Die Marke Trump

Verschwörungstheorien beleben das Geschäft

Von Frauke Steffens, New York
27.10.2018
, 08:52
Männer befestigen ein Schild mit Trumps Namen an einer frisch renovierten Sektion der Grenzmauer zu Mexiko in Calexico, Kalifornien.
Der mutmaßliche Bombenverschicker in Amerika wurde festgenommen. Seine Motive sind noch unklar. Die vergangenen Tage zeigten nicht zuletzt, wie groß die Rolle von Verschwörungstheorien im Trump-Lager ist.
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„Bomb stuff“, Bombenkram – so nannte der amerikanische Präsident am Freitag die Briefbomben-Sendungen an Demokraten und prominente Kritiker seiner Politik. Die Berichterstattung bremse den Rückenwind der Republikaner bei den Briefwahlen aus, klagte er bei Twitter. Die Taten an sich hatte Donald Trump zwar verurteilt. Aber er sagte laut CNN auch, er habe nicht die Absicht, seinen Vorgänger Barack Obama oder einen der anderen Betroffenen anzurufen.

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Da der festgenommene Cesar S. registrierter Republikaner ist, verstummten am Freitag die Verschwörungstheorien weitgehend, nach denen Linke die Pakete selbst geschickt haben könnten. Vor der Festnahme hatten nicht nur anonyme Trump-Anhänger in der Welt der Internetforen wie „4chan“ und „Reddit“ diese Behauptung verbreitet. Auch mehrere Journalisten von „Fox News“ brachten sie ins Spiel. Fox-Business-Moderator Lou Dobbs schrieb in einem inzwischen gelöschten Tweet: „Fake News, Fake-Bomben. Wer könnte bloß von so viel Fakerei profitieren?“

Nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters betonten viele Trump-Fans dann lieber die vermeintliche Harmlosigkeit der Bomben. So titelte etwa die rechte Webseite „Frontpage Mag“: „Funktionsunfähige Bomben und doppelte Standards: Befürworter des Antifa-Terrors sind plötzlich in Rage wegen nicht explodierender Pakete.“ Diese Medien werden von Trumps Anhängern konsumiert, so randständig sie Kritikern auch vorkommen mögen.

Verschwörungstheorien gehören zu Trump

Verschwörungstheorien und unbelegte Schmähungen gegen Gegner gehörten von Anfang an zu Trumps Wahlkampf und seiner Präsidentschaft. Die Frequenz, mit der Trump lügt und Dinge behauptet, ohne einen Beleg zu liefern, gilt seinen Kritikern als einzigartig. Der „Factchecker“ der „Washington Post“, der alle Falschbehauptungen Trumps sammeln will, steht zur Zeit bei über 5000. Nicht alle diese Lügen haben mit Verschwörungstheorien zu tun, aber wo der Präsident Dinge einfach erfinden kann und von seinen Anhängern dafür bejubelt wird, da haben es auch die krudesten Konspirations-Erfinder leicht.

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Ein Extrembeispiel der jüngsten Zeit ist „QAnon“. Donald Trump ist der Held der „QAnon“-Anhänger. „Q“, ein anonymer User im Netz, bekämpft angeblich den so genannten „Deep State“, eine vermeintliche Verschwörung innerhalb des Regierungsapparates. Der „Deep State“ ist ihm zufolge für eine beliebige Anzahl von Dingen verantwortlich – von Steuererhöhungen über Korruption bis zum Machterhalt liberaler Eliten von bestimmten Universitäten.

Trump sei „Q“ zufolge angetreten, um dem „Deep State“ endgültig den Garaus zu machen. Demzufolge dient alles, was er tut, dem Kampf gegen den „Deep State“ und gegen einen Kindervergewaltiger-Ring, den die finsteren Gestalten nebenher auch noch betreiben. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass viele die im Vergleich noch lebensnahe Theorie teilten, die Demokraten würden sich selbst Paketbomben schicken.

