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Gefahr aus der Tiefe

Von LORENZ HEMICKER und PETER CARSTENS
Foto: Picture-Alliance

04.12.2019 · Warum Russlands U-Boote bei der Nato für Unruhe sorgen.

Der Herbst ist für die russischen Streitkräfte eine Zeit der Superlative. In großen Manövern führen die Strategen des Kremls aller Welt vor Augen, was das eigene Militär leisten kann – oder zumindest zu leisten können vorgibt. Rekorde zählen bei den Verlautbarungen über die Übungen zum Standardprogramm der russischen Propaganda. Sie sorgen stets für Aufsehen, beunruhigen die Nato deshalb aber noch nicht. So konzentrierte sich die Übung „Combat Brotherhood“ mehr oder minder auf frühere Sowjetrepubliken wie Kasachstan oder Kirgisien und Tadschikistan. Bei der Großübung „Zentr 2019“ nahmen dieses Jahr sogar Indien China und Pakistan teil, immerhin drei Nuklearmächte.

Wenn die Norweger Alarm schlagen, sieht das Ganze schon anders aus. Das Nato-Mitglied an der Nordostflanke der Allianz ist der Panikmache unverdächtig. Vor einigen Wochen aber sichteten die Norweger zehn russische U-Boote auf einen Schlag: sechs waren rund um die Bäreninsel zwischen Spitzbergen und der Finnmark, dem nördlichsten Teil des norwegischen Festlandes, in Position gegangen. Der Rest kreuzte zeitgleich in der Barentssee und im Europäischen Nordmeer. Den mutmaßlichen Anlass lieferte der norwegische Militärgeheimdienst dem Norwegischen Rundfunk: Die Boote würden tief hinab in den Atlantik tauchen um zu testen, wie weit sie unbemerkt nach Westen vorstoßen können. Das Ganze erfolge bei dem angesetzten Manöver in einem Ausmaß, wie es seit dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr zu beobachten gewesen sei. Es müsse auf höchster Ebene beschlossen worden sein. Die Botschaft sei eindeutig: Russland ist verteidigungsbereit, und seine U-Boote können jederzeit die amerikanische Ostküste bedrohen. Eine Reaktion aus Moskau blieb aus.

Die Übung kam, vielleicht nicht zufällig, wenige Wochen nach der Havarie eines Tiefsee-U-Bootes names „Losharik“ am 1. Juli in der Barentssee. Das Titan-Schiff mit einer ungeheuren Tauchtiefe von bis zu sechs Kilometern konnte bis an die Transatlantik-Kabel heran, die Europa und Amerika informationell verbinden. Nach einem Brand im Batterieraum kamen bei dem Unglück vierzehn hochspezialisierte und ranghohe Marine-Offiziere ums Leben, das Boot, Kürzel A-31, wurde schwer beschädigt. Der Ausfall des Bootes auf unbestimmte Zeit führt dazu, dass Russland ein wertvolles Werkzeug seiner hybriden Kriegsführung abhandengekommen ist. Umso wichtiger schien es Moskau vielleicht, seine unterseeische Schlagkraft zu dokumentieren.

Rekordverdächtig oder nicht – die Aktivitäten der russischen U-Boote im hohen Norden sind kein Einzelfall. Seit Jahren verfolgt die Nato, wie die russischen Unterseestreitkräfte immer aktiver werden und ihren Aktionsradius deutlich ausweiten: im Schwarzen Meer, in der Ostsee, unter der Arktis und bis in den Atlantik hinein. Die Übung „Ocean Shield 2019“ belegte nach Einschätzung westlicher Beobachter die russische Fähigkeit, rasch größere maritime Verbände aufzustellen, die Ostseezugänge sperren und die Nato-Seeverteidigungslinie Grönland-Island-Großbritannien stören zu können.

