Bidens Vereidigung

Eine Stadt geht auf Nummer sicher

Von Daniel C. Schmidt, Washington
20.01.2021
, 21:53
Am Tag der Amtsübergabe sorgt ein Großaufgebot von Sicherheitskräften in Washington für Ordnung. Selbst die eingesetzten Mitglieder der Nationalgarde hat man vorher überprüft – wer auffiel, wurde aussortiert.

Der Lärm der Rotorblätter hatte den Abschied angekündigt. Um 8.19 Uhr Ortszeit erschien ein Hubschrauber über den Dachspitzen des Weißen Hauses, er flog eine kleine Kurve über den angrenzenden Park, wie eine Ehrenrunde, bog dann in Richtung Osten ab und verschwand in den Wolken. Donald Trump hatte da gerade zum letzten Mal als 45. Präsident der Vereinigten Staaten seinen Amtssitz verlassen. Statt an der Vereidigung seines Nachfolgers Joe Biden teilzunehmen, ließ er sich zum Militärflughafen Joint Base Andrews in Maryland bringen. Von dort aus flog er weiter nach Palm Beach im Bundesstaat Florida.

Dass er Biden nicht dabei zuschauen werde, wie dieser den Amtseid ablegt, hatte Trump bereits vor Tagen angekündigt. Dennoch ist sein Fernbleiben ein Protokollbruch, wie er nicht oft vorkommt. Seit mehr als 150 Jahren hat kein scheidender Präsident die Zeremonie für den Nachfolger verpasst. Das Händeschütteln zwischen den Präsidenten gehört zum guten Ton, selbst unter politischen Gegnern.

Aber vielleicht war die vorzeitige Abreise doch keine so schlechte Idee. Im Gegensatz zum Aufmarsch seiner Anhänger am 6. Januar, der im gewaltsamen Sturm auf das Kapitol endete, waren dort und am Weißen Haus am Mittwochmorgen keine aufgebrachten Trump-Anhänger zu sehen, die den Ablauf hätten stören können. Nicholas Fuentes, ein rechtsextremer Podcaster, gab seinen Anhängern am Tag vor der Vereidigung noch eine Botschaft in den sozialen Netzwerken mit: Niemand sollte am folgenden Tag „in die Nähe“ Washingtons reisen, schrieb er. „Geht morgen nicht in die Nähe der Kapitole.“ Bei der Amtseinführung würden „keine Gefangenen“ genommen. „Bleibt zu Hause.“

Die Bundespolizei FBI hatte im Vorfeld der Vereidigung Bidens gewarnt, dass es im ganzen Land zu Protesten von gewaltbereiten Trump-Anhängern kommen könnte. Auch Muriel Bowser, die Bürgermeisterin des Washingtoner Hauptstadtdistrikts, hatte möglichen Besuchern davon abgeraten, in die Stadt zu kommen. Zudem hat sie ein Versammlungsverbot erwirkt: „Wir haben die Menschen gebeten, nicht zu der Veranstaltung nach Washington zu kommen, sondern virtuell teilzunehmen”, sagte sie Anfang der Woche auf einer Pressekonferenz.

Dass Trump nicht vor Ort war, ist wohl eine Erklärung dafür, dass am Mittwoch keine militanten Anhänger in die Hauptstadt kamen. Eine andere dürfte gewesen sein, dass es schlicht kaum möglich war, in Washington Unruhe zu stiften. Aus Sicherheitskreisen war zu hören, dass bis zu 20.000 Mitglieder der Nationalgarde die Amtsübergabe schützen sollten. Auch sie wurden durchleuchtet. Zwölf von ihnen waren vorab vom Dienst entbunden worden. Zwei waren bei einer Sicherheitsprüfung durch „unpassende Kommentare“ aufgefallen, zehn aufgrund von „unpassendem Verhalten“, gab Armeeegeneral Daniel Hokanson bekannt.

Die Behörden hatten um das Regierungsviertel verschiedene Sicherheitszonen gezogen und Blockaden errichtet. Als die Stadt am frühen Morgen erwachte, flackerte bereits Blaulicht durch die Straßen Washingtons. Nationalgardisten marschierten bereits durch die Straßen im Zentrum der Stadt.

Autokolonnen gehören nun zu Bidens Alltag

Statt Demonstranten liefen anderthalb Stunden vor Trumps Abflug aus Washington nur ein paar Sportler am Weißen Haus vorbei. Eine Frau führte ihren Hund aus, Medienvertreter positionierten ihre Kameras. Die ersten Biden-Fans kündigten sich sichtbar erst an, als dieser gegen 8.50 Uhr vom Blair House, das schräg gegenüber vom Weißen Haus liegt, mit Autokolonne samt Polizeimotorrädern und Krankenwagen zu einem kleinen Gottesdienst in der Cathedral of St. Matthew the Apostle gebracht wurde.

Einige der wartenden Passanten jubelten am Straßenrand, als sie merkten, wer da an ihnen vorbeirauschte und warum sie minutenlang von Männern mit Maschinengewehren im Arm an der Fußgängerampel an der Connecticut Avenue angehalten worden waren. „All das für einen einzelnen Menschen“, sagte ein Ladenbesitzer, der sich vor die Tür gestellt hatte. „Das hätte er auch laufen können.“

Die Autokolonnen gehören von nun an zu Bidens Alltag. Selbst eine Strecke von wenigen hundert Metern zu Fuß zu gehen, ist in ungesicherten Straßen für den Präsidenten der Vereinigten Staaten keine Option. Das wird allerdings nicht die einzige Herausforderung sein, die Biden zu meistern hat. „Ich glaube nicht, dass es ganz einfach für ihn wird am Anfang“, sagte Tracy Fenton, die eigens mit ihrer Familie aus Kalifornien angereist war und kurz vor Beginn der Veranstaltung am Weißen Haus stand.

„Trump hat viel kaputt gemacht“

„Trump hat viel kaputt gemacht, auf Biden lastet jetzt der Druck, das wieder zu korrigieren.“ Auf gewisse Weise sei sie gleich froh, dass der Tag der Amtsübergabe endlich gekommen sei. „Dass Biden jetzt im Weißen Haus sitzt, aber genauso, dass Trump nicht mehr da ist.”

Unweit von Fenton saß Gaby Samaniego mit ihrer Freundin Alexandra Silver. Die beiden Frauen hatten am Black Lives Matter Plaza, der direkt auf den Amtssitze des Präsidenten zuläuft, Bidens Rede am Kapitol über Lautsprecher verfolgt. „Ich bin froh, dass 45 weg ist!“, sagte Samaniego, ohne Trump beim Namen zu nennen. Vom 46. Präsidenten erwartet sie, dass er sich schnell um eine Reform der Einwanderungsgesetze kümmert und um die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Sie sagt: „Trump hat das Land in Masken-Träger und -Gegner gespalten.“

Alexandra Silver, die als Krankenschwester arbeitet und von den anhaltend hohen Erkrankungszahlen in Amerika direkt betroffen ist, stimmte überein: „An vielen Orten sind die Notaufnahmen am Limit.“ Heute, erzählten die zwei, würden sie noch etwas feiern, vor allem auch Kamala Harris, die erste Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten überhaupt: „Wahnsinn! Da trinken wir später drauf”, sagte Samaniego.

Quelle: FAZ.NET
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