Wahl in Amerika

Träume von Vätern

Von Matthias Rüb
05.11.2012
, 10:46
Barack Obama hat in Washington lernen müssen, wie hart die Politik ist.
Bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl stehen sich am Dienstag zwei Kandidaten gegenüber, deren Herkunft unterschiedlicher kaum sein könnte: Mitt Romney will das Werk seines Papas vollenden. Barack Obama ging eher in die Politik, weil er nie einen echten Dad gehabt hat.
ANZEIGE

Als Mitt Romney am 3. Oktober in Denver hinter das Stehpult zur ersten Kandidatendebatte mit Präsident Barack Obama trat, brauchte er keine Notizen. Er hatte sich mehrere Wochen lang intensiv auf das Wortduell vorbereitet, seine „Talking Points“ geschliffen, seine Schlussansprache auswendig gelernt. Ehe der Moderator die erste Frage an den Republikaner richtete, kritzelte Romney drei Buchstaben auf das leere Blatt Papier, das vor ihm lag: „Dad“. „Papa“ George, der 1995 gestorben ist, sollte Mitt Romney ein Leitbild sein während der bis dahin wichtigsten Debatte seines Lebens. Zugleich gab Mitt Romney so etwas wie ein Versprechen ab: für seinen Vater zu erreichen, was diesem versagt geblieben war, nämlich ins Weiße Haus gewählt zu werden.

ANZEIGE

Man kann den Menschen und den Politiker Mitt Romney nicht verstehen, ohne dessen tiefe Liebe und Verehrung für seinen Vater George zu ermessen. Und man kann ihn nicht verstehen, ohne die tiefe Verwurzelung in der mormonischen „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ in den Blick zu nehmen.

George Romney wurde in der mormonischen „Colonia Dublán“ nahe Galeana im nordmexikanischen Bundesstaat Chihuahua geboren. Dorthin war Mitt Romneys Großvater Gaskell Romney (1871 bis 1955) im Alter von 14 Jahren mit seinen Eltern aus Utah geflohen, weil die Mormonen seinerzeit noch die Vielehe praktizierten und deshalb verfolgt wurden. Mitt Romneys Urgroßvater Miles Park Romney (1843 bis 1904) hatte fünf Frauen - darüber spricht Romney fast nie. Im Jahre 1890 untersagte die Führung der Mormonen-Kirche in Salt Lake City in Utah die Polygamie. Seither sind die Mormonen, von Splittergruppen abgesehen, nicht nur streng monogam, sie verkünden auch, dass Eheleute und Familien für alle Ewigkeit aneinander „gesiegelt“ seien. Romneys Großvater Gaskell war der Erste in der Sippe, der gemäß der neuen Verfügung aus Salt Lake City der Vielweiberei abschwor.

Mit Romney war das Nesthäckchen

Die Romneys gehören zu den Mormonen der ersten Stunde. Mitt Romneys aus England eingewanderter Ururgroßvater Miles Romney (1806 bis 1877) konvertierte 1837 zu der erst sieben Jahre zuvor vom Propheten Joseph Smith (1805 bis 1844) gegründeten Religion. Joseph Smith wurde von einem Mob erschossen. Das damals noch kleine Häuflein der Mormonen wurde immer weiter nach Westen vertrieben, ehe es endlich in der unwirtlichen Salzwüste von Utah eine ständige Bleibe fand.

ANZEIGE

George Romney kam im Sommer 1912 als vier Jahre alter Bub aus Mexiko in die Vereinigten Staaten. Der einst sichere Hafen Mexiko, in dem die Familie erst eine Generation zuvor Zuflucht gefunden hatte, war durch die mexikanische Revolution nun selbst gefährlich geworden. Hab und Gut der Familie waren in Mexiko zurückgeblieben, George Romney wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er versuchte sich in mehreren Studiengängen, als Verkäufer von Milchprodukten und Kartoffeln, stieg schließlich beim Aluminiumhersteller Alcoa in Pittsburgh in Pennsylvania vom Lehrling bis ins Management auf. Seine Frau, die angehende Hollywood-Schauspielerin Lenore LaFount, umwarb er energisch, bis sie schließlich ihre Karriere aufgab und ihm nach Detroit in Michigan folgte, wo Romney in der Automobilindustrie reüssierte.

