Ohio vor der Wahl

Im Land der Kohle gibt es für Obama nichts zu holen

Von Matthias Rüb, Belmont
01.11.2012
, 14:32
Mitt Romney in Ohio: Die meisten der Bergarbeiter hat er auf seiner Seite
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Aber Ohio hat nicht nur den Bergbau, Zehntausenden gibt die Autoindustrie Arbeit. Die, sagt der Präsident, habe er gerettet. Wird das genügen, um im wichtigsten „Schlachtfeldstaat“ zu siegen?
ANZEIGE

Im Ohio-Becken herrscht Krieg. Das sieht man nicht auf den ersten Blick. Es sieht im Gegenteil alles friedlich, ja beschaulich aus. Die Wälder tragen noch ihr buntes Kleid. Die Rasenflächen sind grün. In den Vorgärten stehen ausgehöhlte Kürbisse und Halloween-Figuren. Das Wasserband des „Ohio“ glänzt im Licht der Herbstsonne, die nach dem Durchzug der Ausläufer des Hurrikans „Sandy“ hin und wieder durch die Wolken schaut.

Das Becken des Ohio-Flusses ist seit Generationen „Coal Country“. Die Einwanderer, die im 19. Jahrhundert aus Europa kamen, fanden Lohn und Brot in den Kohlerevieren, den Stahlwerken, den Flusshäfen. Sie eröffneten Geschäfte und Restaurants, gründeten Sportvereine und Singkreise. Und jetzt herrscht Krieg im Ohio-Tal. Es ist der „Krieg gegen die Kohle“.

ANZEIGE

Zwischen den Werbeschildern für Barack Obama oder für Mitt Romney, für den demokratischen Senator Brown oder dessen republikanischen Herausforderer Mandel, für diesen Richterkandidaten oder jenen Bewerber für das Amt des Sheriffs stehen in diesem Jahr in Ohio ungezählte Schilder mit der Aufschrift „Stop the War on Coal. Fire Obama“ (Stoppt den Krieg gegen die Kohle. Schmeißt Obama raus). Entlang der Autobahn I-70 kann man auf großen Werbetafeln folgende Botschaften lesen: „Kohle: sauber, ertragreich, ergiebig.“ Und: „Kohle: zunehmend grün und immer rot, weiß und blau.“ Grün steht für Umweltfreundlichkeit. Rot, Weiß und Blau sind die amerikanischen Nationalfarben.

„Krieg gegen die Kohle“

Die Kohlelobby hat in Ohio sowie in den benachbarten Bundesstaaten Pennsylvania, West Virginia und Kentucky viele Millionen Dollar ausgegeben, um im „Krieg gegen die Kohle“ die Oberhand zu behalten. Als Gegner der Kohle prangert sie neben Präsident Obama vor allem die nationale Umweltschutzbehörde EPA wegen der Verschärfung der Emissionsauflagen für Kohlekraftwerke an. Die Verbündeten der Kohlelobby sind im Wahljahr 2012 die Republikaner: Präsidentschaftskandidat Romney und dessen „Running Mate“ Paul Ryan, der Senatskandidat Mandel und der Abgeordnete Bill Johnson. Der konnte bei den „Zwischenwahlen“ von 2010 den sechsten Wahlbezirk von Ohio gewinnen - die Zornesenergie der rechtskonservativen „Tea Party“ trug ihn zum Sieg über den demokratischen Amtsinhaber, der für das große Konjunkturpaket und für Obamas Gesundheitsreform gestimmt hatte.

ANZEIGE

Der sechste Wahlkreis von Ohio erstreckt sich im Osten des Bundesstaates rund 500 Kilometer den Ohio-Fluss entlang. Das Hügelland am Fuß der Appalachen ist dünn besiedelt. Auf einer Fläche, die etwa jener von Thüringen entspricht, leben gerade einmal rund 630000 Menschen. Der Landstrich ist ein Idyll. Fleckvieh und Pferde grasen auf den Weiden. Scheunen und Ställe sind in kräftigen Farben gestrichen; Silos glänzen silbern. Reich sind die Leute hier nicht, im Gegenteil. In manchen Landkreisen lebt bis zu einem Drittel der Einwohner unterhalb der offiziellen Armutsgrenze von rund 23000 Dollar Jahreseinkommen für eine vierköpfige Familie.

Einfache Jobs, kein Studium

Auch das Dorf Belmont und der gleichnamige Landkreis haben schon bessere Tage gesehen. Vor 70 Jahren lebten hier fast hunderttausend Menschen, die meisten von der Kohle und der Landwirtschaft. Heute zählt man im Landkreis noch knapp 70000 Einwohner. Belmont, offizielle Einwohnerzahl 532, hat ein mächtiges Schulhaus, erbaut 1915. Für den Bedarf heute ist es viel zu groß. In dem Gebäude ist deshalb auch das Bürgermeisteramt untergebracht, und Kleinunternehmer können Büroräume mieten - sie stehen schon lange leer. In der Sporthalle nebenan wird an zwei Abenden in der Woche Zumba-Tanzen angeboten; Zumba, eine Mischung aus Aerobic und Latin Dance, ist Trendsport in Amerika.

