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Geistige Gesundheit

Ist Donald Trump noch zurechnungsfähig?

Von Frauke Steffens
 - 09:52
Donald Trump spricht im Roosevelt-Zimmer des Weißen Hauses.

Der Tweet, mit dem er die Größe seines vermeintlichen Atomknopfes mit dem von Kim Jong-un verglich, gibt der Debatte um den Geisteszustand des Präsidenten neue Nahrung. Nach dem befremdlichen „Größenvergleich“ veröffentlichten die Psychiatrieprofessorin Bandy X. Lee von der Universität Yale und 100 Mediziner am Mittwoch einen Appell an den Kongress. Sie seien besorgt über Trumps geistigen Zustand und die damit verbundene nukleare Gefahr: „Wir bitten sein Umfeld und unsere gewählten Repräsentanten, dringende Schritte zu unternehmen, um sein Benehmen zu kontrollieren und die potentielle nukleare Katastrophe zu verhindern.“

Kongressabgeordnete luden die Psychiatrieprofessorin Lee bereits Anfang Dezember auf den Capitol Hill ein. Wie jetzt bekannt wurde, sprach sie dort zwei Tage lang mit mehreren Demokraten und einem nicht genannten Republikaner über Trumps Gesundheitszustand. Die Politiker wollten auch ausloten, welche Möglichkeiten sie haben, falls Donald Trump immer unberechenbarer agiert.

Lee sagte in einem Interview: „Wir denken, dass die Twitterausbrüche Anzeichen eines Zusammenbrechens unter Stress sind. Trump wird es schlechter gehen und er wird mit dem zunehmenden Druck der Präsidentschaft immer unkontrollierbarer werden.“ Die Psychiaterin sagte auch, sie sei überrascht vom großen Interesse der Politiker für ihre Ergebnisse. „Ein Senator sagte, das sei das Treffen, auf das er sich in elf Jahren am meisten gefreut habe. Die Sorge um die Gefährlichkeit des Präsidenten ist überraschend groß.“

Gemeinsam mit Judith Lewis Herman von der Harvard Medical School hatte Lee im vergangenen Jahr die Debatte um Trumps Gesundheitszustand angefacht. „Der gefährliche Fall des Donald Trump“ heißt ihre Aufsatzsammlung, in der 27 Psychiater und Psychologen erörtern, ob Trump möglicherweise eine Persönlichkeitsstörung hat. Die Autoren sehen in seinem sprunghaftem Verhalten, dem dauernden Selbstlob, den gut dokumentierten Lügen und Trumps Umgang mit Kritikern Anhaltspunkte für psychische Probleme, zum Beispiel für Soziopathie oder eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Theoretisch bietet der 25. Verfassungszusatz einen Weg, Trump des Amtes zu entheben. Anders als ein Impeachment-Verfahren, das etwa wegen strafrechtlicher Vergehen des Präsidenten eingeleitet wird, wäre eine Absetzung nach dieser Regelung aus medizinischen Gründen möglich. Wenn der Vizepräsident und die Mehrheit des Kabinetts zu dem Ergebnis kommen, dass der Präsident körperlich oder psychisch nicht mehr in der Lage ist, seine Arbeit zu machen, dann kann er gezwungen werden, abzutreten. Dafür müsste es aber mehr geben als Ferndiagnosen. Wie bei einer körperlichen Krankheit auch, müssten Ärzte den Präsidenten erst untersuchen und ein medizinisches Gutachten erstellen – in der gegenwärtigen Situation ist das kaum vorstellbar.

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Trump twittert
„Mein Atomknopf ist größer“

Auf dem Capitol Hill gibt es dennoch eine entsprechende Initiative: Jamie Raskin, demokratischer Abgeordneter aus Maryland, will eine Kommission einsetzen lassen, die den Gesundheitszustand des Präsidenten prüft. Mittlerweile unterstützen 56 Kongressabgeordnete das Vorhaben. Unter den derzeitigen Mehrheitsverhältnissen hat es keine Chance, aber es zeigt, dass immer mehr Politiker an Trumps Geisteszustand zweifeln.

Von den Republikanern ist dabei bislang keine Unterstützung zu erwarten. Sie können mit Trump ihre politischen Ziele umsetzen. Mit der Steuerreform haben sie gerade erst einen großen politischen Erfolg gefeiert. Zwar ist die Partei nach wie vor innerlich uneins und die Liste der Schwierigkeiten mit Trump ist lang – aber das bedeutet noch lange nicht, dass eine Mehrheit der Republikaner den Präsidenten loswerden will.

Vor dem Nordkorea-Tweet waren die meisten bereit, sich mit Trump zu arrangieren und seine Ausfälle in Kauf zu nehmen. „Die Tendenz der Republikaner war anti-alarmistisch“, sagte Bill Kristol vom konservativen Magazin „The Weekly Standard“ gegenüber „Politico“. Nun würden aber auch einige Republikaner unruhig. Am Mittwoch, unter dem Eindruck des Atomknopf-Tweets von Trump, twitterte Kristol, der als eine der einflussreichsten konservativen Stimmen in Washington gilt: „Ich vertraue darauf, dass der Vizepräsident seine Juristen angewiesen hat, einen Entwurf zu schreiben, mit dem die Machtübergabe nach dem 4. Abschnitt des 25. Verfassungszusatzes geregelt werden kann, falls das plötzlich gebraucht wird, und dass er das mit Stabschef Kelly abgesprochen hat.“ Richard Painter, ehemals Ethik-Anwalt unter George W. Bush, twitterte: „Dieser Tweet allein reicht als Grundlage für eine Entfernung aus dem Amt nach dem 25. Verfassungszusatz. Dieser Mann sollte keine Atomwaffen haben.“

