Mord an Schwarzem in Georgia

„Immer nur einen Schritt vom Terror entfernt“

Von Frauke Steffens, New York
10.05.2020
, 19:43
Schwester und Mutter des getöteten Ahmaud Arbery trauern am Sonntag in Brunswick
Video
Der Mord an dem jungen Jogger Ahmaud Arbery entsetzt viele Menschen in Amerika. Wieder haben Weiße einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, der einfach nur laufen wollte.
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Ahmaud Arbery war 25 Jahre alt, als er am 23. Februar erschossen wurde. Drei Männer hatten Arbery beim Joggen in Brunswick im Bundesstaat Georgia beobachtet. Arbery, der schwarz war, lief durch eine vor allem von Weißen wie ihnen bewohnte Nachbarschaft. Den genauen Ablauf der folgenden Tat müssen nun die Ermittler klären. Fest steht, dass die drei Männer mit dem Auto Jagd auf den Jogger machten und ihm schließlich den Weg abschnitten, die Waffen in der Hand. Einer der Beteiligten, vielleicht auch ein Vierter, filmte die ganze Zeit. Arbery versuchte noch, sich mit den Fäusten gegen die bewaffneten Männer zu wehren.

Das Video verbreitete sich in der vergangenen Woche im Internet. Manche, wie der Hinterbliebenen-Anwalt Lee Merritt, sahen darin ein notwendiges Übel, wie er dem Magazin „Essence“ sagte. Andere, wie die Aktivistin April Reign, kritisierten das Video bei Twitter als „trauma porn“, das Menschen neu traumatisieren könne.

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Schließlich wurden die mutmaßlichen Täter verhaftet – mehr als zwei Monate nach dem Tod des jungen Joggers. Inzwischen wurden sie wegen Mordes angeklagt. Doch erst, als Aktivisten die Behörden zum Handeln aufforderten, machte sich die Polizei auf die Suche nach den Männern. Der Staatsanwalt George Barnhill schrieb in seinem ursprünglichen Report nach dem Vorfall, die drei seien im Recht gewesen, weil es in Georgia die „Stand your Ground“-Regel gibt. Die erlaube es, einen Verdächtigen selbst festzusetzen, wenn Gefahr von diesem ausgehe – und der unbewaffnete Arbery war ja schließlich vor den Privatmännern weggerannt.

Menschen in Brunswick in Georgia trauern nehmen an einer Veranstaltung zu Ehren des getöteten Ahmaud Arbery teil.
Menschen in Brunswick in Georgia trauern nehmen an einer Veranstaltung zu Ehren des getöteten Ahmaud Arbery teil. Bild: AP

Zuerst hatte Arberys Tod nicht viel überregionale Aufmerksamkeit bekommen, weil die Coronavirus-Pandemie alles andere überschattete und es immer wieder ähnliche Fälle gibt. Inzwischen änderte sich das, nicht nur wegen des Videos, sondern auch, weil gerade der weitere Verlauf der Virus-Krise den strukturellen Rassismus im Land wieder ins Zentrum der Diskussion rückte.

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Ibram X. Kendi nannte den Tod von Arbery auf Twitter einen „Lynchmord“. Die Existenz eines schwarzen Amerikaners sei stets „einen Schritt weit entfernt von rassistischem Terror, vom Tod“, so der Rassismusforscher der American University in Washington. Diesen „rassistischen Terror“ verstehen Kendi und viele andere als strukturell und nicht beschränkt auf individuellen Hass. Patrisse Cullors, eine der Gründerinnen der „Black Lives Matter“-Bewegung, zog bei Twitter eine Linie von der Sklaverei über die systematische Benachteiligung Schwarzer in den Jahrhunderten danach bis zu ihrer Situation in der Coronavirus-Krise. Zu Arberys Tod schrieb sie: „Lynchmorde geschehen in Amerika 2020“.

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Bundesstaat Georgia
Zwei Weiße wegen Mord an einem unbewaffneten Schwarzen festgenommen
Video: Reuters, Bild: Reuters

Die Gründung von „Black Lives Matter“ war 2013 auf die Proteste nach dem gewaltsamen Tod des Teenagers Trayvon Martin im Vorjahr gefolgt. Ähnlich wie Arbery war der 17 Jahre alte Martin eine Straße entlanggegangen und hatte sich gewehrt, als der Weiße George Zimmerman ihn anging. Zimmerman erschoss den Teenager wenig später und berief sich mit Erfolg auf die in Florida geltende „Stand your Ground“-Regel, obwohl auch Martin keine Waffe trug. Die Proteste der kommenden Jahre richteten sich gegen die Gewalt, aber auch die strukturelle Benachteiligung der Schwarzen.

