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Alles andere als vorbei

Von OLIVER KÜHN, Grafiken: JENS GIESEL
24. Juni 2020
Foto: AFP

In den Vereinigten Staaten steigt die Zahl der Corona-Infektionen wieder. Damit wird die Behauptung der Regierung widerlegt, die Pandemie ebbe ab. Vor allem im Süden des Landes bilden sich neue Hotspots – dort treiben republikanische Gouverneure die Lockerungen voran.

F

ür den amerikanischen Präsidenten ist der Fall klar: „Das Virus klingt ab“, sagte er in der vergangenen Woche dem Fox-News-Moderator Sean Hannity. Doch scheint Donald Trump die aktuellen Zahlen nicht zu kennen – oder er ignoriert sie. Seit Wochen schon schwankt die Zahl der täglichen Neuinfektionen um 20.000. Mal sind es 2000 weniger, mal 3000 mehr. In der vergangenen Woche gab es dann sogar einen signifikanten Anstieg. Von 19.068 Fällen am 14. Juni sprang die Zahl auf 35.023 am 23. Juni. So viele Neuinfektionen an einem Tag gab es in den Vereinigten Staaten zum letzten Mal Anfang Mai, als in dem Land an manchen Tagen immer noch mehr als 2000 Menschen jeden Tag am oder mit dem Coronavirus starben.

Angesichts der Zahlen wandte sich Anthony Fauci, einer der wichtigsten Berater des amerikanischen Präsidenten in der Krise, gegen Berichte, nun beginne eine zweite Welle. „Wir sind immer noch in der ersten Welle“, sagte er in der vergangenen Woche. Vizepräsident Mike Pence , den Trump mit dem Krisenmanagement in der Pandemie beauftragt hat, hatte vorher Ähnliches geäußert. „Es gibt keine zweite Welle“, schrieb er in einem Beitrag für das „Wall Street Journal“. Seine Begründung war jedoch ganz anders als diejenige Faucis und ganz auf der Linie des Präsidenten. „Der Kampf gegen das Virus“ werde gerade gewonnen, so Pence.

Die Vereinigten Staaten sind in absoluten Zahlen das am härtesten von der Pandemie betroffene Land. Mehr als 120.000 Menschen sind nach offiziellen Angaben bislang am oder mit der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Seitdem Mitte März die Zahlen der Neuinfektionen und der Todesfälle sprunghaft anstiegen, sind drei Monate vergangenen und in vielen Ländern, die beim Krisenmanagement einen vergleichbaren Weg gegangenen sind wie die Vereinigten Staaten – beispielsweise Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien, Spanien - , die zeitweise Ausgangsbeschränkungen verhängt haben, die Bürger anhielten, Abstand zueinander zu halten und Hygienevorschriften erließen, beschreibt die Kurve der Gesamtfälle mittlerweile eine Seitwärtsbewegung, die Zahl steigt von Tag zu Tag also nicht mehr sprunghaft an.

Bei den Vereinigten Staaten ist ein solcher Trend nicht zu erkennen. Immer noch zeigt die Linie nach oben. Amerika ähnelt darin weniger den Staaten Westeuropas als Brasilien. Dort jedoch weigert sich der rechtspopulistische Präsident Bolsonaro, die Pandemie als Gefahr anzuerkennen und das Land stillzulegen. Auch die Einhaltung von Abstand oder das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen möchte er seinen Landsleuten nicht empfehlen. Beiden Ländern ist es noch nicht gelungen, das Virus wirksam einzudämmen.

Erfolgreich war Amerika immerhin darin, die Zahl der täglichen Todesfälle einzuhegen. Lag diese am bisherigen Höhepunkt der Pandemie im April an manchen Tagen bei mehr als 2500, überschreitet sie seit Wochen die Tausender-Marke nicht mehr. Das liegt vor allem daran, dass sich die Bundesstaaten mittlerweile auf die Herausforderungen der Krankheit eingestellt haben. Die Zahl der Intensivbetten wurde erhöht, Beatmungsgeräte angeschafft. Doch warum gelingt es dem Land dann nicht, auch die Zahl der täglichen Neuinfektionen weiter zu reduzieren?

