Trump in der Corona-Krise

Maskenlos durch die Maskenfabrik

Von Frauke Steffens, New York
06.05.2020
, 07:51
Der amerikanische Präsident verbreitet in der Corona-Krise optimistische Parolen. Die vergangenen Wochen bezeichnet Trump als „Horrorshow“. In der jetzigen Form wird es die Taskforce im Weißen Haus bald nicht mehr geben.

„You can't always get what you want“ von den Rolling Stones ist eines von Donald Trumps liebsten Hintergrundliedern bei Veranstaltungen. Keiner weiß so richtig, warum – und dass die Band ihn aufforderte, den Song nicht zu nutzen, beeindruckte den Präsidenten auch nicht. „Du kannst nicht immer kriegen, was du willst“, lief auch am Dienstag, als Trump seine Rede in der Honeywell-Fabrik in Phoenix in Arizona beendet hatte und von der Bühne ging. Allerdings hörte man nicht die Stimme von Mick Jagger, sondern eine etwas bizarr anmutende Chor-Version des Klassikers.

Es war Trumps erste Reise seit Beginn der Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie. Die Fabrik hatte die Produktion von Flugzeugmotoren auf Gesichtsmasken umgestellt. Trump war gekommen, um den Arbeitern zu danken, aber vor allem wollte er seine Botschaft bekräftigen: Auch, wenn das Virus nicht eingedämmt ist, müsse die Wirtschaft wieder anlaufen. „Ich sage nicht, dass irgendetwas perfekt ist“, sagte der Präsident gegenüber Reportern. „Werden manche Leute betroffen sein? Ja. Werden manche Leute schwer betroffen sein? Ja. Aber wir müssen unser Land wieder öffnen und wir müssen das bald tun.“

Die Fachleute um Anthony Fauci, die die Regierung bislang berieten, sind Trump dabei wohl schon länger zu vorsichtig. Bei der Tour durch die Honeywell-Fabrik ließ er fast beiläufig fallen, was viele Beobachter schon vermutet hatten: Die Coronavirus-Taskforce unter Vizepräsident Mike Pence werde es in dieser Form bald nicht mehr geben. Man trete nun schließlich in eine „neue Phase“ ein, habe bislang sehr gute Fortschritte gemacht und es werde künftig „etwas in einer anderen Form“ als das bisherige Team geben, so Trump.

Nach offiziellen Angaben sind bislang rund 72.000 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in den Vereinigten Staaten gestorben, es gibt 1,23 Millionen bestätigte Infektionen. Bundesstaaten wie Georgia und Florida begannen dennoch mit den angekündigten Öffnungen der Wirtschaft. Nagelstudios und Friseure, Kinos und Fitnessstudios dürfen unter Auflagen vielerorts wieder öffnen, obwohl die Staaten die Kriterien, die das Weiße Haus dafür selbst empfahl, nicht erfüllen. So gab es etwa in Texas keinen über 14 Tage stabilen Rückgang der Neuinfektionen. Und während in New York, Chicago oder New Orleans wesentlich weniger Menschen mit der Lungenerkrankung Covid-19 ins Krankenhaus kommen, haben andere Orte im Land den Höhepunkt der Infektionszahlen noch vor sich.

Trump unterstützt trotzdem diejenigen Gouverneure, die mit frühen Öffnungen vorpreschten. Und angesichts der vom Congressional Budget Office vorausgesagten Arbeitslosenquote von 16 Prozent hoffen auch viele Bürger, dass sie bald wieder arbeiten gehen können. An sie wandte sich Trump in der Honeywell-Fabrik besonders, als er wieder einmal vom „Krieg“ gegen einen Feind sprach, den die Amerikaner gemeinsam besiegen würden.