Mitt Romney ist überzeugt, mit seiner Unternehmenserfahrung Amerika reformieren zu können.
Mitt Romney ist überzeugt, mit seiner Unternehmenserfahrung Amerika reformieren zu können. Bild: AFP

George Romney liebte und verehrte seine Frau. Die vier Kinder wurden zwischen 1935 und 1947 geboren, Mitt war das Nesthäkchen. Fast jeden Tag brachte George Romney seiner Frau Lenore eine Rose mit, versehen mit einem kurzen Billet-doux. Nachdem er in der Wirtschaft Erfolg und Reichtum erlangt hatte, versuchte sich George Romney in der Politik - als gemäßigter und pragmatischer Republikaner. 1962 wurde er, im Alter von 55 Jahren, zum Gouverneur von Michigan gewählt. 1966 gelang die Wiederwahl. Die Präsidentschaftskandidatur 1968 scheiterte früh, in den Vorwahlen der Republikaner setzte sich Richard Nixon klar gegen Romney durch. Nach seinem Wahlsieg vom November 1968 gegen den Demokraten Hubert Humphrey holte Nixon Romney als Wohnungsbauminister ins Kabinett nach Washington. Doch da hatte George Romney schon den Zenit seiner politischen Laufbahn überschritten.

ANZEIGE

Der Verlust traf den Sohn hart

Mitt Romneys Werdegang ist eine erstaunlich genaue Blaupause des Lebens und der Karriere seines Vaters. Zwar wuchs er selbst in Wohlstand und Sicherheit auf, doch vom Vater George hatte er erfahren, dass man mit harter Arbeit, mit Instinkt und Risikobereitschaft im Geschäftsleben sowie mit Zuverlässigkeit und Liebe im Familienleben den amerikanischen Traum verwirklichen kann. Seine Frau Ann verehrt Mitt, wie einst Vater George seine Lenore auf Händen getragen hatte. Vor dem Gang in die Politik kam der Erfolg in der Wirtschaft. Dieser Erfolg brachte Mitt Romney in der neuen Welt der Hedgefonds und der Investitionsgesellschaften in relativ kurzer Zeit freilich viel mehr Geld ein, als Vater George je in der Metall- und Autoindustrie verdienen konnte.

In Harvard hat Mitt Romney von 1971 bis 1975 Jura und Wirtschaft studiert. Noch an der Universität wurde er von einem großen Wirtschaftsberater angeworben. Das große Geld sollte für Romney aber erst von 1984 an bei der Beteiligungsgesellschaft Bain Capital kommen. Seinen ersten Wahlkampf verlor Mitt Romney: 1994 unterlag er dem Demokraten Ted Kennedy im Kampf um einen Senatssitz für Massachusetts. Im Jahr darauf starb der Vater, 88 Jahre alt. Der Verlust traf den Sohn hart. Nun musste Mitt Romney die Fackel weitertragen.

Mit Mitt: George Romney 1964 auf der Messe New York.
Mit Mitt: George Romney 1964 auf der Messe New York. Bild: dapd

Der Schritt in ein öffentliches Amt gelang dann 2001, als Romney zum Manager der Winterolympiade 2002 von Salt Lake City in Utah berufen wurde. Die Vorbereitung der Spiele war nach einem Bestechungsskandal in eine tiefe Vertrauens- und Schuldenkrise geraten. Das Etikett „Retter der Spiele“ half Romney dabei, später die Gouverneurswahlen von 2002 im linksliberalen neuenglischen Bundesstaat Massachusetts zu gewinnen. Mitt Romney war 55 Jahre alt, so alt wie sein Vater bei dessen Wahlsieg in Michigan. Wie sein Vater hatte er als gemäßigter Republikaner die politische Mitte für sich gewinnen können. In seiner Amtszeit von Anfang 2003 bis Januar 2007 regierte Romney als moderater Problemlöser, nicht als Ideologe. 2006 unterzeichnete er in Boston eine Gesundheitsreform für Massachusetts, die manche Ähnlichkeit mit Obamas nationaler Gesundheitsreform vom März 2010 aufweist.