Folgt man den Argumenten der Regierung ist die Erklärung einfach: Es liegt an der Ausweitung der Tests. Wer viel teste finde auch viele Fälle, sagte Donald Trump am vergangenen Wochenende bei seiner Wahlkampfveranstaltung in Tulsa. Mitunter sei die Zahl durch die Tests so stark gestiegen, dass er seine Mitarbeiter angewiesen habe, weniger zu testen (die Bemerkung bezeichnete die Regierung im Nachhinein als Witz). Auch Mike Pence hob in seinem Zeitungsbeitrag im „Wall Street Journal“ darauf ab. Die Angst vor einer zweiten Welle werde von den Medien geschürt. Man brauche nichts befürchten, da die hohen Zahlen vor allem auf die hohen Testkapazitäten zurückzuführen seien.

Es stimmt, die Vereinigten Staaten testen – in absoluten Zahlen – so viel wie kaum ein anderes Land. Doch trotzdem sind an dieser Sichtweise Zweifel angebracht. Einerseits müsste, wenn das Argument stimmte, in den Staaten eine Korrelation zwischen der Zahl der Tests und der Zahl der Neuinfektionen zu beobachten sein. Das ist jedoch nicht der Fall. In einigen Bundesstaaten steigen die Zahlen derzeit in größerem Maß als getestet wird. Ein weiteres Problem ist die Rate der positiven Tests. Diese sollte ungefähr gleich bleiben, wenn die Neuinfektionen nur auf die Tests zurückzuführen wären. Das ist sie in mehreren Staaten nicht. In Florida beispielsweise ist sie in den vergangenen Wochen von weniger als drei Prozent auf zwölf Prozent angestiegen, in Texas von weniger als fünf Prozent auf mehr als zehn, in Arkansas schwankt der Wert enorm, momentan liegt er bei rund sechs Prozent (er war bei 2,5).

Außerdem melden Texas und Kalifornien Rekordzahlen an Menschen, die wegen Covid-19 medizinisch behandelt werden. Die Tests sollen jedoch jene Menschen herausfiltern, die infiziert sind, jedoch keine oder nur geringe Symptome aufweisen, also deswegen nicht ins Krankenhaus gehen würden. Letztlich müssten, dieser Argumentation folgend, in allen Staaten, in denen die Tests ausgeweitet werden, die Zahlen der Neuinfektionen steigen. Doch auch das stimmt nicht. Staaten wie New York oder Rhode Island steigern ihre Testkapazitäten, doch die Zahl der Neuinfektionen sinkt seit Wochen.

Die Vereinigten Staaten sind schwerlich als Monolith zu betrachten. Jeder Bundesstaat ist ein Fall für sich. Einige sind bisher extrem von der Pandemie betroffen, andere kaum. Einige haben langwierige Gegenmaßnahen ergriffen, andere diese schnell wieder außer Kraft gesetzt. Am härtesten betroffen war bislang der Bundesstaat New York. Mehr als 30.000 Menschen sind dort bislang an oder mit Covid-19 gestorben, rund ein Viertel aller Toten in Amerika. Momentan scheint das Virus jedoch vor allem im Süden zu wüten. Im sogenannten Sun Belt von Florida bis Kalifornien steigen in vielen Staaten die Zahlen.

In den Staaten im Nordosten des Landes, die früh und hart, besonders New York, von der Pandemie betroffen waren und die oft mit einschneidenden Maßnahmen darauf reagiert haben, scheint die Verbreitung des Virus momentan unter Kontrolle gebracht. Es gibt keine Bilder mehr von angemieteten Kühllastern, um die vielen Toten zu lagern, von ausgehobenen Massengräbern. New York hat gerade am Montag die zweite Phase seiner Wiederöffnung begonnen und arbeitet mit Hilfe eines intensiven Testprogramms daran, die Zahl der Neuinfektionen niedrig zu halten. Ebenso in New Jersey. Und auch Michigan im mittleren Westen, wo besonders Detroit, die größte Stadt des Staates, betroffen war, kann sich an sinkenden Fallzahlen erfreuen.

Das Zentrum des Ausbruchs scheint sich mittlerweile weit südlicher zu befinden: In Florida. Am 2. Juni berichtete der Staat gerade einmal 617 Neuinfektionen. Die Zahl ist innerhalb der vergangenen Wochen auf 4049 am 20. Juni hochgeschnellt. Ein Grund dafür könnte die Haltung des Gouverneurs Ron DeSantis sein. Dieser stand lange Zeit fest an der Seite der Trump-Regierung. Der Anstieg der Zahlen sei auf mehr Tests zurückzuführen, sagte er. Am vergangenen Wochenende legte er angesichts einer neuen Rekordmarke an Neuinfektionen jedoch eine Kehrtwende hin: Er sagte in einer Pressekonferenz, dies könne nicht der einzige Grund für den Anstieg sein. Anfang Mai schon begann der Staat, die Wirtschaft wieder zu öffnen, nach einem fünfwöchigen Lockdown. Zwar wurden Hygienevorschriften entlassen, doch scheinen sich die Menschen mehr und mehr nicht daran gehalten zu haben.

