Prozess gegen Verena Becker

Die kurzen Oberschenkel der Terroristin

Von Rüdiger Soldt
12.11.2010
, 08:17
Wieder vor Gericht: Verena Becker in Stuttgart-Stammheim
Seit Anfang Oktober wird gegen Verena Becker, ehemalige RAF-Terroristin, verhandelt. Doch auch die am Donnerstag vernommene Zeugin brachte keine Klarheit in den Fall Buback. Jetzt ist nach Jahrzehnten ein neuer Zeuge aufgetaucht.

Im Prozess gegen die ehemalige Terroristin Verena Becker haben die bisherigen Zeugenaussagen noch wenig Klarheit in die Geschehnisse des 7. April 1977 bringen können. An diesem Tag hatte ein Kommando der RAF in der Karlsruher Innenstadt den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback getötet. Seit Anfang Oktober wird vor einer Strafkammer des Stuttgarter Oberlandesgerichts über die Anklage der Bundesanwaltschaft verhandelt, nach der die heute 58 Jahre alte Verena Becker Mittäterin bei diesem Attentat war und bei der Planung und Vorbereitung des Mordanschlags eine maßgebliche Rolle gespielt hat.

Der Sohn des getöteten Generalbundesanwalts, der Chemieprofessor Michael Buback, tritt als Nebenkläger auf. Er glaubt nachweisen zu können, dass auf dem Rücksitz des Motorrads der Täter, einer Suzuki GS 750, die Angeklagte gesessen haben könnte. Zudem hält er es für möglich, dass die Angeklagte den Ermittlern geholfen haben könnte und sie deshalb durch die „schützenden Hände“ des Staates geschont worden sei. Auch wenn sich die Bundesanwaltschaft Bubacks These von der weiblichen Schützin auf der Suzuki nicht angeeignet hat, kreisten die Zeugenvernehmungen um eben die Frage, wer auf dem Beifahrersitz saß.

Nach Jahrzehnten neuer Zeuge

Der Vertreter der Bundesanwaltschaft und auch der Vorsitzende Richter mussten Michael Buback mehrfach zur Zurückhaltung mahnen, weil sie seine ausführlichen Fragen an die Zeugen für wenig hilfreich hielten. „Herr Buback, das geht zu weit, wenn Sie ständig das Rad weiter drehen“, sagte der Vorsitzende Richter. Der Anwalt des Nebenklägers beantragte, für einen der kommenden Verhandlungstage einen weiteren Zeugen zu laden, der die Behauptung von der weiblichen Schützin stützen werde. Er soll sich vor zwei Wochen bei dem Anwalt des Nebenklägers gemeldet haben, er sei bisher noch nicht vernommen worden. Die Vertreterin der Bundesanwaltschaft sagte hierzu leicht säuerlich: „Warum meldet sich der Zeuge erst nach Jahrzehnten, und das nach einer so gründlichen Tatorterhebung?“

RAF
Becker wegen Buback-Mordes vor Gericht
© afp, afp

Am Nachmittag sagte dann die Zeugin aus, die nach Bubacks Darstellungen in seinem Buch eine „Augenzeugin des Attentats“ gewesen sein soll. Die damalige Verwaltungsangestellte war 1980 im ersten Prozess zur Aufklärung des Buback-Attentats vom Oberlandesgericht nicht geladen worden. Stattdessen hatte ein älterer Kollege ausgesagt, der den Anschlag auf Buback offenbar nicht so intensiv beobachten konnte wie seine damals sehr junge Mitarbeiterin Gabriele W. Der Anschlag fand in unmittelbare Nähe des Versorgungsamtes des Bundes und der Länder statt, das genau an der Kreuzung der damaligen Linkenheimer Straße und der Moltkestraße lag. Die Zeugin will beobachtet haben, wie der oder die Schützin auf dem Motorrad auf Buback und seine Begleiter Wolfgang Göbel und Georg Wurster schoss. Am Donnerstag beteuerte sie vor dem Gericht, dass es sich bei der Person auf dem Hintersitz des Motorrads um eine Frau gehandelt habe. Allerdings gab sie zu, das Gesicht der Person nicht gesehen zu haben. „Es waren die kurzen Oberschenkel einer Frau, sie bewegte sich athletisch und war etwa einen Kopf kleiner als der Fahrer.“

Starke Zweifel an Glaubwürdigkeit der Zeugin

Genauere Belege für ihre Behauptung blieb die Zeugin dem Gericht schuldig. Die Vertreter der Bundesanwaltschaft und der Vorsitzende Richter deckten vielmehr zahlreiche Widersprüche in den Aussagen der Zeugin auf, was letztlich starke Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit und an ihrem Erinnerungsvermögen nährte: Ihre Angaben über „weibliche“ und „männliche“ Knielängen stellten sich als ziemlich unpräzise heraus. Zur Farbe der Integralhelme der Motorradfahrer hatte sie in der Vernehmung durch die Bundesanwaltschaft am 22. Januar 2009 andere Aussagen gemacht. Gefragt nach anderen Zeugen, die angeblich auch eine Frau auf dem Motorrad gesehen haben wollen, sagte sie nun: „Es würden mir noch fünf oder sechs Personen einfallen, die sind alle tot, der eine ist früher gestorben, der andere später.“

Als sie sich an ein Gespräch im April 2009 nur bruchstückhaft erinnern konnte, sagte der Bundesanwalt: „Sie wollen hier über Sachen sprechen, die 33 Jahre her sind, und an ein Treffen im Jahr 2009 erinnern Sie sich nicht mehr korrekt.“ Auch musste sie eingestehen, dass es auf der Straße in Karlsruhe – anders als sie zuvor ausgesagt hatte – nie einen Grünstreifen gegeben hat. Fast am Ende ihrer Aussage sagte der Bundesanwalt dann: „Könnte es sein, dass Sie manche Dinge, die Sie erzählt haben, nur geträumt haben?“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Soldt, Rüdiger
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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