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Video: Russische Streitkräfte

Von einer „signifikanten Herausforderung“ spricht man auf den Fluren des Brüsseler Nato-Hauptquartiers. Von einer „vierten Schlacht im Atlantik“ schrieb gar vor drei Jahren der Kommandeur der amerikanischen Marinestreitkräfte in Europa, Admiral James G. Foggo. Soweit mag bei der Nato nicht jeder gehen. Denn einen Wettkampf mit den Amerikanern um die Kontrolle des Atlantiks, wie im Kalten Krieg mit den Sowjets, lässt sich aus der jüngsten russischen Marinedoktrin aus dem Jahr 2015 dann doch nicht herauslesen. Auch drohen nicht massenhaft gegnerische U-Boote vor der amerikanischen Ostküste in Lauerstellung zu gehen, so wie es im Zweiten Weltkrieg der Fall war. Und dennoch: Die Nato und ihre Mitglieder, allen voran die Vereinigten Staaten, haben neue Kommandos für den Atlantik aufgestellt. Sie halten mehr Militärmanöver und Seepatrouillen ab. Und sie investieren, nach Jahren der Vernachlässigung, auch wieder in ihre Anti-U-Boot-Fähigkeiten. Das Ganze ist weder Panik geschuldet noch Ergebnis von überflüssigem Lobbyismus westlicher Rüstungsunternehmen. Abseits von hollywoodreifen Vorstellungen über Entscheidungsschlachten im Nordatlantik sind die russischen U-Boote zum Rückgrat von Russlands Kernambitionen zur See geworden. Es geht darum, jeden potentiellen Gegner in den angrenzenden Meeren herauszufordern, den Handlungsspielraum empfindlich einzuschränken sowie den Zugriff auf die Rohstoffe des russischen Festlandssockels im hohen Norden zu sichern. Und in jedem Fall sind Nato-Staaten der potentielle Gegner Nummer eins.

  • Im Eis: Das mit Marschflugkörpern bewaffnete russische Atom-U-Boot „Omsk“ neben einem Schlepper vor der Halbinsel Kamtschatka.
  • Vor Anker: Die „Yuri Dolgoruky“ (Borei-Klasse) im Hafen von Gadzhievo im äußersten Norden der Oblast Murmansk
  • Aufgetaucht sind an der Oberseite der „Yuri Dolgoruky“ deutlich die Deckel der Raketenstartvorrichtungen zu erkennen.
  • Black box: Dieses Foto soll die „Orenburg“, das Mutterschiff der „Losharik“, während einer Mission 2012 in der Arktis zeigen.
  • Im Eis: Das mit Marschflugkörpern bewaffnete russische Atom-U-Boot „Omsk“ neben einem Schlepper vor der Halbinsel Kamtschatka. Foto: Russisches Verteidigungsministerium
  • Vor Anker: Die „Yuri Dolgoruky“ (Borei-Klasse) im Hafen von Gadzhievo im äußersten Norden der Oblast Murmansk Foto: Picture-Alliance
  • Aufgetaucht sind an der Oberseite der „Yuri Dolgoruky“ deutlich die Deckel der Raketenstartvorrichtungen zu erkennen. Foto: Picture-Alliance
  • Black box: Dieses Foto soll die „Orenburg“, das Mutterschiff der „Losharik“, während einer Mission 2012 in der Arktis zeigen. Foto: Picture-Alliance


Mag die russische Marine als Ganzes veraltet und nur noch ein Schatten ihres sowjetischen Vorgängers sein – ihre U-Bootflotte stellt inzwischen wieder ein schlagkräftiges Instrument dar, dass auf vielfältige Weise ein gefährlicher Gegner ist. Im Zentrum stehen dabei die nuklear bewaffneten U-Boote. Manche von ihnen lagen in den bleiernen Jahren Russlands an Land wie tote Wale, wurden dann aber reaktiviert und modernisiert. Sie sind nach wie vor der Garant für Russlands atomare Zweitschlagsfähigkeit. Das gilt besonders für die Boote der Borei-Klasse, die gerade gebaut wird, und von denen bereits drei Stück in Dienst gestellt worden sind – das vierte wird gerade erprobt. Sie sollen monatelang tauchen und Gegnern selbst dann entweichen können, wenn sie bereits eine ungefähre Vorstellung von ihrer Position haben. Jedes von ihnen führt 16 Interkontinentalraketen mit sich, die mit bis zu sechs Atomsprengköpfen zu je 150 Kilotonnen bestückt werden können. Die Sprengköpfe sollen so konstruiert sein, dass sie beim Anflug auf ein Zielgebiet auseinanderfallen und im Umkreis von 8000 Kilometern bis zu 72 Ziele gleichzeitig treffen können. Die Sprengkraft soll bei jeder Bombe das Zehnfache der Explosion über Hiroshima betragen.

