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Verbrechensserie vor Aufklärung

Heilbronn, Eisenach, Dönermorde

Von Claus Peter Müller, Axel Wermelskirchen und David Klaubert
 - 15:24
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Dies ist nicht der Plot für einen Krimi. Es ist das Drehbuch für eine ganze Kriminalserie, in der Bankräuber und Rechtsextreme mitspielen, in der Polizei und Geheimdienste auftreten und in der die Öffentlichkeit mit jedem neuen Akt überrascht wird. Es ist eine Geschichte, die in ganz Deutschland handelt, zwischen Zwickau und Heilbronn, zwischen Eisenach und München, zwischen Rostock und Dortmund – was die Geschichte, wie vermutlich von den Protagonisten geplant, nur verwirrender macht.

Am Freitag überschlagen sich die Ereignisse. Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen. Erstens geht es um den Anschlag auf zwei Polizisten in Heilbronn, bei der die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen wird. Zweitens geht es um die schwere Brandstiftung in Zwickau am Freitag vor einer Woche. Und drittens geht es um die Ermordung von acht türkischstämmigen und einem griechischen Opfer zwischen 2000 und 2006, den „Döner-Morden“.

Aber der Reihe nach – und die beginnt schon am Samstag, dem 9. September 2000, zwischen 12.45 und 14.45 Uhr. Enver S., geboren am 14. Dezember 1961 in Sarkikaraagac (Türkei), Blumengroßhändler in Schlüchtern (Hessen), wird an seinem mobilen Blumenstand an der Ecke Liegnitzer Straße/Schreiberhauer Straße mit acht Schüssen aus zwei Pistolen unterschiedlichen Kalibers angeschossen. Zwei Tage später stirbt er im Krankenhaus.

Da der Verkäufer an Simseks Blumenstand an dem Wochenende Urlaub hatte, verkaufte der Großhändler seine Waren, die er jede Woche an der Blumenbörse in den Niederlanden erstand, am Tattag selbst. Es könnte sich um einen Racheakt gehandelt haben, um eine Familienfehde. Erst seit Freitag, elf Jahre nach dem ersten „Döner-Mord“, muss man vermuten, dass es einen rechtsextremistischen Hintergrund gab.

Und es ging immer weiter.

13. Juni 2001: Abdurrahim Özüdogru wird in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg-Langwasser mit zwei Kopfschüssen aus einer Pistole getötet.

27. Juni 2001: Süleyman Tasköprü, Obst- und Gemüsehändler, wird im Laden seines Vaters in der Schützenstraße in Hamburg-Bahrenfeld mit drei Schüssen in den Kopf getötet.

29. August 2001: Habil Kilisc, Obst- und Gemüsehändler, wird in seinem Geschäft in der Bad Schachener Straße in München-Ramersdorf mit zwei Schüssen in den Kopf getötet.

25. Februar 2004: Yunus Turgut, Verkäufer, wird in einem Dönerstand in Rostock nahe der Postfiliale Martin-Niemöller-Straße erschossen.

9. Juni 2005: Ismail Yasgar, Dönerstand-Besitzer, wird in seinem Imbiss in der Nürnberger Scharrerstraße mit fünf Schüssen getötet.

15. Juni 2005: Theodoros Boulgarides, geborener Grieche, Mitinhaber eines Schlüsseldienstes, wird in seinem Laden in der Trappentreustraße 4 im Münchner Westend erschossen.

4. April 2006: Mehmet Kubasik wird in seinem Kiosk in der Dortmunder Mallinckrodtstraße 189 mit mehreren Schüssen getötet.

6. April 2006: Halit Yozgat wird in seinem Internetcafé in der Holländischen Straße 82 in Kassel schwer verletzt aufgefunden und stirbt noch am Tatort. Neun Morde, gezielt und brutal ausgeführt, an zufälligen Opfern, die nur eines gemeinsam hatten: Sie waren Ausländer und arbeiteten in Geschäften, die von der Straße aus leicht zugänglich waren. Meist gab es keine Zeugen, mal sah man zwei Männer, die flüchteten.

