Trump im Weißen Haus

Was bleibt vom Westen?

Von Klaus-Dieter Frankenberger
23.01.2017
, 12:35
Wird er die Verfassung wie geschworen respektieren?: In seiner Rede zur Amtseinführung zeigt sich der neue amerikanische Präsident unversöhnlich.
Donald Trump ist der Präsident eines gespaltenen Landes. Davon hat er selbst am meisten profitiert. Auch bei seinem Amtsantritt denkt er nicht an Versöhnung. Das hat besonders für Europa Folgen. Ein Kommentar.
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Es ist etwas kindisch, die Zahl der Demonstranten, die am Tag nach der Amtseinführung Donald Trumps gegen den neuen Präsidenten protestierten, gegen die Zahl derer aufzurechnen, die der Inauguration „ihres“ Mannes beiwohnten. Der hat sich nicht ins Amt geputscht, er ist gewählt worden nach den in den Vereinigten Staaten geltenden Wahlgesetzen.

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Was die Protestaufzüge allerdings zeigen, ist die tiefe Spaltung eines Landes, das von einer neuen Form politisch-kultureller Segregation zerfurcht ist: Trump-Amerika gegen Nicht-Trump-Amerika. Präsident Trump ist das Produkt dieser Spaltung, an deren Entstehen nicht nur Trumpistas schuld sind, und er hat sie noch verschärft. Es ist mehr als bedauerlich, dass der Nachfolger Obamas in seiner Rede zur Amtseinführung über Versöhnung so gut wie kein Wort verlor. Das scheint den neuen Amtsinhaber nur als Floskel zu interessieren. Auch das passte zu seinem würdelosen Auftritt ohne verfassungspolitische und -historische Reminiszenz. Dafür wurde nationalistische Rohkost geliefert.

Zukunft der europäischen Einigung

Die meisten Verbündeten und nicht zuletzt die Nachbarn Amerikas mussten die Vorstellung und das „populistische Manifest“, das sie zu hören bekamen, erst einmal verdauen. Denn es sprach nicht, wie es früher hieß, der Führer der freien Welt oder der Präsident der globalen Ordnungsmacht, hier sprach einer, der Ordnungen zertrümmert und sich als Spitze einer Bewegung sieht, die auf Rache sinnt: gegen das „Establishment“, gegen auswärtige Mächte, gegen die interdependente Welt. Insofern ist diese „alte Welt“ untergegangen.

Ob auch der Westen untergeht? Wenn die Vereinigten Staaten keine Lust mehr haben, internationale Verantwortung zu tragen, auf gemeinsamen Werten gründende Bündnisse zu pflegen, dafür aber die Weltwirtschaft im Führermodus aus den Angeln heben, was bleibt dann vom Westen? Ja, wir müssen mehr für die europäische Sicherheit tun.

Wir müssen uns, ohne gleich überheblich zu werden, mehr engagieren, auch wenn in Europa viele Leute davon nicht begeistert sind. Und auch das: Europa darf sich nicht weiter zerlegen. Das alles wird jetzt unerlässlich. Und dennoch muss man sich daran erinnern, dass die europäische Einigung gute Zeiten immer dann erlebte, wenn Amerika sie mit Wohlwollen begleitete. Jetzt heißt es kurz und bündig „Amerika zuerst“! Kann der Gegensatz dazu Europa stark machen?

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frankenberger, Klaus-Dieter
Klaus-Dieter Frankenberger
Redakteur in der Politik.
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