  • Beim Manöver „Ocean Shield“ zeigte die russische Marine im Sommer in der Ostsee, was sie zu bieten hat; im Bild das Luftkissenlandungsboot „Yevgeny Kocheshkov“.
  • Älteren Datums: Die Korvette „Passat“ stammt noch aus Sowjetzeiten.
  • Nahe Königsberg: Russische Landungsboote und eine Korvette bei der Übung „Sea Shield“
  • Beim Manöver „Ocean Shield“ zeigte die russische Marine im Sommer in der Ostsee, was sie zu bieten hat; im Bild das Luftkissenlandungsboot „Yevgeny Kocheshkov“. Foto: Picture-Alliance
  • Älteren Datums: Die Korvette „Passat“ stammt noch aus Sowjetzeiten. Foto: Picture-Alliance
  • Nahe Königsberg: Russische Landungsboote und eine Korvette bei der Übung „Sea Shield“ Foto: Picture-Alliance


Neben der Borei-Klasse befindet sich mit der Yasen-Klasse eine weitere U-Boot-Klasse im Bau, die mit Hilfe von 32 nuklear bestückbaren Marschflugkörpern große Schäden anrichten kann. Von ihr ist erst ein U-Boot in Dienst gestellt worden. Die Schätzungen über ihre Reichweite gehen auseinander. Fachleute sind sich jedoch einig, dass auch die seegestützten Kalibr-Marschflugkörper zwischen 1500 und 4500 Kilometern weit fliegen können. Was wiederum erklärt, warum die Russen es überhaupt nicht mehr darauf anlegen müssen, tief in den Atlantik vorzustoßen. „In einer größeren Krise würde es Moskau völlig ausreichen, wenn seine U-Boote zwischen Grönland und Island sowie im Norwegischen Meer in Stellung gehen“, sagt Magnus Nordenman, schwedischer U-Bootfachmann und Buchautor. Er ist sich sicher: „Von dort können die Russen alles erreichen, was für sie wichtig ist.“ Dabei sei die potentielle Gefahr durch „Poseidon“ noch nicht einmal berücksichtigt.


„In einer größeren Krise würde es Moskau völlig ausreichen, wenn seine U-Boote zwischen Grönland und Island sowie im Norwegischen Meer in Stellung gehen.“
MAGNUS NORDMAN

Mutterschiff einer Superwaffe? Das Spezial-U-Boot Belgorod beim Stapellauf im April 2019. Es soll die Unterwasserdrohne „Poseidon“ mitführen können.
Mutterschiff einer Superwaffe? Das Spezial-U-Boot Belgorod beim Stapellauf im April 2019. Es soll die Unterwasserdrohne „Poseidon“ mitführen können. Foto: Picture-Alliance

Der Name steht für eine nuklear bestückbare Unterwasserdrohne, mit der einige russische Unterseeboote künftig bestückt werden sollen. Angeblich wird sie gegenwärtig getestet. Und sollte es sich dabei um keine Propagandalüge des Kremls handeln, wäre die Nato ihr gegenüber machtlos. Der vollautomatisierte Torpedo soll mit Atomsprengköpfen unterwegs sein, die über eine Sprengkraft von mehreren hundert Megatonnen verfügen. Dazu soll er mit über 200 Stundenkilometern in einer Tiefe von bis zu 1000 Metern und einem Radius von bis zu 10.000 Kilometern unterwegs sein. Ein russisches U-Boot könnte damit aus heimatlichen Gewässern heraus jedes erdenkliche Ziel im Nato-Bündnisgebiet treffen. Gegnerische Küstenregionen oder Marinebasen, so die Befürchtung, ließen sich auf diese Weise wahlweise unter einem Tsunami begraben und nuklear verstrahlen.

