Thailand

Der Süden und die Hühner

Von Jochen Buchsteiner
28.01.2004
, 17:57
Appetit vergangen: Thailands Premier Thaksin Shinawatra
Der thailändische Ministerpräsident spielte die Gefahr der Geflügelpest in seinem Land lange herunter. Jetzt kündigte die Opposition ein Mißtrauensvotum gegen Thaksin Shinawatra an. Die Medien sehen den Regierungschef in seiner ersten tiefen Krise.
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Noch vor wenigen Tagen machte sich der thailändische Ministerpräsident lustvoll über ein Brathähnchen her und lächelte dabei in die Kameras. Seht her, lautete die Botschaft, alles nicht so wild mit der Geflügelpest. Inzwischen dürfte Thaksin Shinawatra seine kleine Inszenierung verfluchen. Die "Vogelgrippe" zieht immer weitere Kreise, in denen er sich langsam zu verfangen droht. Die Opposition in Bangkok vergleicht Thaksins Informationspolitik inzwischen mit der Verschleierungstrategie, die die chinesische Regierung am Anfang der Sars-Krise anwandte, und kündigte ein Mißtrauensvotum im Parlament an. Thailändische Medien sehen den Regierungschef wegen seines ungeschickten Umgangs mit der Seuche in seiner ersten tiefen Krise.

Parlamentarisch ist Thaksin nicht ernsthaft gefährdet. Die Wahlen vor drei Jahren haben ihm eine überwältigende Mehrheit beschert. Aber erstmals sinkt sein Stern, was dem Politiker mit der Dauersiegergeste sichtbar zusetzt. Beobachter beschreiben ihn als blaß und fahrig bei seinen Auftritten. Die Stimmung bei der letzten Kabinettssitzung, schrieb die Zeitung "The Nation" am Mittwoch, sei angespannt gewesen. Im vertrauten Kreis soll Thaksin gesagt haben: "Dies ist die härteste Zeit, seit ich Ministerpräsident geworden bin. Ich bin müde."

Nicht schnell genug reagiert

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Der Druck auf Thaksin wächst. Bauern und Geflügelzüchter werfen ihm vor, nicht schnell genug reagiert zu haben. Zehn Millionen Hühner wurden bereits notgeschlachtet, zweimal so viele sollen folgen. Die für Thailand bedeutende Geflügelindustrie steht vor dem Kollaps. Das finanzielle Hilfsprogramm, das die Regierung auf den Weg gebracht hat, beeindruckt die Öffentlichkeit weniger als die emotionale Anklage eines Vaters, der Thaksin für den den Tod seines sechsjährigen Sohnes verantwortlich machte. Wäre die Seuche nicht so lange vertuscht worden, hätte dem infizierten Kind vielleicht geholfen werden können, lautet der bittere Vorwurf.

Die Geflügelpest ist die zweite Herausforderung binnen weniger Wochen, der sich Thaksin nur eingeschränkt gewachsen zeigt. Vor die erste stellte ihn der muslimische Süden des Landes, wo die Gewalttätigkeiten kontinuierlich zunehmen. Bis vor kurzem hielt es Thaksin mit der Tradition der meisten Regierungen in Bangkok und spielte die Übergriffe der islamistischen Extremisten als gewöhnliche Kriminalität herunter. Nach dem Tod mehrerer Soldaten, Polizisten und buddhistischer Mönche blieb dem Ministerpräsidenten r aber nichts anderes übrig, als der seperatistisch motivierten Erhebung den politischen Kampf anzusagen. Er verhängte das Kriegsrecht in den drei muslimisch dominierten Provinzen an der Grenze zu Malaysia und verstärkte die Sicherheitspräsenz. Am Dienstag ließ er zur Vorsorge von weiteren Anschlägen einen Großteil der Schulen im Süden schließen.

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Die härtesten Brocken

Trotz des politisch-religiösen Hintergrundes der Gewalt versucht Thaksin weiterhin das Bild einer konfliktfreien Gesellschaft aufrechtzuerhalten, die nur gelegentlich von "Banditen" gestört werde. Sein Versuch, die Mißerfolge bei der Gewalteindämmung auf die Unfähigkeit der regionalen Behörden und die Kooperationsunwilligkeit der Bevölkerung zurückzuführen, stößt in Thailand auf wenig Verständnis. Empörung bewirkte seine wenig einfühlsame Bemerkung, die im Süden getöteten Soldaten hätten es nicht anders verdient, weil sie unachtsam gewesen seien.

Das unprofessionelle Krisenmanagement kratzt schwer am Image des Machers. Mit dem Versprechen, zuzupacken und die Probleme effektiv aus dem Weg zu schaffen, war dem Geschäftsmann und Multimillionär der Sprung ins Ministerpräsidentenamt gelungen. Das hohe Wirtschaftswachstum, das die Einbrüche durch die Asienkrise weitgehend kompensieren konnte, verhalf Thaksin zu steigender Popularität. Selbst sein "Drogenkrieg", in dessen Verlauf mehr als 2000 Menschen aus der Szene auf oft ungeklärte Weise ums Leben kamen, wurde nur in rechtsstaatssensiblen Kreisen kritisiert. Mit der Ausrichtung der Apec-Konferenz, in deren Rahmen die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Chinas nach Bangkok reisten, schien Thaksin auch seinem Ziel näherzurücken, politisch über das eigene Land hinauszuwirken.

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Zur Zeit klingt der Mann, in dem einige schon einen kommenden regionalen Führer vom Schlage Lee Kuan Yews oder Mahathirs vermutet haben, vergleichsweise kläglich. "Die härtesten Brocken", soll Thaksin am Dienstag laut "Nation" gestammelt haben, "sind der Süden und die Hühner, die Hühner und der Süden, der Süden und die Hühner."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2004, Nr. 24 / Seite 7
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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