Vor der Europäisierung

02.08.2003
, 12:00
Achtzig Prozent eines Jahrgangs zum Abitur zu führen war das erklärte Ziel der französischen Schulpolitik im Jahre 1989. In diesem Jahr wurde es zum ersten Mal erreicht, obwohl Bildungsminister Luc Ferry angesichts der Streiks in den Schulen dies kaum für möglich gehalten hätte.
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PARIS, 1. August

Achtzig Prozent eines Jahrgangs zum Abitur zu führen war das erklärte Ziel der französischen Schulpolitik im Jahre 1989. In diesem Jahr wurde es zum ersten Mal erreicht, obwohl Bildungsminister Luc Ferry angesichts der Streiks in den Schulen dies kaum für möglich gehalten hätte. In die Überraschung über die hohe Quote mischen sich durchaus Zweifel an möglicherweise zu wohlwollenden Bewertungen. Zur Zeit studieren etwa 50 Prozent der französischen Abiturienten. Die deutsche Bildungsministerin wird angesichts ihrer bescheidenen und immer noch übertrieben hohen Zielvorgabe von 40 Prozent Abiturienten eines Altersjahrgangs vor Neid erblassen. Doch die Anzahl der bestandenen Abiturprüfungen sagt noch nichts über die Studierfähigkeit aus, zumal die französischen Universitäten auch Berufsabschlüsse anbieten, die in Deutschland dem dualen System zuzuordnen wären.

Da die französischen Universitäten in der Regel keine Zulassungsbeschränkungen haben und ihre Studenten nicht selbst auswählen können - eine Ausnahme bildet die Université Paris-Dauphine (Paris IX), die jedoch auch keine Prüfung fordert, sondern lediglich ein "dossier" -, scheitern in nicht wenigen Fächern schon in den ersten beiden Semestern mehr als vierzig Prozent der Studienanfänger an der Abschlußprüfung des ersten Studienabschnitts, im dritten und vierten Semester noch einmal 25 Prozent. Die Geamtzahl der Studienabbrecher ist hoch. Offensichtlich scheitern vor allem Abiturienten, die ein "bac technologique" abgelegt haben. Die Steigerung der Studierendenzahlen von 1,2 Millionen im Jahr 1980 auf 2,1 Millionen im Jahr 2003 ist ein quantitativer, aber nicht in jedem Fall qualitativer Zugewinn. Die französischen Universitäten sind in der unangenehmen Lage, daß die staatlichen wie privaten Grandes Ecoles und renommierte Institute wie das "Institut Sciences Po" in Paris die begabtesten Schüler durch den erfolgreichen Besuch einer Vorbereitungsklasse (classe préparatoire) und die Teilnahme an einem "concours" (Wettbewerb) anziehen. An den Grandes Ecoles studieren etwa 320 000 Studenten. In einigen dieser Hochschulen werden die Studenten schon während des Studiums bezahlt, müssen sich allerdings verpflichten, mindestens zehn Jahre für den Staat zu arbeiten. Wer an einer der privaten "Ecoles de Commerce et de Gestion" studieren will, die von den Industrie- und Handelskammern getragen werden, muß hohe Studiengebühren entrichten.

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Trotz der beträchtlichen Finanzknappheit an den Universitäten ist eine Diskussion über Studiengebühren und Auswahlrecht der Studenten in Frankreich tabu. An den Universitäten kann nahezu jedes Fach studiert werden, ganz selten jedoch sind alle Fakultäten an einer Universität zu finden, vielmehr verteilen sie sich auf mehrere nahezu selbständige kleine Bereiche. Das Studium ist in Frankreich wesentlich verschulter als in Deutschland, die meisten Kurse werden am Ende eines Studienjahres (erst durch die Europäisierung der Hochschulen hat auch Frankreich die Gliederung in Semester übernommen) mit einer Klausur abgeschlossen. Die Wahlfreiheit innerhalb des gewählten Studienganges auch der Fächerkombinationen für Lehrämter ist beschränkt.