  • Nichts für Klaustrophobiker: Der Weg hinaus führt bei der „Yuriy Dolgorukiy“ über eine enge Stiege.
  • Die Brücke
  • Ein Crewmitglied der „Yuriy Dolgorukiy“ schaut durch das Periskop.
  • Blick ins Innere: In der Überlebenskapsel der „Yuri Dolgoruky“ (Boreri-Klasse) sind Notfallrationen für die Besatzung deponiert.
  • Nichts für Klaustrophobiker: Der Weg hinaus führt bei der „Yuriy Dolgorukiy“ über eine enge Stiege. Foto: Picture-Alliance
  • Die Brücke Foto: Picture-Alliance
  • Ein Crewmitglied der „Yuriy Dolgorukiy“ schaut durch das Periskop. Foto: Picture-Alliance
  • Blick ins Innere: In der Überlebenskapsel der „Yuri Dolgoruky“ (Boreri-Klasse) sind Notfallrationen für die Besatzung deponiert. Foto: Picture-Alliance


Neben der nuklearen Angriffsfähigkeit können Russlands U-Boote der Nato auch noch anderweitig weh tun. Knapp 40 atomar und konventionell getriebene Jagd-U-Boote schirmen die eigenen Raketenboote ab und sind dazu in der Lage, den Schiffsverkehr von Gegnern empfindlich zu stören. Darüber hinaus verfügt Moskau im Bereich der asymmetrischen Kriegführung über Unterwasserfähigkeiten, die bereits unter der Schwelle eines bewaffneten Konflikts großen Schaden anrichten können. Das „General Directorate of Undersea Research“ (GUGI), eine Art Schattenmarine des Kremls, unterhält eine Reihe von Spezial-U-Booten. Zu ihnen zählt auch die bereits erwähnte „Losharik“, die eine akute Bedrohung für die Internet-Verbindungen im Atlantik und in der Ostsee war und wohl wieder sein wird. Über das Unterseenetz, dass laut aktuellen Informationen der F.A.Z. mittlerweile aus 282 Kabelsystemen mit einer Gesamtlänge von 1,23 Millionen Kilometern besteht, laufen 90 Prozent des internationalen Datenverkehrs. Sowohl das Abgreifen von Informationen als auch die Unterbrechung des Systems, das weitgehend schutzlose im Meer verlegt worden ist, werden in der Nato mit Unbehagen betrachtet. Denn wenn einmal ein Bündel der häufig parallel laufenden Kabel im Atlantik durchtrennt würde, könnte der Internetverkehr zwischen Amerika und Europa in weiten Teilen und auf unbestimmte Zeit zum Erliegen kommen. Übrigens wird in der russischen Marine weiterhin darauf geachtet, dass analoge Kommunikationsfähigkeiten – etwa per Flaggensignal oder Lichtzeichen – auch im digitalen Zeitalter erhalten bleiben und geübt werden.

Ein Ende des neuen Wettlaufs zwischen Russland und der Nato zur See ist für U-Boot-Fachmann Nordenman derzeit nicht in Sicht. Das gilt vor allem in der dicht befahrenen Ostsee, wo mehrere Anrainerstaaten wie Deutschland, Schweden, Dänemark, Polen und die Baltischen Staaten jeweils ihre Küstengewässer und die Freiheit der Handelsschifffahrt sichern.

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Video: Nato

Russische Interessen gilt es dabei ebenfalls zu respektieren, wobei es eine gefährliche Konfliktzone gibt, wo sich, jenseits weiterreichender Ambitionen, die Interessengebiete überlappen. Dies betrifft vor allem die Zugänge von russischen Festlandhäfen zur russischen Exklave Kaliningrad. Der Weg von Sankt Petersburg dorthin führt geradewegs an den Küstengewässern von Estland, Lettland und Litauen vorbei und ist für Russlands Marine und die in der Exklave stationierten Einheiten – darunter ballistische und nukleare Raketen – von existentieller Bedeutung. U-Boot-Experte Nordenman empfiehlt auch deshalb beiden Seiten, Russland und der Nato, dringend, die tägliche Kommunikation zwischen den Flotten wieder aufzubauen. Im Kalten Krieg sei das Standard gewesen, um gefährliche Missverständnisse zu vermeiden. Heute gibt es nichts Vergleichbares mehr. Und mit einem abgetauchten U-Boot im Alarmmodus lässt sich nicht mehr verhandeln. 


Quelle: F.A.Z.

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