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Im Jahr 2014 fielen die Demonstrationen zum gewaltsamen Tod von Mike Brown in Ferguson dann zusammen mit dem Aktivismus gegen den Wasser-Notstand in Flint in Michigan, dessen Folgen vor allem schwarze Familien trafen. Auch damals beklagten Aktivisten, den Verantwortlichen sei die Gesundheit der Afroamerikaner unwichtig. Die Gleichzeitigkeit von Gewaltexzess und rassistisch verstärkter Gesundheitskrise findet im Bewusstsein vieler Beobachter auch jetzt statt.

„Im Horrorfilm sterben wir auch zuerst“

Arberys Tod ist für viele Menschen Ausdruck des selben strukturellen Rassismus wie er sich auch in der Coronavirus-Krise äußert, weil besonders viele Schwarze an den Folgen einer Infektion sterben. Einer Analyse der Nachrichtenagentur Associated Press zufolge waren bis Mitte April 42 Prozent der an den Folgen des Coronavirus gestorbenen Amerikaner schwarz – ihr Bevölkerungsanteil liegt bei 13 Prozent. Von der schlechten Gesundheitsversorgung im ländlichen Mississippi bis zur Verteilung umweltbedingter Asthmafälle in New York, von den Pflegerinnen in Altenheimen über die Insassen der Gefängnisse bis zu den Arbeitern in den Fleischfabriken – Menschen mit mehr als einem Risikofaktor für einen schweren Coronavirus-Verlauf sind sehr häufig nicht weiß.

„Black Lives Matter“ und viele schwarze Bewegungen davor gründeten den Kampf gegen Rassismus auch auf die Beobachtung, dass schwarze Körper noch weit mehr als die der weißen Arbeiter „disposable“ seien – verzichtbar, austauschbar, „wegwerfbar“. Damit gingen sie über die oft von Weißen entwickelte linke Theorie hinaus und fügten ihr Dimensionen hinzu. Die sehen viele nun bestätigt, weil die Industrie und die Regierung auf die Öffnung von Fleischfabriken und ganzen Bundesstaaten drängen, in denen Schwarze besonders oft vom Coronavirus betroffen sind. Natürlich könne sich das als Fehlkalkulation erweisen, schreibt etwa der Autor Jamil Smith im Magazin „Rolling Stone“: „Im Horrorfilm sterben wir auch immer zuerst.“ Doch das bedeute eben nicht, dass die anderen später nicht auch sterben – sie fühlten sich nur erst sicherer.

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Die aggressiven Proteste der Rechten gegen die Coronavirus-Schutzmaßnahmen und die schnelle Wiederöffnung republikanischer Bundesstaaten sehen manche Kommentatoren als Reaktion von Weißen auf die Tatsache an, dass das Coronavirus überproportional Minderheiten trifft. In Mississippi etwa, wo im April um die 70 Prozent der Verstorbenen schwarz waren, treibt die Regierung die Öffnung trotz leicht steigender Infektionszahlen voran. Die an der Rutgers Universität in New Jersey lehrende Kulturkritikerin Brittney Cooper nannte die schnelle Wiederöffnung der Wirtschaft auf Twitter gar eine „nekropolitische Kalkulation“, eine Inkaufnahme des Todes von mehr Schwarzen als Weißen.

Was auch immer in den vergangenen Jahrzehnten für Fortschritte gemacht wurden, sei es durch mehr schwarze Intellektuelle und Medienschaffende, mehr schwarze Collegeabsolventinnen, und einen relativen Abbau der Arbeitslosigkeit von Afroamerikanern – diese Fortschritte sind durch die gerade erst beginnende ökonomische Krise gefährdet. In allen Teilen der Arbeitnehmerschaft dürfte es zu massiven Wohlstandseinbußen kommen. Eine offene Frage ist, ob sich dadurch größere Solidarisierungseffekte zwischen Weißen und Schwarzen ergeben könnten – in der Geschichte des Landes passierte in Krisen oft das Gegenteil. Gerade die Schnelligkeit, mit der rechtskonservative Weiße auf eine Öffnung der Wirtschaft bestehen, ist für viele Kommentatoren da eher ein Anlass für Pessimismus.

Quelle: FAZ.NET
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