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Vor den Vorwahlen in Amerika

Die Demokraten und das Problem der Diversität

Von Majid Sattar, Washington
Aktualisiert am 15.01.2020
 - 21:34
Haben ihr Waffenstillstandsabkommen aufgekündigt: die demokratischen Präsidentschaftsbewerber Elizabeth Warren und Bernie Sanders am Mittwoch bei einer Fernsehdebatte
Vor dem Start der Vorwahlsaison haben die Demokraten noch keinen klaren Favoriten. Und viele staunen, dass nur noch weiße Kandidaten übrig sind.

Irgendwann musste es ja zur Konfrontation kommen. Lange waren sich Bernie Sanders und Elizabeth Warren nicht in die Quere gekommen. Demonstrativ nannten die beiden Vertreter des linken Flügels unter den Präsidentschaftsbewerbern der Demokraten in Amerika einander gute Freunde. Von Konkurrenz wollten sie nichts wissen. Dass es bald krachen würde, hatte sich schon in den vergangenen Tagen angedeutet. Dass beide allerdings auf offener Bühne aneinandergeraten würden, war dann doch eine Überraschung.

Die letzte Fernsehdebatte vor Beginn der Vorwahlen im Bundesstaat Iowa Anfang Februar war gerade vorüber, da gingen die sechs Diskussionsteilnehmer am Dienstagabend in Des Moines aufeinander zu. Sie reichten sich die Hand, tauschten ein paar Worte aus und lächelten freundlich – schließlich liefen die Kameras noch.

Kein Handschlag zwischen Warren und Sanders

Auch Warren wandte sich an Sanders, der Anzeichen machte, ihr die Hand reichen zu wollen. Obwohl beziehungsweise weil sie wusste, dass die Szene noch von der Regie eingefangen werden würde, verzichtete sie auf gute Miene zum bösen Spiel. Sie blickte zornig und aufgebracht. Sanders schien sie beruhigen zu wollen. Er hob die Hand, als wolle er sagen: Bitte, nicht hier! Ohne Handschlag gingen beide nach wenigen Sekunden auseinander. Was war passiert?

Alles hatte damit angefangen, dass Warren sich vor ein paar Tagen beklagt hatte, aus Sanders’ Wahlkampfteam werde schlecht über sie gesprochen und fälschlicherweise gestreut, sie sei die Kandidatin von Besserverdienern und Leuten, die teure Universitäten besuchten. Sanders versuchte zunächst, die Vorwürfe abzutun: Er verfüge über ein großes Team. Warren auch. Da werde halt viel geredet – auf beiden Seiten. So leicht ließ sich die Angelegenheit aber nicht aus der Welt schaffen. Warren, aber auch viele politische Beobachter glaubten, der Zeitpunkt der Nadelstiche aus dem Sanders-Lager sei kein Zufall.

Der Senator aus Vermont, dem im Herbst nach einem Herzinfarkt schon das politische Aus gedroht hatte, hat sich gut erholt. In nationalen Umfragen hat er den zwischenzeitlichen Vorsprung Warrens wettgemacht und sich – hinter Joe Biden – Platz zwei zurückerobert. Auch ist er derzeit der erfolgreichste Spendeneintreiber. Wichtiger noch: In Iowa, wo am 3. Februar die Vorwahlsaison beginnt, sehen ihn einige Umfrageinstitute knapp vorn. Angesichts der Fehlermarge der Demoskopen sollte man den Vorsprung nicht überbewerten. Vor wenigen Wochen führte schließlich noch Pete Buttigieg, der frühere Bürgermeister aus Indiana, in dem Bundesstaat im Mittleren Westen.

Gleichwohl wurde gemutmaßt, die Umfragen könnten Sanders veranlasst haben, nunmehr die Frage klären zu wollen, wer der wirkliche Kandidat des linken Lagers ist: Er, der Sozialist, der immer schon für die Anliegen des kleinen Mannes gekämpft hat? Oder die Senatorin aus Massachusetts, die früher Republikanerin war, bevor sie sich von der Partei mit der Begründung abwandte, diese verrate die Interessen der Mittelschicht?