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Angriffe gegen Wissenschaft und Demokratie

Es ist nicht so, dass es unter Liberalen oder Linken gar keine Verschwörungstheorien gibt. Beispiele waren die Legenden um den Mord an John F. Kennedy, oder die Behauptung, dass die Regierungen der beiden Bushs ausschließlich eingesetzt wurden, um die Interessen der Ölindustrie zu verwirklichen. Linke verbreiteten auch durchaus schon antisemitische Verschwörungsphantasien – und manche von ihnen machen den Überwachungsstaat gern bedrohlicher, als er ohnehin schon ist. Zwischen den rechten und linken Verschwörungsphantasien gibt es aber auch wesentliche Unterschiede. So richten sich rechte Phantasten besonders gern gegen wissenschaftlich bewiesene Tatsachen und sagen nicht selten der Wissenschaft an sich und der westlichen Demokratie den Kampf an.

Der bedeutendste Unterschied ist zur Zeit aber, dass die Verschwörungstheoretiker bei den Demokraten der vergangenen 50 Jahre meistens marginalisiert blieben und bei den Republikanern längst im Zentrum der Partei angekommen sind. Nach der Verfolgung vermeintlicher Kommunisten durch das „Komittee für unamerikanische Umtriebe“ in den 1950er Jahren hielt das republikanische Establishment den rechten Rand häufig im Zaum, aber mit dem Erstarken christlicher Fundamentalisten in der Partei seit den 1980er Jahren gewannen auch Verschwörungstheoretiker an Einfluss. Ihre Feinde waren stets vermeintlich international operierende Mächte, die auch Donald Trump und seine Anhänger „Globalisten“ nennen – und auch damals hatten diese Theorien schon antisemitische Untertöne.

„Phantasielösung für nicht existierende Probleme“

Im Jahr 2012 stimmten bereits 34 Prozent der republikanischen Wähler der Aussage zu, sie glaubten an „eine geheime Machtelite mit einer globalistischen Agenda, die sich verschworen hat, um eines Tages die Welt durch eine autoritäre Welt-Regierung zu beherrschen.“ In den vergangenen Jahren konzentrierten sich viele Rechte zunehmend auf das Feindbild Islam: Einige lokale Regierungen brachte man sogar soweit, dass sie Anti-Scharia-Klauseln verabschiedeten. „Eine Phantasielösung für ein nicht existentes Problem, fast wie ein Plan der Regierung, um eine Zombie-Apokalyse zu verhindern,“ schrieb Kurt Andersen im Magazin „Slate“.

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Andersen datiert auch das erste Mal, dass Donald Trump die so genannte „Birther“-Verschwörungstheorie verbreitete, auf das Jahr 2011. Trump habe die durch nichts bewiesene Behauptung, Barack Obama sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren, in den folgenden Jahren mit groß gemacht. Während des Wahlkampfes 2016 glaubten bereits mehr als die Hälfte der republikanischen Wähler in Umfragen daran, dass Obama in Kenia geboren wurde. Und auch große Medienhäuser wie Fox News, nicht nur Randphänomene wie die „Infowars“ des Konspirations-Fetischisten Alex Jones, griffen solche und andere Erfindungen auf.

Nicht nur die Rechte am Rand, auch die Konservativen haben für viele Kritiker mit Schuld an der Hochkonjunktur der Legenden. Selbst die gemäßigteren Republikaner und die ihnen nahe stehenden Medien unterstützten laufend Verschwörungstheorien, kommentierte etwa die „Washington Post“: „Sie zeichnen ein Bild, in dem die Gesellschaft durchsetzt ist von einer Verschwörung nach der anderen: eine Verschwörung liberaler Professoren, um eure Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen, eine Verschwörung liberaler Journalisten, die Nachrichten zu manipulieren, eine Verschwörung von Liberalen in Hollywood, um eure Werte zu korrumpieren, eine Verschwörung in der Regierung, um Trump zu zerstören. Egal, wer an der Macht ist, da draußen versuchen immer noch mehrere Verschwörungen, euch zu schaden.“

