Donald Trump

Endlosschleife der Eitelkeit

Von Simon Riesche, Washington
23.01.2017
, 06:53
Donald Trump und Vizepräsident Mike Pence bei der Vereidigung von Ministern im Weißen Haus
Kritiker werden der Lüge bezichtigt, „alternative Fakten“ verbreitet, das eigene Lager als „Bewegung“ verklärt. Fingerspitzengefühl? Fehlanzeige! Dabei hatte Donald Trump doch angekündigt, ein „Präsident für alle Amerikaner“ zu werden.
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Eigentlich ist es ja ganz einfach für Donald Trump. Nachdem er in seinem polarisierenden Wahlkampf bereits so viele Menschen beleidigt und so viel politisches und diplomatisches Porzellan zerschlagen hat, wird nun jede Aussage, in der er mal nicht krawallig daherkommt, überschwänglich gelobt. „Seht ihr, er kann sehr wohl präsidial sein“, sagen wohlmeinende Kommentatoren dann. Das Problem: Solche Aussagen kommen nur ganz selten über Trumps Lippen.

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Am frühen Morgen des 9. November hatte Trump unmittelbar nach seinem Wahlsieg in überraschend bescheidenen Worten angekündigt, „Präsident aller Amerikaner“ sein zu wollen – also auch auf die Menschen zuzugehen, die ihn nicht gewählt hatten. Es waren Worte, die zum Standardrepertoire eines jeden Redenschreibers gehören, wenn es darum geht, einen siegreichen Kandidaten in der Stunde des Triumphs Größe und Demut ausstrahlen zu lassen. Dies seien, da zeigten sich die meisten Beobachter einig, die richtigen Worte zur richtigen Zeit gewesen. Sofern die Ankündigung denn ernst gemeint gewesen sei.

Seine viel beachtete Inaugurationsrede vom Freitag, aber auch seine anderen erste Auftritte im Amt zeigen, dass offenbar durchaus Zweifel an Trumps Ankündigung vom 9. November angebracht sind. Während er seine Anhängerschaft als „Bewegung“ verklärt, die „das Land“ zurück an „das Volk“ geben werde, hat er für die vielen Amerikaner und vor allem die vielen Amerikanerinnen, die nur einen Tag nach seiner Vereidigung im ganzen Land friedlich gegen ihn demonstrierten, keine versöhnlichen Worte übrig. Mehr als eine Million Menschen waren am Samstag in Washington, New York und vielen anderen Städten der Vereinigten Staaten in Protestmärschen auf die Straße gegangen.

Unterdessen befeuert Trump lieber einen bizarren Streit darüber, wie viele Menschen ihm bei seiner Inauguration am Freitag zujubelten. Während zahlreiche Medien korrekterweise darauf hingewiesen hatten, dass es deutlich weniger Zuschauer waren als bei der Inauguration von Präsident Obama vor acht Jahren, belegt unter anderem durch eindeutige Fotos, schickte Trump am Samstag seinen neuen Sprecher Sean Spicer vor, um die verdutzen Journalisten des Pressekorps des Weißen Hauses der Lüge und gezielten Fehlinformation zu bezichtigen.

Da die von Spicer vorgetragenen „Beweise“ allerdings leicht widerlegbar sind, geriet Trumps Team gleich an seinem ersten Arbeitswochenende selbstverschuldet unter Druck. Dass sich Trumps sonst so eloquente Beraterin Kellyanne Conway am Sonntagmorgen in einem NBC-Fernsehinterview von Moderator Chuck Todd zu der Aussage hinreißen ließ, dass Spicer keine Lügen, sondern, George Orwell lässt grüßen, „alternative Fakten“ präsentiert habe, spricht Bände. „Alternative Fakten sind keine Fakten, es sind Lügen“, lässt Todd nicht locker.

Amerika
Trump-Sprecher kritisiert Berichterstattung über Vereidigung
© EPA, reuters

Die Tatsache, dass Trump bereit ist, in einer abseitigen Angelegenheit wie dem Streit über die Zuschauerzahl seiner Inauguration derart in die Offensive zu gehen, könnte verschiedene Gründe haben. Entweder ist ihm die Sache so wichtig, weil sie für sein Narrativ, an der Spitze einer angeblich nie da gewesenen Massenbewegung zu stehen, von zentraler Bedeutung ist. Oder sein Ego erträgt es einfach nicht, weniger beliebt zu sein, als er das selbst gern hätte.

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Trump sieht sich im „Krieg gegen die Medien“

Überhaupt scheint Trump zu Beginn seiner Präsidentschaft weiter in der Endlosschleife seiner eigenen Eitelkeit gefangen zu sein. Wann immer er sich in den letzten Tagen zu Wort meldete, schien er sich weiter im Wahlkampfmodus zu befinden. Seinen Antrittsbesuch bei der CIA etwa nutzte er, um über seinen „Krieg gegen die Medien“ zu sprechen und prahlerisch zu mutmaßen, dass doch bestimmt „alle hier im Raum“ ihn gewählt hätten. Kaum ein Wort des Dankes für die Arbeit der Agenten, dafür viele Sätze über sich selbst. „Trump sollte sich schämen“, ärgert sich Ex-CIA-Chef John Brennan.

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Am Sonntagnachmittag, als Trump zunächst vor leitenden Angestellten des Weißen Hauses sprach und dann mit den Chefs verschiedener Sicherheitsbehörden zusammenkam, schien sich der neue Präsident zur Abwechslung mal wieder ein wenig staatsmännischer präsentieren zu wollen. Er dankte seinem Vorgänger Barack Obama für einen „wunderschönen Brief“, der dieser ihm hinterlassen habe. Außerdem sagte Trump feierlich, es werde in seiner Amtszeit „nicht um Ideologie“ gehen, sondern um „unser Land“ und darum, „dem amerikanischen Volk zu dienen“. Im Hintergrund nickte Vizepräsident Mike Pence milde lächelnd. Wie ein stolzer Vater, der sich freut, dass sein Sprössling endlich etwas Richtiges gesagt hat.

Drei von vier Amerikanern für Veröffentlichung von Steuererklärung

Doch der präsidiale Moment dauerte erwartungsgemäß nicht lange. Als Trump FBI-Direktor James Comey im Saal entdeckte, zitierte er ihn zu sich und klopfte dem Spitzenbeamten, dem das sichtlich unangenehm war, auf die Schulter. „Er ist ja berühmter als ich“, so Trump über Comey, der im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf gleich mehrmals Gegenstand der öffentlichen Debatte geworden war. Nur elf Tage vor der Abstimmung hatte der FBI-Chef etwa öffentlich verkündet, dass die Ermittlungen im Zusammenhang mit der E-Mail-Affäre der demokratischen Kandidatin Hillary Clinton eventuell doch noch nicht abgeschlossen sein könnten. Trumps Kampagne hatte daraufhin noch einmal ordentlich Aufwind bekommen.

Trumps Dank an FBI-Chef James Comey
Trumps Dank an FBI-Chef James Comey Bild: EPA

Ein Schulterklopfer für den vermeintlichen Wahlhelfer? Einmal mehr zeigt Trump so, dass er es, wenn es um die Auswahl seiner Gesten und Worte geht, mit Fingerspitzengefühl nicht so genau nimmt. Als besonders dreist bewerten viele Kritiker seine ebenfalls an diesem Sonntag getroffene Ankündigung, nun doch seine Steuererklärungen der letzten Jahre nicht veröffentlichen zu wollen. Obwohl er das eigentlich vor der Wahl versprochen hatte. Das interessiere doch die meisten Amerikaner ohnehin nicht mehr, lässt Trump-Beraterin Conway ausrichten. Dabei hatten gerade mehr als 200.000 Bürger eine entsprechende Petition unterschrieben. Eine aktuelle und repräsentative Umfrage zeigt sogar, dass sich drei von vier Amerikanern eine Offenlegung der Dokumente wünscht.

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Witze über den Krieg

Trump scheint das alles egal zu sein. Er ist jetzt Präsident und hat offenbar nicht vor, sich auch nur ansatzweise zu ändern. Und auch der Rest des Landes scheint sich an ihn und seine fragwürdigen Auftritte gewöhnt zu haben. Dass Trump etwa während seiner Rede vor der CIA am Samstag tatsächlich andeutete, eventuell noch einmal in den Irak einmarschieren zu wollen, um dieses Mal aber das Öl mitzunehmen, sorgte in der aktuellen Berichterstattung für ein erstaunlich leises Echo.

Sicher: Der Satz mag ein Witz gewesen sein, aber die Vorstellung, dass ein frisch gewählter amerikanischer Präsident es witzig findet, über einen möglichen Krieg zu spekulieren, ist auch nicht gerade beruhigend. „Wenn du Präsident der Vereinigten Staaten bist, dann sind deine Worte unglaublich wichtig“, warnt der konservative Kolumnist und Pulitzer-Preisträger Charles Krauthammer im Fernsehen. Sein Gesichtsausdruck lässt allerdings erahnen, dass er keine große Hoffnung hegt, von Trump gehört zu werden.

Quelle: FAZ.NET
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