Fast jeder Dritte wünscht sich einen starken Führer
In Österreich kann mehr als jeder Dritte der Zeit des Nationalsozialismus noch etwas Gutes abgewinnen. Der Anteil der Menschen, die diese Auffassung vertreten, ist allerdings im Verlauf der vergangenen Jahre zurückgegangen. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie, welche der „Zukunftsfonds der Republik Österreich“ in Auftrag gegeben hat und die am Mittwoch in Wien vorgestellt wurde. Auf die Frage, was hat der Nationalsozialismus für Österreich gebracht habe, antworteten demnach 30 Prozent „nur Schlechtes“ und 31 Prozent „großteils Schlechtes“. Immerhin 36 Prozent sehen aber „sowohl Gutes als auch Schlechtes“, 3 Prozent finden sogar „großteils Gutes“. Bei einer vergleichbaren Studie aus dem Jahr 2005 waren es nur insgesamt 51 Prozent gewesen, die nur oder überwiegend Schlechtes mit der Hitlerzeit in Verbindung brachten.
Was dagegen im Zeitverlauf offenbar zunimmt, ist der Wunsch, die „Diskussion über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust“ zu beenden. Dem stimmten 56 Prozent zu, mehr als in einer Studie aus dem Jahr 2007. Exakt vergleichbare Studien über Deutschland gibt es nicht. Doch scheinen sich die Meinungsbilder in den beiden Nachbarländern nicht grundsätzlich zu unterscheiden. Nach einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2010 stimmten rund 30 Prozent der Aussage, der Nationalsozialismus habe auch seine guten Seiten gehabt, „teils“ oder „überwiegend“ zu.
Die Autoren der österreichischen Studie sahen einen Zusammenhang mit dem formalen Bildungsgrad der Befragten sowie mit ihrem Gefühl einer allgemeinen „Verunsicherung“. Befragte mit dem Abschluss einer Matura (Abitur) sahen zu einem deutlich höheren Anteil ganz oder überwiegend Schlechtes in der Zeit des Nationalsozialismus, ähnlich verhielt es sich mit Personen, die auf Fragen nach ihren persönlichen Zukunftserwartungen positiv antworteten.
Eine bedenkliche Entwicklung sehen die Autoren der Studie bei den Antworten auf Fragen nach der Demokratie. 85 Prozent der Österreicher halten sie für die beste Regierungsform; damit habe die Zustimmung gegenüber 2007 abgenommen. Umgekehrt gibt es immerhin 29 Prozent, die finden, „man sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss“ – mehr als vor sieben Jahren.
Der Historiker Oliver Rathkolb, einer der Autoren, führte die Entwicklung auf die „nachhaltige sozio-ökonomische Krise“ zurück. „Eine sozio-ökonomische Apathie führt zu höherer Führersehnsucht.“ Es sei Aufgabe der politischen Parteien, dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung das Gefühl habe, dass es für sie eine gute Zukunft gebe, sagte Günther Ogris, ein weiterer der Autoren. Für die Studie wurden rund 1000 Österreicher befragt, die älter als 15 Jahre waren.