den Vormund sei in diesem Fall aufgrund einer wirksamen Ehe eingeschränkt. Nun liegt das Verfahren beim Bundesgerichtshof. Der Stadt Aschaffenburg geht es um „eine grundsätzliche Klärung der Rechtsfrage“.

In Syrien geschlossene Ehen in Deutschland rechtsgültig

In Deutschland können Menschen mit 18, ausnahmsweise auch mit 16 Jahren heiraten. Die Anerkennung einer im Ausland geschlossenen Ehe richtet sich dagegen nach dem Recht des Landes, in dem die Ehe geschlossen wurde. Wird eine Ehe in Syrien geschlossen, ist sie also grundsätzlich auch in Deutschland gültig. Hintergrund dieser Regelung ist ein Grundprinzip des internationalen Privatrechts. Menschen sollen von der Stabilität ihrer einmal eingegangenen privaten Rechtsverhältnisse ausgehen, auch bei einem Grenzübertritt. „Man ist deshalb bereit, gewisse Unterschiede hinzunehmen“, sagt Rohe, sofern sie nicht wesentlichen Grundsätzen des deutschen Rechts widersprächen. Die Bamberger Entscheidung hält er für fatal. Eigentlich habe sich in Deutschland zuletzt die Linie herausgebildet, dass eine Ehe stets gegen diese wesentlichen Grundsätze verstoße, wenn ein Partner jünger als 16 ist. „Wir brauchen klare Regeln“, sagt er.

ANZEIGE

Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat das Problem erkannt und kündigte an, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Thema Kinderehen einzurichten. Sie wird zum ersten Mal am 5. September in Berlin zusammenkommen und sich mit der Anerkennung ausländischer Ehen auseinandersetzen.

Rohe fordert, die Anerkennung von Ehen unter 16 Jahren zu verbieten. Ehen unter 18 sollten dagegen ausnahmsweise zulässig bleiben, aber konsequent durch die Jugendschutzbehörden beaufsichtigt werden. Hierbei solle kein Unterschied zwischen inländischen und ausländischen Ehen gemacht werden. „Ein generelles Verbot schüttet dagegen das Kind mit dem Bade aus“, sagt Rohe, denn es ginge möglicherweise zu Lasten der Schutzbedürftigen. Sie verlören etwa ihre Unterhaltsansprüche.

Forderung eines generellen Verbots von Ehen unter 18

Auch Hoffmann von Porto Amal hält die Bamberger Entscheidung für falsch. Eine Anerkennung von Kinderehen dürfe es nicht geben. Sie fordert ein generelles Verbot von Ehen unter 18. „Neue Regeln dürfen aber nicht auf dem Rücken der Mädchen ausgetragen werden“, sagt sie. Es gebe Fälle, in denen Mädchen zwangsverheiratet worden seien, aber dennoch eine emotionale Beziehung zum Partner entwickelten. In der Fremde sei er manchmal eine wichtige Bezugsperson, erst recht nach einer gemeinsamen Flucht. „Eine Trennung kann für das Mädchen dann eine riesige Krise bedeuten“, sagt Hoffmann und spricht von einem „Dilemma“. Die Kinderehe dürfe auch in diesen Fällen unter keinen Umständen anerkannt werden, aber die emotionale Bindung müsse man aufenthaltsrechtlich berücksichtigen.

ANZEIGE

Im Porto Amal sind einige Mädchen aufgrund ihrer Sozialisierung selbst der Auffassung, ein ehrenhaftes Leben sei nur in einer Ehe möglich. „Wir können hier nur Angebote machen“, sagt Hoffmann. Die Mädchen träfen schließlich ihre eigenen Entscheidungen, „die wir akzeptieren müssen“. Langfristig gehe es darum, Perspektiven jenseits des Patriarchats zu geben. „Wir wollen die Mädchen empowern“, sagt Hoffmann.

Vor ein paar Wochen haben die Mädchen gelernt, wie man Wände streicht. Dabei renovierten sie das gemeinsame Wohnzimmer im ersten Stock. Die Wände sind jetzt pink.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Grunert, Marlene
Marlene Grunert
Redakteurin in der Politik.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE