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Mitt Romney

Mit der Wahlkampfwaffe des Glaubens

Von Matthias Rüb, Washington
 - 17:10

Um den Gang nach Lynchburg kommt heute kein republikanischer Präsidentschaftskandidat mehr herum. Am Wochenende hielt Mitt Romney, der bei den Präsidentenwahlen am 6. November Amtsinhaber Barack Obama herausfordern wird, in Lynchburg eine Rede, die von großer Bedeutung für seine Kandidatur sein dürfte.

Die Stadt mit rund 64.000 Einwohnern liegt im ländlichen Südwesten von Virginia, am Fuße der Blue Ridge Mountains. Hier wurde 1933 der evangelikale Prediger Jerry Falwell geboren, und in Lynchburg starb Falwell auch im Mai 2007: Er erlag einem Herzinfarkt in seinem Büro. In Lynchburg gründete der damals gerade erst 22 Jahre alte Prediger Falwell, kurz nach dem Abschluss eines Theologiestudiums am „Baptist Bible College“ in Missouri, die „Thomas Road Baptist Church“. 35 Seelen schlossen sich dem jungen Prediger und seiner neuen Kirche damals im Jahre 1956 an.

Die Geschichte von Jerry Falwell, der „Thomas Road Baptist Church“ und der Stadt Lynchburg sind nicht nur klassische amerikanische Erfolgsgeschichten. Sie sind vor allem Zeichen des bleibenden Einflusses der Religion - zumal des konservativen evangelikalen Christentums - auf Politik und Gesellschaft Amerikas. Längst ist die „Thomas Road Baptist Church“ in Lynchburg zu einer Megakirche mit 22.000 Mitgliedern gewachsen. Und die 1971 von Jerry Falwell in seiner Heimatstadt gegründete „Liberty University“, Lebenswerk und Vermächtnis des konservativen Predigers, ist mit heute fast 20.000 Studenten in Lynchburg und weiteren gut 60.000 Fernstudenten die größte evangelikale Universität der Welt. Seit dem Tode Falwells vor fünf Jahren leitet dessen Sohn Jerry Falwell Jr. die Hochschule.

Mit viel Geld zu den Wahlsiegen Ronald Reagans beigetragen

Auf festem christlichem Fundament, zu dem auch der Glaube an die biblische Schöpfungsgeschichte gehört, werden hier Natur- und Computerwissenschaften, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften, Theologie und Rechtswissenschaften gelehrt. Im kommenden Jahr soll die Medizinische Fakultät eröffnet werden. Mehr als 125.000 Absolventen hat die konservative christliche Hochschule bis heute ins Leben hinausgeschickt, um die Fackel des Glaubens in alle Welt zu tragen.

Falwell wurde in den siebziger und achtziger Jahren zunächst als Fernsehprediger berühmt und berüchtigt: Er geißelte oft mit solchem Eifer Homosexuelle, Feministinnen und Abtreibungsbefürworter, dass er sich anschließend für seine Ausfälle entschuldigen musste. 1979 gründete er den Interessenverband „Moral Majority“ (Moralische Mehrheit), der mit viel Geld und unermüdlichen Mitarbeitern wesentlich zu den Wahlsiegen Ronald Reagans von 1980 und 1984 beitrug. Reagan und George H. W. Bush waren mehrfach Gast in Lynchburg bei der „Liberty University“.

Ob die siebzig bis achtzig Millionen evangelikalen Christen in den Vereinigten Staaten sowie deren maßgebliche Wortführer den Zenit ihrer politisch-gesellschaftlichen Macht und ihres Einflusses bei Wahlen überschritten haben, ist umstritten. Schätzungsweise dreißig Millionen Evangelikale nehmen an Präsidentenwahlen teil, und in besonders umkämpften Staaten können ihre Stimmen den Ausschlag geben.

Applaus für Romneys Bekenntnis zur traditionellen Ehe

Bei den Präsidentenwahlen 2008 gewann Obama die meisten Stimmen in Virginia und mithin alle dreizehn Wahlmännerstimmen des Bundesstaates. In diesem Jahr gilt Romney in Virginia als leicht favorisiert.

Die ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und Newt Gingrich sprachen 2006 beziehungsweise 2008 in Lynchburg, und an diesem Samstag folgte Romney ihrem Beispiel. Anlass war die Zeremonie zur Graduierung der jüngsten Absolventen der Bachelor-, Master- und auch Promotionsstudiengänge. Mit seiner sehr persönlichen Rede dürfte der Mormone Romney das Misstrauen vieler evangelikaler und überhaupt protestantischer Christen ausgeräumt haben. Romney, im dunklen Talar der Universität gekleidet und frisch mit einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnet, erwähnte seinen mormonischen Glauben nicht. Er strich stattdessen Werte wie Glaube, Arbeit und Familie heraus, die Amerika groß gemacht hätten: „Die besten kulturellen Aktivposten sind so grundsätzliche Werte wie persönliche Verantwortung, die Würde harter Arbeit und vor allem das Bekenntnis zur Familie.“

Romney erwähnte Obama selbst zwar mit keinem Wort, aber manche Passagen waren klar auf den demokratischen Amtsinhaber gemünzt. Den meisten Applaus der 26.000 Zuhörer bei der Graduierungszeremonie erhielt Romney, als er sich zur traditionellen Ehe bekannte. Obama hatte in der vergangenen Woche erstmals, und damit als erster Präsident überhaupt, seine Unterstützung für die Homosexuellenehe geäußert. „Die Ehe ist eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau“, rief Romney.

Die rechte Flanke ist abgesichert

Zudem bekräftigte er seine Überzeugung, dass die Religionsfreiheit zu den wesentlichen Grundlagen der Demokratie gehöre: „Religiöse Freiheit ist die erste Freiheit in unserer Verfassung.“ Dieser Überzeugung verdankt die von Falwell gegründete Hochschule auch ihren Namen „Liberty University“. Mit einem Seitenhieb gegen Obama fügte er hinzu, diese Haltung werde von jenen abgelehnt, „die meinen, dass die höchste Weisheit und Autorität von einer Regierung kommt“.

Mit seiner Rede dürfte Romney das Misstrauen bei manchen evangelikalen Christen gegenüber dem Mormonenglauben zwar nicht völlig beseitigt haben. Aber der wegen Obamas Äußerung neu entflammte Streit um die Homosexuellenehe dürfte bei fast allen Evangelikalen die Überzeugung gefestigt haben, dass der republikanische Präsidentschaftskandidat ihre Unterstützung verdient, um Obama nach einer Amtszeit abzuwählen. Nachdem er die rechte Flanke abgesichert hat, kann sich Romney in den kommenden Wochen und Monaten vor allem um die unabhängigen Wähler in der Mitte bemühen. Die machen ihre Entscheidung weniger von ethisch-sozialen Fragen, sondern von der Wirtschaftslage abhängig.

Quelle: F.A.Z.
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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