ANZEIGE

In seinem Amtszimmer in Boston ließ Romney Porträtbilder aller seiner männlichen Vorfahren aufhängen - vom Vater George bis zum Ururgroßvater Miles Romney. Anders als sein Vater gab Mitt Romney nach dem ersten gescheiterten Anlauf auf das Weiße Haus nicht auf: Nach der Vorwahlniederlage gegen John McCain von 2008 bereitete er unverzüglich seine Kandidatur für 2012 vor: systematisch, geduldig, zielstrebig. Sollte Mitt Romney der Sprung ins Weiße Haus gelingen, es wäre nicht nur eine Art posthumes Geschenk an den Vater. Es wäre auch ein Zeichen dafür, dass die Mormonen ganz und gar in jener Gesellschaft angekommen sind, aus der sie vor knapp zwei Jahrhunderten entstanden sind.

„Wählen ist die beste Rache“

Von Präsident Barack Obama ist nicht überliefert, dass er vor dem Fernsehduell vom 3. Oktober etwas auf sein Notizpapier geschrieben hätte. Schon gar nicht das Wort „Dad“. Welchen Vater hätte er wie einen Schutzheiligen anrufen können? Seinen leiblichen Vater aus Kenia, der daheim insgeheim eine zweite Ehe führte und Barack Obamas Mutter Ann Durham verließ, als der nach ihm benannte Sohn noch nicht einmal ein Jahr alt war? Oder seinen indonesischen Stiefvater Lolo Soetoro, mit dem Obama immerhin einige Jahre in Jakarta zusammenlebte? Oder seinen Großvater, den er „Gramps“ nannte und bei dem er von 1971 bis 1979 in Hawaii lebte?

Es scheint eine große Kluft zwischen jener historischen Figur, die vor vier Jahren mit der Botschaft von „Hoffnung und Wandel“ die Nation zu einen versprach, und dem grimmigen, ja verbissenen Wahlkämpfer des Wahljahres 2012 zu liegen, der sich am Wochenende gar zu dem Schlachtruf hinreißen ließ: „Wählen ist die beste Rache!“ Zwei Tage nach Obamas Amtseinführung vom Januar 2009 hatte eine Umfrage von Gallup ergeben, dass 68 Prozent der Befragten mit dem neuen Präsidenten zufrieden waren und große Erwartungen in ihn setzten; gerade einmal zwölf Prozent sprachen sich gegen ihn aus. Heute äußern 50 Prozent Zustimmung zur Arbeit des Präsidenten, 47 Prozent lehnen ihn ab.

Es ist eine große Kluft zwischen „Hoffnung und Wandel“ 2008 und dem verbissenen Wahlkämpfer 2012.
Es ist eine große Kluft zwischen „Hoffnung und Wandel“ 2008 und dem verbissenen Wahlkämpfer 2012. Bild: AFP

Die Demokratische Partei verfügte nach den Wahlen von 2008 über eine „Supermehrheit“ von 60 der 100 Stimmen im Senat, auch das Repräsentantenhaus wurde mit deutlicher Mehrheit von den Demokraten kontrolliert. Die oppositionellen Republikaner waren schwer geschlagen, es würde Jahre dauern, bis sie auch nur annähernd wieder programmatische konkurrenzfähig sein würden, hatte es geheißen. Und jetzt liegt ein republikanischer Kandidat, der kein Charisma hat und sich im Wahlkampf am meisten selbst im Weg stand, mit dem Präsidenten gleichauf und hat eine realistische Siegchance. Die Republikaner stecken voller Energie, sind noch immer beflügelt von ihrem Erdrutschsieg bei den Kongresswahlen von 2010 und werden nach aller Wahrscheinlichkeit ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigen können.

ANZEIGE

Die Erfahrung des Außenseiters

David Maraniss, der nach vier Jahre währender Recherche und Gesprächen mit Hunderten Zeitzeugen eine 600 Seiten umfassende Monumentalbiographie über Obama mit dem Untertitel „The Story“ geschrieben hat, kommt zu der Feststellung, dass für viele Amerikaner ihr Präsident heute ein größeres Rätsel ist, als er es ihnen noch vor vier Jahren war. Am wenigsten hilft zur Erhellung der Identität und der Herkunft des Präsidenten dessen Autobiographie „Dreams from My Father“, die Obama im Alter von 34 Jahren verfasste.