ANZEIGE

An diesem Abend spielen zwölf junge Leute aus Belmont und Umgebung Basketball. Die meisten haben seit ihrer Schulzeit sichtbar zugenommen. Aber die Bewegungsabläufe stimmen noch. Die Pässe kommen an, die meisten Distanzwürfe sind Treffer. Nicht ein einziger der Freizeitsportler hat studiert - keiner von ihnen oder ihren Freundinnen ist arbeitslos: Sie sind Handwerker, Kraftfahrer oder Friseuse, arbeiten im Verkauf oder bei der Ortsverwaltung. Theo, 23 Jahre alt, ist bei einer Baumschule angestellt. „Hier findet jeder einen Job, der nicht faul auf seinem Hintern sitzt“, sagt er und fügt hinzu: „Klar, es sind nicht gerade die am besten bezahlten Jobs, aber es sind Jobs.“ Drei der jungen Männer erzählen, dass ihre Väter seit Jahr und Tag im Kohlebergwerk bei der „Ohio Valley Coal Company“ arbeiteten. Aber keiner der Söhne will in die Fußstapfen des Vaters treten. „Zu gefährlich da unten, und es laugt dich aus!“, sagt der, den sie Shorty nennen.

Bild: F.A.Z.

Bei den Wahlen am kommenden Dienstag wollen sieben der Freizeit-Basketballer für den Republikaner Romney stimmen, vier bekennen sich zum Demokraten Obama. Theo will für keinen der Bewerber der beiden großen Parteien stimmen, sondern für einen unabhängigen Kandidaten. Er traut den Politikern nicht, am wenigsten denen in Washington. Am 20. Oktober war der republikanische Vizepräsidentschaftskandidat Ryan in Belmont. Mehr als tausend Leute waren gekommen, obwohl es geregnet hatte. Ryan wurde überaus freundlich empfangen. Er warb um die Stimmen der Leute von Belmont mit dem Versprechen, eine Regierung Romney werde keinen „Krieg gegen die Kohle“ mehr führen. Niemals zuvor war ein nationaler Spitzenkandidat im Wahlkampf nach Belmont gekommen.

Dass die Regierung Obama tatsächlich einen „Krieg gegen die Kohle“ und damit gegen das Herzland der Kohleförderung im Südosten Ohios führe, das glauben nur die Anhänger der Republikaner unter den Basketballern von Belmont. Die vier potentiellen Wähler der Demokraten und Theo, der Unabhängige, sagen, das sei „reine Propaganda“. Einig sind sie sich in einem: Arbeitsplätze außerhalb des Bergwerksektors gibt es nicht viele in der Gegend.

ANZEIGE

Neue Grenzwerte im Kohlebau sorgen für Unmut

Erst im Juli hatte die „Ohio Valley Coal Company“ 28 Kumpel vom Bergwerk „Powhatan Nr. 6“ entlassen. „Wir sind sehr enttäuscht und traurig, dass wir diesen Schritt tun mussten“, sagte damals der Manager Ronald Koontz: „Aber die übertriebenen und unnötigen Reglementierungen der Regierung Obama haben unsere Förderung gebremst und unserer Kohle den Zugang zum Markt versperrt.“ Tatsächlich hat die Umweltbehörde EPA 2011 neue Grenzwerte für den Ausstoß von Quecksilber, Arsen und anderen Schadstoffen für Kohlekraftwerke festgelegt. Die neuen Grenzwerte wurden mit dem vorbeugenden Gesundheitsschutz begründet.

Davon will Robert Murray nichts wissen. Die EPA-Bürokraten in Washington und die Umweltaktivisten im ganzen Land verteufelt er als abgehobene Elite, die sich nicht um steigende Strompreise und verlorene Jobs im Südosten Ohios kümmere. Murray hat einst selbst als Bergmann angefangen, 1988 gründete er die „Murray Energy Corporation“, zu der auch die „Ohio Valley Coal Company“ gehört. Murray ist inzwischen 72 Jahre alt, aber in seinem Unternehmen hält er sich bis heute für unverzichtbar - und im Wahljahr 2012 auch in der Politik. In Murrays Bergwerken arbeiten 1600 Bergleute. Deren Zukunft - und auch seine eigene - sieht Murray von den „Öko-Aktivisten“ in Washington bedroht. Präsident Obama betrachtet er als den schlimmsten Feind der Kohle, ja als potentiellen Zerstörer Amerikas. „Aber Obama wird noch von uns hören“, sagt Murray, als sei er ein politischer Kreuzritter.

