Vizepräsident Mike Pence

Kurz vor Schluss kam der Bruch mit Trump

Von Andreas Ross
07.01.2021
, 21:30
Vier Jahre lang stand er devot an der Seite des Mannes, der es nicht erträgt, dass neben ihm ein anderer glänzt. Nun, quasi in letzter Minute, hat Vizepräsident Mike Pence seine eigene Sprache wieder gefunden.

Wenn man so will, hat Mike Pence am Mittwoch seine zweite Wiedergeburt inszeniert. Die erste erlebte er als Student, da wurde aus dem Sohn eines irischstämmigen Tankwarts und langjährigen Messdiener aus Indiana ein „wiedergeborener, evangelikaler Katholik“ – auch in der vielfältigen Religionslandschaft Amerikas eine originelle Selbstbeschreibung. Die zweite Neuerfindung war nun politischer Natur. Der Vizepräsident, der dem Präsidenten Donald Trump vier Jahre lang bis zur Selbstaufgabe devot zur Seite stand, fand seine eigene Sprache.

Während der Präsident sich aufmachte, militante Trumpisten in Washington anzustacheln, verwahrte sich Pence in einer Erklärung dagegen, dass der Vizepräsident die Bestätigung der Wahl Joe Bidens verhindern könnte. Bevor er die gemeinsame Sitzung im Kongress eröffnete, erinnerte Pence daran, dass er einen Eid auf die Verfassung geschworen hatte. Dem wolle er gerecht werden – „so wahr mir Gott helfe“.

„Ihr habt nicht gewonnen“

Da sollte es nicht mehr lange dauern, bis Polizisten in den Plenarsaal des Senats stürmten und Pence an einen sicheren Ort geleiteten. Das Kapitol war gestürmt worden von Männern und Frauen mit Trump-Fahnen und roten Kappen, also genau solchen Amerikanern, die Pence in den vergangenen Jahren so oft vertretungshalber zugejubelt hatten. Während Trump die Aufständischen zu liebenswerten Patrioten adelte, sprach Pence klare Worte: „Ihr habt nicht gewonnen. Gewalt gewinnt nie“, sagte er der Meute, die ihm der Präsident auf den Hals gehetzt hatte.

Nie zuvor hatte sich Pence so deutlich (oder überhaupt) von Trump distanziert. Selbst als offizieller Kopf der Corona-Taskforce schwieg der frühere Abgeordnete und spätere Gouverneur, den Politiker beider Parteien als rationalen Partner gelobt hatten, sobald Trump die Bühne beanspruchte und dort eine aberwitzige Show abzog.

Mit der sanften Stimme, die er als Radiomoderator in den neunziger Jahren trainiert hatte, vertrat Pence Trumps Politik. Er „arbeitete hart dafür, dass ihm seine Erfolge nicht zugeschrieben werden“, sagte sein erster Stabschef. Eigene Meinungen behielt Pence für sich. Ebenso die Antwort auf die Frage, wie seine Trump-Ergebenheit zu seinem Selbstbild passte: „Ich bin ein Christ, ein Konservativer und ein Republikaner, in dieser Reihenfolge.“ Vertrauten erzählte Trump belustigt, ständig komme Mike Pence in sein Büro und wolle beten.

Der plötzliche Bruch mag Trump Angst gemacht haben. Musste er bangen, dass Pence sich in den letzten Tagen der Amtszeit doch noch mit Ministern verschwören würde, um ihn für amtsunfähig zu erklären? Vielleicht erklärt sich so das für Trumps Verhältnisse brave Bekenntnis zur ordentlichen Machtübergabe. Für Pence wäre das eine irre Pointe: Denn Angst hatte wohl noch niemand vor ihm.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ross, Andreas
Andreas Ross
Verantwortlicher Redakteur für politische Nachrichten und Politik Online.
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