Es gibt keine Trennung zwischen Lehramts-, Magister- und Diplomstudiengängen, das Studium diente bisher vor allem der Vorbereitung auf das Lehramt. Neben den allgemeinen Abschlüssen DEUG nach vier Semestern, Licence nach sechs Semestern und Maîtrise nach acht Semestern wurde aufgrund der Beschlüsse in Bologna das sogenannte LMD-Modell eingeführt, die Einteilung des Studiums in die Phasen Licence, Master und Doctorat. Im Unterschied zu deutschen Universitäten wird die Einführung des BA/MA-Modells nicht im Hochschulrahmengesetz geregelt, sondern durch ein Dekret national festgelegt. Ein Viertel aller Hochschulen muß Pläne zur Reform der Studienstrukturen vorlegen, um das neue Modell vom Studienjahr 2003/2004 an einzuführen, vom Wintersemester 2006/2007 an sollen alle französischen Universitäten entsprechende Studiengänge anbieten. Die bisherigen Studienabschlüsse bleiben erhalten, allerdings die Vielzahl der erst vor kurzem eingeführten französischen "mastaires" indessen nicht mehr. Denn Luc Ferry will künftig nur noch einen "master recherche" (akademisch orientiert) und einen "master professionnel" (praktisch orientiert) vergeben. Das Doktorandenstudium findet an einer der drei "écoles doctorales" statt, um mehr Transdisziplinarität und Allgemeinbildung zu erreichen.

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Wie in allen europäischen Ländern wurde die Studienreform begleitet durch die Einführung des Kreditpunktesystems ECTS (European Credit Transfer System), wobei in Frankreich für eine Licence 180 Kreditpunkte vonnöten sind, für den Master insgesamt 300. Das Studium selbst soll durch sogenannte Module, also feste Unterrichtseinheiten, offener werden für ausländische Studenten und für Studienortwechsel innerhalb Europas. Doch die Festlegung eines Kreditpunkts für 20 Stunden Arbeit ist ein relativer Begriff, zumal der Besuch von Lehrveranstaltungen, Hausarbeiten und Praktika einbezogen sind. Erreichte Kreditpunkte sagen noch gar nichts über die tatsächlichen Kenntnisse und Fähigkeiten eines Studenten aus. Einige der den französischen Universitäten angegliederten Institute wie das "Institut Universitaire de Technologie de Grenoble" trauen dem Kreditsystem deshalb nicht und überprüfen die tatsächlich erreichten Kenntnisse noch einmal selbst. Diese Institute bieten berufspraktische Abschlüsse an, die meist nach zwei bis drei Jahren erlangt werden können, und wählen ihre Studenten zumeist selbst aus. Das gilt vor allem für die begehrten Ingenieurschulen, denn das französische Ingenieurdiplom genießt ähnlich wie das deutsche auf dem Arbeitsmarkt noch wesentlich höhere Anerkennung als der Master für Ingenieure.

Der Freiraum französischer Universitäten insgesamt ist erheblich eingeschränkter als in Deutschland. Jede Universität schließt mit dem Bildungsministerium einen Vertrag, der für je vier Jahre die Lehre, die Bibliotheken, die Internationalität und schließlich die Belange der Studenten regelt, das Ministerium behält die Mitsprache. Außerdem soll künftig jede Universität ein Globalbudget bekommen, das je nach Region unterschiedlich hoch sein wird, denn die Regionen sollen sich im Rahmen des Dezentralisierungsprogramms daran beteiligen, um Paris zu entlasten. Die Universitäten haben überdies das Recht, private Geldquellen zu erschließen.

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Relativ groß ist die Selbstbestimmung bei der Auswahl der Professoren: Sie werden durch ein nationales Auswahlkomitee zugelassen, das auch die offenen Stellen an den Hochschulen veröffentlicht. Die Bewerber tragen sich in eine Liste ein, aus der drei Kandidaten pro Stelle in eine nähere Auswahl gezogen werden. Undenkbar wäre, daß Professoren unterschiedlich bezahlt werden. Da es die in Deutschland übliche Einheit von Forschung und Lehre an französischen Universitäten so nicht gibt, gliedert sich der Lehrkörper in forschungsorientierte Professoren, die gleichzeitig an einem der Forschungsinstitute arbeiten, Lehrpersonal aus dem Sekundarbereich, das zur Hochschullehre freigestellt ist, sowie assoziierte Professoren, die zumeist im Berufsleben stehen und einen Lehrauftrag wahrnehmen. Trotz der strukturellen Unterschiede steht Frankreich vor allem bei der Qualitätssicherung vor ähnlichen Schwierigkeiten wie Deutschland. Die Bologna-Nachfolgekonferenz im September in Berlin wird sich deshalb vor allem diesem Thema widmen. Die wesentlichen Unterschiede bleiben die des zentralistischen und föderalistischen Modells.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2003, Nr. 177 / Seite 10
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