Trumps Persönlichkeit steht damit abermals im Fokus der Aufmerksamkeit. Auch das Buch „Fire and Fury: Inside the White House“ von Michael Wolff gibt der Debatte neuen Auftrieb. Wolff behauptet darin, dass viele von Trumps engsten Mitarbeitern ihn für ungeeignet für die Präsidentschaft halten. Das bestätigt, was andere schon lange zu wissen glauben: „Er ist so süchtig nach Lobhudeleien und so allergisch noch gegen die legitimste Kritik, dass er emotional hilflos ist, dauernd gegen Schatten boxend und sich vor der Wahrheit duckend. In seinem Kopf ist keiner fair zu ihm, denn Fairness bedeutet, dass es ihm erlaubt ist, mit Leichtigkeit zu lügen, sich straffrei zu bereichern und die Regeln zu brechen, ohne dass es irgendwelche Folgen hat“, kommentierte die „New York Times“.

Trump-Biograf Michael D’Antonio schrieb bei CNN, Trump lebe vom konstanten Rausch der Aufmerksamkeit – das sei schon seit Jahrzehnten so. „Diese Dynamik ist ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er nur noch in Relation zu dem lebt, was andere über ihn sagen. Die Worte, egal ob geschrieben, gesagt oder getwittert, geben ihm das Gefühl, am Leben zu sein. Ignoriert zu werden ist schmerzhaft.“

Damit mag die Mentalität des Präsidenten treffend beschrieben sein. Dass er so tickt, heißt aber eben nicht, dass Trump keinen Erfolg hat. Nicht umsonst weisen Wissenschaftler darauf hin, dass auch narzisstisch gestörte Menschen sich hervorragend an die Verhältnisse anpassen und sehr erfolgreiche Karrieren aufbauen können. Und innerhalb der Logik von D’Antonios Diagnose wäre Präsident der Vereinigten Staaten geradezu der beste Job, um keine Aufmerksamkeitsdefizite erleiden zu müssen.

Experten kritisieren Psycho-Debatte

Es gibt aber auch grundsätzliche Kritik an den Versuchen, Trump einen psychischen Schaden zuzuschreiben und ihn dadurch loswerden zu wollen. Der ehemalige Harvard-Juraprofessor Alan Dershowitz warnte: „Der 25. Verfassungszusatz würde echte psychische Unfähigkeit voraussetzen, etwa einen deutlichen psychotischen Ausbruch. Das ist eine unrealistische Hoffnung. Wenn wir die Politik von jemandem nicht mögen, dann mobilisieren wir dagegen, wir machen Wahlkampf gegen ihn, wir benutzen nicht das psychiatrische System gegen ihn. Das ist gefährlich.“ Ferndiagnosen sind schnell getroffen und daher sehr umstritten. Die „Goldwater-Regel“ besagt nicht umsonst, dass die Mitglieder der „American Psychiatry Association“ Personen des öffentlichen Lebens nicht ohne eingehende persönliche Untersuchung diagnostizieren sollen. Diese ethische Selbstbeschränkung hat ihren Grund. Die Bezeichnung als psychisch krank schnell kann schnell zur politischen Waffe werden.

Während viele Beobachter über Trumps Gesundheitszustand spekulieren, setzt der unbeirrt weiter seine Agenda um. Zum neuen Jahr hat die amerikanische Regierung weitere Umweltrichtlinien gekippt und die Seegebiete für Bohrungen freigegeben, die bislang geschützt waren. Der Präsident hat seine Forderung erneuert, dass Kompromisse für die Nachkommen illegaler Einwanderer nur gegen die Finanzierung seiner Grenzmauer zu Mexiko zu haben seien – auch, wenn er damit im Haushaltsstreit mit den Demokraten einen Verwaltungsstillstand riskiert. Und sein Verhalten gegenüber Nordkorea stellt Trump als rational und planvoll hin. Gerade sein Druck habe letztendlich dafür gesorgt, dass es nun Bewegung gebe. „Glaubt irgendjemand tatsächlich, dass es jetzt Gespräche zwischen Nord- und Südkorea geben würde, wenn ich nicht hart und stark geblieben und unsere ganze Macht gegen den Norden in die Waagschale geworfen hätte?“ twitterte er am Donnerstag.

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Donald Trump
Bannon hat den Verstand verloren

Das Weiße Haus gibt sich von der Debatte um Trumps geistige Gesundheit ebenfalls unbeeindruckt. Sprecherin Sarah Huckabee Sanders wies dementsprechende Fragen am Mittwoch weit von sich: „Der Präsident und die Menschen in diesem Land sollten sich Sorgen um die geistige Eignung des Führers von Nordkorea machen.“ Trump sei einfach nur konsequent: „Dies ist ein Präsident, der nicht einknicken wird,“ sagte Sanders. Am Donnerstag legte sie nach: „Wenn er ungeeignet für das Amt wäre, dann säße er wohl nicht dort und hätte nicht die qualifizierteste Gruppe von Kandidaten geschlagen, die die republikanische Partei je gesehen hat.“

Die meisten Kritiker von Donald Trump wissen ebenfalls, dass es nicht sonderlich realistisch ist, auf psychiatrische Diagnosen und den 25. Verfassungszusatz zu hoffen. Sie klammern sich stattdessen an die Vorstellung, dass die Russland-Untersuchung von Sonderermittler Robert Mueller Trumps Präsidentschaft doch noch ein vorzeitiges Ende setzen könnte. „Wir treiben im Ozean von Trumps Idiotie“, klagte Charles M. Blow in einem Kommentar für die „New York Times“. „Wir hoffen und beten, dass uns Mueller einen Rettungsring hinwerfen wird.“

Quelle: FAZ.NET
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