Vorwurf der Frauenfeindlichkeit

Wollte Sanders die Gunst der Stunde nutzen und sich gleichsam mit Biden an der Spitze absetzen? Schon vor der Fernsehdebatte von Des Moines war klar: Der faktische Nichtangriffspakt zwischen Sanders und Warren ist Geschichte. Die Senatorin konterte: Zunächst kolportierten ihre Leute, Sanders habe gesagt, eine Frau könne 2020 nicht gewinnen. Als der Senator dementierte, trat Warren selbst auf und behauptete, 2018, bei einem vertraulichen Treffen der beiden, habe Sanders genau diese Aussage getroffen. Der Angegriffene hielt weiter dagegen: „Was ich gesagt habe, war, dass Donald Trump ein Sexist, ein Rassist und ein Lügner ist, der bereit ist, alles als Waffe einzusetzen.“ Ob er glaube, dass eine Frau im Herbst gewinnen könne? „Sicher!“ Schließlich habe Hillary Clinton 2016 drei Millionen Stimmen mehr bekommen als Trump.

Die Streit wurde hässlicher. Vor der Fernsehdebatte signalisierten die beiden, sie hätten kein Interesse daran, den Zank fortzuführen. Als Sanders in der Runde auf die Reibereien angesprochen wurde, insistierte er zwar, die Aussage nie getroffen zu haben. Doch fügte er hinzu: Er wolle nicht viel Zeit auf das Thema verwenden, weil dies genau das sei, was Trump und ein Teil der Medien wollten.

„Bernie ist mein Freund“

Warren wurde gefragt, was sie gedacht habe, als Sanders seinerzeit die Bemerkung fallen gelassen habe: „Ich habe widersprochen“, entgegnete sie und fügte hinzu: „Bernie ist mein Freund“, und sie sei nicht hier, um mit ihm zu streiten. Dann aber fuhr sie fort: Die auf der Bühne versammelten Männer hätten zusammengenommen zehn Wahlen verloren. Die einzigen, die jede einzelne Wahl gewonnen hätten, seien die Frauen.

Wichtiger als der Schlagabtausch in der Debatte, war aber die Szene danach. Sie sorgte für Gesprächsstoff. Warrens demonstrative Empörung sollte Zweifel an der Glaubwürdigkeit Sanders’ nähren und an das Jahr 2016 erinnern: Bis heute wird dem seinerzeitigen parteiinternen Gegenkandidaten Hillary Clintons von Demokraten vorgeworfen, seine mangelnde Unterstützung für die Siegerin der Vorwahlen habe dieser im Hauptwahlkampf gegen Trump geschadet.

Für Sanders ist Warrens Gegenangriff auch deshalb gefährlich, weil der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit mitschwingt. Zudem vermischt sich die Kontroverse mit einer anderen, die interessanterweise auf der Bühne in Des Moines keine Rolle spielte. Die sechs Bewerber, die sich für die Fernsehdebatte qualifiziert hatten, verfügen über ein gemeinsames Merkmal: Alle sind weiß. Cory Booker, der Senator aus New Jersey, war zu Wochenbeginn aus dem Rennen ausgeschieden, wie Ende vergangenen Jahres schon Kamala Harris, die Senatorin aus Kalifornien. Beiden Afroamerikanern, die in den Umfragen nicht von der Stelle kamen, war das Geld ausgegangen. Das gleiche galt für den Latino Julian Castro.

Im Dezember, bei der vorherigen Fernsehdebatte, hatte der taiwanesisch-stämmige Präsidentschaftsbewerber Andrew Yang noch argumentiert, er wäre nicht der letzte Vertreter einer sichtbaren Minderheit auf der Bühne, wenn das Spendenvolumen nicht im Wesentlichen von weißen Amerikanern käme: „Wissen Sie, was Sie für politische Spenden benötigen?“, fragte er. „Verfügbares Einkommen!“ Für die Debatte in Des Moines qualifizierte sich Yang nun selbst nicht. Das einst diverse Bewerberfeld ist inzwischen ziemlich homogen geworden.