Jeder Präsident siegte in Ohio

Weil dieser Kreuzzug von Ohio ausgeht und in Ohio ausgetragen wird, könnte er das politische Geschick des Landes tatsächlich entscheiden. Denn Ohio ist der „Schlachtfeldstaat“ schlechthin: mit wechselnden Mehrheiten, die schon viele Präsidentenwahlen entschieden haben. 2008 erhielt Obama in Ohio 52 Prozent der Wählerstimmen, auf den Republikaner McCain entfielen 47 Prozent. 2004 hatte sich in Ohio noch Präsident George W. Bush mit 51 zu 49 Prozent gegen seinen demokratischen Herausforderer Kerry durchsetzen können. Auch im Jahr 2000 hatte Bush mit 50 zu 46 Prozent die Oberhand gegen den damaligen Vizepräsidenten Al Gore behalten. Kein Republikaner ist jemals ohne einen Sieg in Ohio ins Weiße Haus gewählt worden.

ANZEIGE

Seit 1964 hat stets derjenige Kandidat die Präsidentenwahl gewonnen, der sich in Ohio durchsetzte. Auch in diesem Jahr könnte es von den 18 Wahlmännerstimmen aus dem „Buckeye State“ abhängen, ob Obama Präsident bleibt oder ob der Herausforderer Romney gewinnt: Den (Wieder-)Einzug ins Weiße Haus schafft, wer 270 von 538 Wahlmännerstimmen auf sich vereinigt. Und weil in rund vierzig Bundesstaaten die Sache eindeutig ist, kommt es auf die Wähler in den hartumkämpften Staaten Colorado, Florida, Iowa, Nevada, New Hampshire, North Carolina, Virginia, Wisconsin und eben in Ohio an.

Energiewirtschaft gegen Automobilindustrie

Der Bundesstaat hat heute rund 11,5 Millionen Einwohner; er ist ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft, also regional und politisch, sozial und wirtschaftlich so vielfältig wie das Land im Ganzen. Im konservativen „Kohle-Land“ im Südosten bilden Bergwerke, Stahlöfen und Kohlekraftwerke ein nach wie vor mächtiges wirtschaftliches Geflecht. Hier mobilisieren die Republikaner nicht nur ihre Basis, sie versuchen auch die konservativen „Reagan-Demokraten“ auf ihre Seite zu ziehen. Der zweite Pfeiler der Energiewirtschaft von Ohio ist die Erdgasförderung im Osten, die in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen ist. Auch hier können die Republikaner, die energiepolitisch vor allem auf Kohle, Öl und Gas setzen, mit breiter Wählerunterstützung rechnen.

Der Norden am Erie-See mit der Automobilindustrie samt Zulieferern ist einer der politischen Gegenpole. Hier werben Obama und die Demokraten mit dem Argument, nur die staatliche Hilfe von 2009 mit einem Umfang von 85 Milliarden Dollar für die Autobauer General Motors (GM) und Chrysler habe 150000 Arbeitsplätze erhalten. Seit der Rettung von GM und Chrysler seien außerdem 17000 neue Jobs geschaffen worden. Jeder achte Arbeitsplatz in Ohio hängt an der Autoindustrie. Dass die Arbeitslosenquote in Ohio mit sieben Prozent fast einen ganzen Prozentpunkt unter dem Landesdurchschnitt liegt, ist vor allem der robusten Energiewirtschaft und der sich erholenden Autoindustrie zu verdanken.

ANZEIGE

Nichts ist sicher

Im Westen um den Luftwaffenstützpunkt Wright-Patterson in Dayton haben sich zahlreiche Rüstungsunternehmen angesiedelt. Beide Kandidaten haben sich bei Wahlkampfauftritten in Dayton als entschlossene Fürsprecher der Streitkräfte gegeben und versprochen, sich für den Erhalt der 65000 Arbeitsplätze einzusetzen, die direkt und indirekt von dem Luftwaffenstützpunkt abhängen. Obama erinnerte daran, dass er, wie versprochen, den Krieg im Irak beendet habe und dass sich seine Regierung um jeden heimgekehrten Veteranen kümmere. Romney warnte vor drastischen Kürzungen im Verteidigungshaushalt - in Dayton und Umgebung kann er mit der Mehrheit der Stimmen rechnen.

Im Süden bildet die Ohio State University in der Hauptstadt Columbus mit ihren 57000 Studenten die zweite Hochburg für Obama. Demokratische Parteiaktivisten bringen Studenten in Vorlesungspausen mit Charterbussen zu Wahllokalen, damit sie dort frühzeitig wählen können. In Ohio können Wähler schon 35 Tage vor dem Wahltag ihre Stimme abgeben, bis zum eigentlichen Wahltag am 6. November dürfte ein Drittel aller Wähler gewählt haben. Obama hofft, dass er dank frühzeitig abgegebener Stimmen ein so ansehnliches Polster angesammelt hat, dass er seinen Vorsprung bis zum Wahltag retten kann. Romney hofft dagegen, dass am Dienstag, dem offiziellen Wahltag, dafür umso mehr Republikaner zur Wahl gehen und er Obama doch noch in letzter Sekunde überholen kann. Das ist möglich, sicher ist es nicht. Doch im Schlachtfeldstaat Ohio ist sowieso nichts sicher.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage
Automarkt
Top-Gebrauchtwagen mit Garantie
ANZEIGE