Dabei stellte er die momentane Lage so positiv wie möglich dar – auch, wenn er so darauf verzichten musste, den Toten und ihren Familien große Aufmerksamkeit zu widmen. Großartiges hätten die Bürgerinnen und Bürger bislang geleistet, so der Präsident. Man habe es kaum für möglich gehalten, aber inzwischen sei jeder versorgt, der ein Beatmungsgerät brauche. Amerika könne nun sogar Ausrüstung in andere Länder senden. Die Regierung habe aber Vorräte, „für den Fall, dass diese Horrorshow jemals wieder passiert“, so Trump.

Viele Fachleute gehen mittlerweile davon aus, dass den Amerikanern ein Plateau statt einer stark abfallenden Kurve bevorsteht und dass sich im ganzen Land immer neue Infektions-Schwerpunkte bilden. Modelle, die auch das Weiße Haus heranzieht, gehen inzwischen von täglich 3000 Toten bis zum 1. Juni aus. In der vergangenen Woche starben laut der Johns Hopkins Universität jeden Tag durchschnittlich 2000 Menschen. Wenn Bundesstaaten die wirtschaftlichen Restriktionen lockern und Bürgerinnen und Bürger gleichzeitig weniger Abstand zueinander halten, dann könnte diese erste Infektionswelle 134.000 Menschen das Leben kosten. Was Trump als „Horrorshow“ bezeichnete, könnte also einfach verlangsamt weitergehen.

„Zukunft voller Großartigkeit und Ehre“

„Unser Land ist nun in einer neuen, sehr sicheren Phase des Kampfes angelangt, der der schrittweisen Öffnung“, verkündete Trump dennoch in Phoenix. Die „großartigste Wirtschaft“ mit dem „großartigsten Arbeitsmarkt“ und dem „großartigsten Aktienmarkt“ habe man schließen müssen, sagte er. Nun komme es darauf an, noch großartiger zu werden als vor der Pandemie. Er wolle im nächsten Jahr eine noch stärkere Wirtschaftskraft erreichen. Der Präsident nutzte die Gelegenheit, seine bisherige Wirtschafts- und vor allem die Zollpolitik mit dem weiteren Schicksal des Landes zu verknüpfen. Amerikas Unabhängigkeit sei in den vergangenen Jahrzehnten von „den Politikern in Washington“ ausverkauft und ins Ausland verlagert worden. „Nun holen wir uns das alles zurück“, sagte Trump.

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Die Wiedereröffnung der Wirtschaft in einzelnen Bundesstaaten, die „Befreiung“, die er in Tweets gefordert hatte, seine Bemühungen, durch Zölle Jobs zurück nach Amerika zu holen – Trump verwob das alles umstandslos zu einer Erfolgsgeschichte. Man erobere sich nun das Erbe der großen amerikanischen Geschichte zurück und werde „das nächste Kapitel schreiben“, so Trump. Es gelte jetzt auch für die Arbeiter von Honeywell, mit „ihrem Schweiß“ und ihrer Arbeit, den neuen Feind in diesem Krieg zu besiegen. Trump vergaß auch nicht die Verknüpfung mit seiner Migrationspolitik der Abschreckung, als er sagte: „Meine Regierung glaubt an eine einfache Regel: kauft amerikanisch und stellt Amerikaner ein.“ Die Amerikaner könnten nach dem „Sieg“ über das Virus erst recht eine „Zukunft voller Großartigkeit und Ehre“ bauen.

Arbeiterinnen und Arbeiter durften bei diesem inoffiziellen Wahlkampfauftritt auch kurz auf der Bühne sprechen. Eine Honeywell-Mitarbeiterin sagte: „Latinos lieben Trump“. Ihr Kollege versicherte, es gebe eine „tolle Kultur hier bei Honeywell“ und Trump sei ein großartiger Präsident. Trump besichtigte auch die Produktionsanlagen. In der Fabrik riefen Schilder zum Tragen von Schutzmasken auf, Trump hielt vor seiner Rede kurz eine hinter Glas gerahmte Maske hoch. Doch selbst trug er bei dem Rundgang keine – er hatte nur eine Schutzbrille aufgesetzt.

Quelle: FAZ.NET
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