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Vorwahlkampf der Demokraten

Zwischen Fidel Castro und nacktem Cowboy

Von Simon Riesche, Charleston
 - 08:20
Das Feld der demokratischen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen bei einer TV-Debatte

Die härteste Attacke an diesem Abend kommt einmal mehr von Elizabeth Warren. Michael Bloomberg habe als Firmenchef einer Mitarbeiterin geraten, ein Kind abzutreiben. „Töte es“, soll ihr Konkurrent zu der Frau gesagt haben, sagt Warren und versichert, die Aussage korrekt zu zitieren. „Es stimmt nicht“, antwortet Bloomberg empört. „Ich habe das nie gesagt.“ Der Fall, auf den Warren anspielt, wurde 1997 ohne Schuldeingeständnis beigelegt. Zuletzt hatte auch die „Washington Post“ über die damalige Klage der Bloomberg-Mitarbeiterin berichtet.

Während die meisten der Präsidentschaftsbewerber, die in South Carolinas Küstenmetropole Charleston auf der Bühne stehen, bereits zum zehnten Mal in diesem Wahlkampf eine Fernsehdebatte bestreiten, ist es für Bloomberg erst der zweite Auftritt. Der Multimilliardär ist spät ins Vorwahl-Rennen eingestiegen. Am Super Tuesday kommende Woche, wenn in gleich vierzehn amerikanischen Bundesstaaten abgestimmt wird, wird er erstmals zur Wahl stehen. Kein Wunder, dass sich eine der beiden entscheidenden Fragen des Abends um ihn dreht.

Kann Bloomberg dieses Mal überzeugen? Zumindest ein besonders lautstarker Teil des Publikums im Saal scheint diese Frage immer wieder mit Ja beantworten zu wollen. Als ein Mitbewerber Bloomberg vorwirft, nur Politik für die Superreichen machen zu wollen, schreit eine anwesende Anhängerin ein lang gezogenes „Buuuh“ heraus. Ob sie selbst zu den Gutbetuchten gehört, ist nicht bekannt.

Was war in den letzten Tagen nicht alles über Bloomberg gelästert worden. Selbst einen Witz über dessen vergleichsweise geringe Körpergröße hatte sich Konkurrentin Warren am Wochenende nicht verkneifen können. Bei Bloombergs Debatten-Debüt in Las Vegas am vergangenen Mittwoch hatte die Senatorin von Massachusetts den früheren Bürgermeister von New York noch mit deutlich überzeugenderen Angriffen nahezu im Alleingang zerlegt.

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„Russland hilft dir“
Demokraten gehen Sanders an

Bloomberg setzt eigene Akzente

In Charleston waren die vermeintlichen Schwachstellen Bloombergs – diskriminierende Polizeitaktiken während seiner Zeit als Bürgermeister, fragwürdiges Verhalten als Firmen-Boss, große Distanz zur Lebenswirklichkeit der ganz normalen Amerikaner – zwar auch wieder Thema. Doch Bloomberg ist dieses Mal zumindest in der Lage, eigene Akzente zu setzen.

In New York, einer großen und multiethnischen Stadt, in der „mehr Menschen wohnen als in vielen Staaten dieser Welt“, habe er nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 bewiesen, was es bedeute, Führungsverantwortung zu übernehmen und „Aufgaben zu erledigen“, so Bloomberg. Die Menschen hätten ihn drei Mal gewählt, weil sie zufrieden mit seiner Arbeit gewesen seien. Bei einer Präsidentschaftswahl habe er große Chancen zu gewinnen, weil er auf moderate Republikaner zuzugehen wisse. „Ich verfüge über den Erfahrungsschatz und die Mittel.“ Alle andere Diskussionen seien nur Nebenschauplätze.

Überraschend: Hin und wieder versucht sich Bloomberg sogar an einer Disziplin, für die er bisher eher weniger bekannt war: Humor. Als er von den Moderatoren gefragt wird, ob er als Präsident wie einst in New York auch im Rest des Landes Zuckerlimonaden in großen Portionen verbieten werde, antwortet er mit einem schiefen Lächeln. „Nicht alles, was richtig für New York ist“, sei zwangsläufig auch anderswo richtig. „Sonst würde es ja in jeder Stadt einen nackten Cowboy geben.“

Irritierte Stille im Publikum. Offenbar kennen in Charleston nur wenige Menschen jenen in New York recht berühmten Straßenkünstler, der in Unterhose auf dem Times Square Gitarre spielt. Ein paar Sympathie-Punkte könnte Bloomberg die alberne Antwort trotzdem gebracht haben.