Zwei alte weiße Männer an der Spitze

Die Sache ist den Demokraten sichtlich unangenehm, weil sie eigentlich die Losung ausgegeben hatten, die Zukunft der Partei sei bunt. Nach dem Machtwechsel im Repräsentantenhaus im Herbst 2018 feierte man sich selbst: Noch nie sei eine derart diverse Fraktion in den Kongress eingezogen. Nun führen zwei alte weiße Männer das deutlich dezimierte Feld an: Biden ist 77 Jahre alt, Sanders 78. Schon im Dezember hatten neun Präsidentschaftsbewerber einen Brief an die Parteiorganisation geschrieben. Sie beklagten, die schrittweise erhöhten Zugangskriterien in Sachen Umfragewerte und Spendenvolumen schränkten das Teilnehmerfeld der Fernsehdebatten „unnötig und künstlich“ ein. Das Problem: Alle hatten sich anfangs auf diese Kriterien verständigt.

„Wir haben immer gesagt, dass wir die Hürden erhöhen würden, je mehr wir uns den Primaries nähern“, sagte Tom Perez, der quasi der Bundesgeschäftsführer der Parteiorganisation ist. Im Dezember habe man noch acht Bewerber auf der Bühne gehabt: drei Frauen, zwei Vertreter einer sichtbaren Minderheit und einen offen schwulen Kandidaten. Das sei eine beeindruckende Diversität gewesen. Vor vier Jahren habe die Hürde zudem höher gelegen.

Bei der Debatte über die mangelnde Diversität geht es um mehr als um Zeitgeist und Befindlichkeiten. Aus Sicht der Kritiker des Verfahrens geht es um die Frage, ob es den Demokraten gelingt, im November Minderheiten zu mobilisieren – was Clinton 2016 bekanntlich in nicht ausreichendem Maß geschafft hatte. Obwohl Biden den Brief mit unterschrieben hatte, versucht er der Debatte weitestgehend aus dem Weg zu geben. Seine Hauptbotschaft hatte er schon unmittelbar vor der Fernsehrunde unter die Leute gebracht. Er schaltete zur besten Sendezeit einen Werbespot, der Trumps Obsession mit ihm beleuchtete und Umfragen aus Pennsylvania, Michigan und Wisconsin einblendete, die zeigten, dass er in jenen Staaten, welche die Demokraten im Herbst gewinnen müssen, um das Weiße Haus zu erobern, vor Trump liegt. Kein anderer vereine eine so breite Wählerkoalition hinter sich, sagte Biden später auf der Bühne. Er sei derjenige, der Trump schlagen könne. 60 Prozent der Demokraten geben in Umfragen an, dieses Ziel allen anderen überzuordnen: links oder gemäßigt, schwarz oder weiß, männlich oder weiblich – egal, Hauptsache der Spuk in Washington ist bald vorüber.

Zweieinhalb Wochen vor dem „Caucus“ von Iowa – in dem Bundesstaat findet die Auswahl der Bewerber in örtlichen Parteiversammlungen statt –, führt eine Vierergruppe das Feld an: Biden, Sanders, Buttigieg und Warren. Ein Bewerber schwänzt die frühen Vorwahltermine und steigt erst zum „Super Tuesday“ Anfang März ein, wenn in vielen bevölkerungsreichen Staaten abgestimmt wird. Er läuft gleichsam außer Konkurrenz: Er nimmt an den Fernsehdebatten nicht teil, er finanziert seine Kampagne aus der eigenen Tasche, er verfügt über das größte Budget und die meisten Mitarbeiter. Sein Name ist Michael Bloomberg. Besondere Merkmale des Milliardärs: männlich, weiß, 77 Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Sattar, Majid (sat.)
Majid Sattar
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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