Amerika bietet freundliches Umfeld für Phantasten

Dass Verschwörungstheorien in Amerika schon lange Konjunktur haben, hat viele Ursachen. Schon vor Jahrhunderten wanderten nicht selten die extremsten Vertreter des europäischen Christentums aus und gründeten in Übersee Kulte und Sekten, auf deren Traditionen sich noch heute Menschen beziehen können. Das Erbe und Flair des Sektiererischen hielten später viele wach, von Drogen-Guru Timothy Leary bis zu den Ufo-Anbetern. In den Vereinigten Staaten kann zudem bis heute jeder eine Kirche gründen oder seine Kinder zu Hause unterrichten – auch Bildungsstandards sind wesentlich weniger einheitlich als in vielen anderen Ländern.

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Verschwörungstheoretiker haben es da leichter, Gehör zu finden, meint etwa Wendy Kaminer, Autorin des Buches „Sleeping with Extraterrestrials. The Rise of Irrationalism and the Perils of Piety“ (deutsch etwa: „Mit Außerirdischen schlafen. Der Aufstieg des Irrationalismus und die Fallstricke der Frömmigkeit“). In ihrem Buch betont Kaminer, dass auch die sozialen Normen und die Alltagskultur in Amerika Verschwörungstheoretikern ein freundlicheres Umfeld böten als viele andere Kulturen. Hier sei es nämlich das eigene subjektive Erleben einer Situation und der eigene Glaube, der zunächst einmal gewertschätzt werden müsse, so die soziale Norm. Wo man in anderen Kulturkreisen also Unsinn schneller Unsinn nennen könne, müsse man in Amerika zunächst einmal die Perspektive des Anderen würdigen, egal wie abwegig sie sei. Im Extremfall könne dann eben die sozial erwünschte Reaktion auf die Behauptung, man habe einen Außerirdischen getroffen, lauten: „Wirklich, erzähl mir mehr?“ oder „Wie war das für dich?“.

Gefühle zählen mehr als Belege

Für Donald Trump jedenfalls reichte es schon in vielen Situationen, ohne jeglichen Beleg zu behaupten, er glaube oder fühle etwas. Ein Reporter des „Time“-Magazins fragte ihn einmal, ob er wirklich glaube, die allgemeine Wahl wegen Millionen „illegaler“ Wähler verloren zu haben. „Ich bin ein sehr instinktiver Mensch. Mein Instinkt stellt sich als richtig heraus“, war seine Antwort. Sean Spicer, sein Ex-Pressesprecher, sekundierte dem Präsidenten, indem er sagte, Trump „glaube“, dass drei bis fünf Millionen Menschen „illegal“ abgestimmt hätten. Auch ein ABC-Moderator bekam von Trump eine ähnliche Antwort, auf die Frage, ob diese Behauptungen nicht gefährlich seien. „Absolut nicht, denn viele Menschen haben das gleiche Gefühl wie ich!“ Belege gibt es nicht.

Donald Trump ist wohl der erste Präsident des modernen Amerika, der die Verschwörungstheorien zu einem Teil zu einem Teil seiner Marke machte. Seine neueste Theorie kam am Freitag, wie so oft über Twitter: Der Kurznachrichtendienst habe einen Teil seiner Follower einfach verschwinden lassen. „Twitter hat viele von meinen Followern gelöscht und, noch wichtiger, sie haben wohl etwas getan, was es viel schwieriger macht, Mitglied zu werden. Sie haben das Wachstum gebremst, bis es jetzt für jeden offensichtlich ist. Vor ein paar Wochen war es ein Raketenboot, jetzt ist es ein Luftschiff. Totale Voreingenommenheit?”

Twitter gab gerade bekannt, dass es durch das schärfere Vorgehen gegen Fake News im letzten Quartal um die neun Millionen User und Bots verloren habe. Den Verdacht der Voreingenommenheit gegen Trump oder andere Personen wies das Unternehmen zurück. Belege lieferte Trump auch nicht – aber irgendetwas wird schon hängen bleiben.

Quelle: FAZ.NET
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