Auf der Bühne steht hingegen nicht Bloomberg, sondern Bernie Sanders in der Mitte der insgesamt sieben Debattenteilnehmer, und auch sonst ist der 78 Jahre alte Senator aus Vermont über lange Strecken des Abends der Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Hatte es Sanders in den letzten Runden noch geschafft, vielen Angriffen auszuweichen, kommt er dieses Mal nicht drumherum, die Hauptrolle zu spielen. Kein Wunder: Nach den ersten drei Vorwahlen führt er das Feld der Demokraten deutlich an und auch in den landesweiten Umfragen liegt er vorne.

Sanders in Mittelpunkt

Wer im Rennen der Demokraten also noch etwas erreichen will, muss versuchen, den selbst erklärten demokratischen Sozialisten zu schwächen. Senatorin Amy Klobuchar und Pete Buttigieg, der frühere Bürgermeister der Stadt South Bend in Indiana, nehmen sich Sanders' Vorschläge für eine gesetzliche Krankenversicherung für alle Amerikaner vor. Die Pläne seien nicht zu finanzieren, sagen sie. Michael Bloomberg weist unterdessen darauf hin, dass Russlands Präsident Wladimir Putin Sanders im Vorwahlkampf unterstützen wolle. Der frühere Vizepräsident Joe Biden wiederum wirft seinem Konkurrenten vor, einst als Senator gegen eine Verschärfung des Waffenrechts gestimmt zu haben.

Sanders verteidigt sein politisches Programm lautstark. Ja, beim Thema Waffen habe er seinerzeit falsch gehandelt, aber auch seine Mitbewerber hätten in ihrer Laufbahn schon Fehler gemacht. So habe Biden etwa 2003 für den Irak-Krieg gestimmt. Dass Biden mit völlig falschen Zahlen jongliert, als er sagt, dass seit 2007 150 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten durch Schusswaffen getötet worden seien, lässt Sanders dagegen unkommentiert. Vielleicht hatte er den Lapsus des Konkurrenten gar nicht gehört.

Sanders und Kuba

In die Defensive gerät der Senator dann vor allem in der zweiten Hälfte der Debatte, als es um seine unlängst getätigten Aussagen über die Politik des inzwischen verstorbenen kubanischen Regierungschefs Fidel Castro geht. In der Geschichte des mit den Vereinigten Staaten verfeindeten sozialistischen Karibikstaats sei nicht „alles als schlecht“ zu bezeichnen, hatte Sanders in einem CBS-Interview am Sonntag gesagt und die Alphabetisierungsmaßnahmen nach Castros Revolution als Beispiel genannt.

Zwar sagt Sanders auch an diesem Abend wieder deutlich, dass er autoritäre Regime überall auf der Welt ablehne, sei es in Saudi-Arabien, in China, in Nicaragua oder Kuba, doch das Argument seiner Mitbewerber, wonach seine Äußerungen mit Blick auf die Chancen bei einer Präsidentschaftswahl zumindest ein großer taktischer Fehler gewesen seien, kann er nicht ausräumen. In der Tat ist ein linker Demokrat, der lobende Worte für Kuba findet, für den amtierenden Präsidenten und alle Wahlkämpfer der Republikaner ein gefundenes Fressen. Völlig egal, wie nuanciert der ursprüngliche Kommentar über Castros Politik auch gewesen sein mag.

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Videografik
Der lange Weg ins Weiße Haus

„Bernie wird gegen Donald Trump verlieren“, sagt Michael Bloomberg. Nahezu alle anderen Debattenteilnehmer stimmen zu. Sanders kontert mit einem Nelson-Mandela-Zitat: „Es erscheint immer unmöglich, bis es jemand getan hat.“

Und sonst?

„Jetzt rede ich“, sagt Joe Biden gleich mehrere Male an diesem Abend und wird doch immer wieder unterbrochen. Die Debatte in Charleston verläuft äußerst chaotisch, weil die Teilnehmer immer wieder durcheinander reden, aber auch, weil sie vom fünfköpfigen Moderatorenteam andauernd abgewürgt werden. Aktuelle Themen, wie etwa die Corona-Virus-Krise, bleiben größtenteils auf der Strecke.

Dafür aber bleiben jede Menge denkwürdige Sätze hängen. „Der größte Irrglaube ist, dass ich mehr Haare habe, als ich denke“, erklärt Biden etwa zum Ende der Debatte. Ja, es war ein seltsamer Abend.

Quelle: FAZ.NET
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