Ein ähnliches Bild bietet sich in Texas und Arizona, ebenfalls Staaten des „Sun Belt“. In Texas stieg die Zahl von 440 am 25. Mai auf 5080 am 23. Juni. Arizona meldete am ersten Juni 187 Neuinfektionen, am 23. Juni waren es dann 3630. Auch in South Carolina, Georgia, Louisiana, Arkansas und Kalifornien sieht es so aus. Und Oklahoma, wo Trump am vergangenen Wochenende seine erste Wahlkampfveranstaltung nach Beginn der Pandemie abhielt, berichtet ebenfalls steigende Zahlen. Verbreitete sich das Virus in den vergangenen Monaten vor allem in Gefängnissen, Altenheimen und Schlachtbetrieben, ändert sich das Muster nun. Betroffen sind Kirchen, Restaurants, Bars, Strip-Clubs, Kasinos, Sportmannschaften von Universitäten. Auch bei den Anti-Rassismus-Protesten stecken sich Menschen mit dem Virus an.

Mobiler Corona-Test in der kalifornischen Stadt Inglewood im Los Angeles County
Mobiler Corona-Test in der kalifornischen Stadt Inglewood im Los Angeles County Foto: AFP

Neben ihrer geographischen Lage in den Vereinigten Staaten haben fast alle der genannten Staaten noch weitere Gemeinsamkeiten. Eine davon ist die parteipolitische Ausrichtung der Regierung: Bis auf Louisiana und Kalifornien haben sie alle republikanische Gouverneure. Diese tendieren dazu, der Öffnung der Wirtschaft große Priorität zuzugestehen. Georgia war einer der ersten Staaten, in denen Friseure wieder öffnen durften und in Florida durften Veranstaltungen des Wrestling-Unternehmens WWE stattfinden. Floridas Gouverneur DeSantis sagte vergangene Woche, er werde auf keinen Fall einen weiteren Lockdown verfügen. Arizonas Gouverneur Doug Ducey empfiehlt zwar, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen, weigert sich aber eine allgemeine Pflicht einzuführen. Das sollten die Kommunen übernehmen, sagte er. Einzelne Counties und Städte in dem Land haben das nun getan. In Texas hat Gouverneur Greg Abbott den Kommunen verboten, Menschen Strafen anzudrohen, wenn sie keine Maske tragen. Dies hat ein findiger Richter in der vergangenen Woche ausgehebelt, indem er Firmen Strafen androhte, sollten diese von Kunden nicht verlangen, eine Maske zu tragen. Abbott sagte daraufhin, das sei auch sein Plan gewesen.

Eine weitere Gemeinsamkeit der Südstaaten ist ein hoher Anteil an afroamerikanischer Bevölkerung und diese ist überproportional vom Virus betroffen. Während sie 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen, sind 25 Prozent der Corona-Toten Afroamerikaner. Die Gründe dafür sind vor allem sozioökonomischer Natur. Mehr als ein Fünftel aller Schwarzen lebt in Armut. Das Haushaltsvermögen von Schwarzen ist wesentliche geringer als das von Weißen und auch Latinos. Das führt dazu, dass sie öfter dazu gezwungen sind, mit mehreren Menschen auf kleinem Raum zu leben, was eine Verbreitung des Virus begünstigt. Eine weitere Folge des geringen sozioökonomischen Status ist ein schlechterer Zugang zum Gesundheitssystem. Schwarze leiden mithin öfter unter Vorerkrankungen – Diabetes, Übergewicht, Herzerkrankungen, Lungenprobleme –, die einen schweren Verlauf der Lungenkrankheit Covid-19 zur Folge haben können.

Greg Millett, Sprecher der Stiftung für Aids-Forschung, die vor Kurzem eine Untersuchung zu diesem Problem durchgeführt hat, sagt, das habe keine „genetischen Gründe“, sondern „strukturelle“. Marcella Nunez Smith von der medizinischen Fakultät der Yale-Universität wird deutlicher: „Wir wissen, dass diese ethnischen Unterschiede bei Covid-19 das Resultat der Lage von vor der Pandemie sind. Sie sind eine Folge der strukturellen Diskriminierung, die den Zugang zu Gesundheit und Vermögen für Nicht-Weiße begrenzt hat.“

24.06.2020
Quelle: F.A.Z.

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