Wer hätte an die Döner-Morde gedacht, als ein ganz anderer Kriminalfall Deutschland in Atem hält? Als am vergangenen Freitag nach einem Überfall auf eine Filiale der Wartburg-Sparkasse in Eisenach zwei Polizeibeamte in einem nahe liegenden Neubaugebiet ein verdächtiges Wohnmobil entdecken, hören sie erst Knallgeräusche, dann dringen Qualm und Flammen aus dem Inneren.

Video-Aufnahmen von mehreren Banküberfällen

Nachdem der Brand gelöscht ist, finden die Polizisten in dem Wohnmobil die Leichen zweier Männer, dazu Geld aus mindestens zwei Banküberfällen und mehrere Waffen. Die ersten Obduktionsergebnisse zeigen, dass sich die Männer jeweils selbst erschossen haben. Die beiden gefundenen Pistolen führen zu dem Mordanschlag von Heilbronn: Sie gehörten der getöteten Polizistin und ihrem verletzten Kollegen. Auch Handschellen und weitere Gegenstände Kiesewetters werden gefunden.

Am Freitagnachmittag vergangener Woche explodiert in Zwickau ein Wohnhaus. Die toten Bankräuber hatten dort unter falschen Namen seit etwa drei bis vier Jahren gewohnt, zusammen mit der jungen Frau, die kurz vor der Explosion von Nachbarn noch gesehen wurde. In der zerstörten Wohnung finden die Polizisten Kleidungsstücke wie Basecaps und Parkas, die zu den Video-Aufnahmen von mehreren Banküberfällen passen.

Für mehr als ein Dutzend Überfälle in Sachsen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen zehn Jahren könnte die Bande verantwortlich sein. Außerdem findet sich in der Wohnung ein Waffenarsenal: Gewehre, eine Maschinenpistole – und ein Revolver des Modells, mit dem die Heilbronner Polizistin erschossen wurde. Weil die Waffe vom Feuer stark beschädigt ist, kann sie aber bislang noch nicht eindeutig zugeordnet werden.

Am Dienstag stellt sich die gesuchte Mitbewohnerin der mutmaßlichen Bankräuber dann der Polizei in Jena: „Ich bin die, die ihr sucht.“ Dem Haftrichter stellt sie sich als Beate Z. vor, 36 Jahre alt, gelernte Gärtnerin, derzeit arbeitslos. Viel mehr hat sie bislang nicht gesagt.

„Die haben immer wieder Punks überfallen“

Beate Z., Uwe M. und Uwe B., so viel steht fest, stammen aus Jena. Schon in den Neunzigern waren die drei dort stadtbekannt – als Neonazis. Sie werden bei rechtsextremen Demonstrationen gesehen, beim Prozess gegen den Holocaustleugner Manfred Roeder in Erfurt, und unter Linken in Jena verbreiten sie Angst.

„Die haben immer wieder Punks überfallen, das waren Schläger“, sagt Katharina König, Thüringer Landtagsabgeordnete der Linken, die sich im Aktionsbündnis gegen Rechts engagiert. Enge Kontakte pflegte die Dreier-Clique außerdem zur Führungsriege des „Thüringer Heimatschutzes“, einer Art Sammelbecken der Neonazi-Gruppierungen in Thüringen. Der Verfassungsschutz erwähnt die drei in seinem Bericht 1998 als Mitglieder der Organisation.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Und dann wird am Freitag bekannt, dass sich in der Wohnung in Zwickau zudem die Pistole fand, mit der die Döner-Morde von 2000 bis 2006 verübt wurden. Bei der Durchsuchung der Zwickauer Wohnung wurde außerdem Beweismaterial sichergestellt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet.

Mit dem Fall hat sich am Freitag auch der Thüringer Innenausschuss befasst. Die Opposition fordert Aufklärung über die Rolle der Sicherheitsbehörden, die Linkspartei eine länderübergreifende Ermittlungsgruppe. Die Täter haben sich offenbar selbst gerichtet. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Quelle: F.A.Z.
David Klaubert
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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