Das Buch war ein Ladenhüter, als es 1995 erschien, es wurde erst nach Obamas denkwürdiger Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Boston 2004 zum Bestseller. Maraniss hat mehr als drei Dutzend Stellen gefunden, in denen Obama seine Geschichte anders erzählt, als sie von allen anderen Beteiligten erinnert wird. Verschiedene wirkliche Personen werden zu einer fiktiven Figur verschmolzen. Menschen weißer Hautfarbe werden aus dem Bericht fortgelassen, das Leiden schwarzer Figuren wird zugespitzt, dramatisiert. Tatsächlich ist das Buch gar keine Autobiographie, es ist eine „Geschichte von Rasse und Erbschaft“, wie es im Untertitel heißt.

Keine politisch prägende Vaterfigur: Barack Obama sr.
Keine politisch prägende Vaterfigur: Barack Obama sr. Bild: AP

Anders als Romney eifert Obama bei der Suche nach seiner Identität also keiner prägenden Vaterfigur nach, denn er hatte keinen Vater, der ihn hätte prägen können. Selbst die Mutter war kaum gegenwärtig im Leben des Teenagers, der seine Identität selbst erfinden musste. Diese Suche ist geprägt von der Erfahrung des Außenseiters, der gleichsam auf halber Strecke zwischen Weißen und Schwarzen lebt: In Chicago arbeitet Obama nach dem Studium der Rechtswissenschaft in Harvard als Sozialarbeiter in einem Wohnviertel der Schwarzen - aber er wohnt nicht dort, sondern im wohlhabenden Viertel Hyde Park, wo die Mehrheit der Einwohner Weiße sind.

ANZEIGE

Beide Kandidaten sind vom Pragmatismus geprägt

Neben Maraniss kommt auch der einstige Entlarver des Watergate-Skandals, Bob Woodward, in seinem jüngsten Obama-Buch „The Price of Politics“ zu dem Schluss, dass bestimmte Charakterzüge des Präsidenten zur Verhärtung der Fronten in Washington beigetragen haben. Obama verhalte sich im politischen Prozess des Gebens und Nehmens, um einen Kompromiss zu erreichen, eher wie ein Zuschauer mit Vogelperspektive statt wie ein aktiver Teilnehmer. Anders als etwa Bill Clinton suche Obama nicht das Gespräch und den Kontakt mit Abgeordneten und Senatoren der anderen Partei, sondern ziehe sich in den Kokon des Weißen Hauses zurück, in dem er vor allem von engen Beratern aus Chicago umgeben sei. Zugleich orientiere sich Obama stark am Wettbewerbsgedanken: Vom Basketballspiel über das Kegeln bis zum politischen Kampf lasse er nur den Sieg gelten. All das überlagere Obamas politischen Pragmatismus, glauben Maraniss und Woodward.

Mit dieser Haltung scheint sich Obama bei der Vorbereitung auf die vielleicht entscheidende erste Fernsehdebatte vom 3. Oktober selbst im Weg gestanden zu haben. Der Präsident war auf den Schlagabtausch mit Romney nicht nur ungenügend vorbereitet, er erweckte den Eindruck, als empfinde er schon die direkte Auseinandersetzung mit Romney als Zumutung. In der zweiten und dritten Debatte vermochte Obama zwar den selbst angerichteten Schaden zu reparieren, aber der gesamte Wahlkampf hatte nach dem ersten Fernsehduell eine neue Dynamik erhalten, die für Obama höchst ungünstig war.

Es gehört zur politischen Folklore in jedem Wahljahr, die bevorstehende Entscheidung an den Urnen als die wichtigste „in einer ganzen Generation“ oder gar „unseres ganzen Lebens“ darzustellen. Zum Geschäft der Zuspitzung gehört es auch, die weltanschaulichen Unterschiede der Kandidaten und ihrer Parteien herauszustreichen, gar bis zur Karikatur zu überzeichnen. Gewiss, Romney und die Republikaner wollen die Rolle des Staates im Wirtschaftsleben und die Steuerlast zurückschrauben, weil sie vor allem der schöpferischen Kraft des Einzelindividuums und dem Markt vertrauen. Obama und die Demokraten wollen die regelnde Hand des Staates stärken, den Reichen mehr Steuern abverlangen, um Gerechtigkeit und Chancengleichheit durchzusetzen. Doch an diesem Dienstag stehen sich zwei Kandidaten gegenüber, deren Herkunft und Antrieb zwar kaum unterschiedlicher sein könnten, deren politisches Naturell aber mehr vom Pragmatismus geprägt ist, als es die Rhetorik des Wahlkampfs vermuten lässt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE